Krieg von 1870/71 (1): „Vom Elend einer direkten Betheiligung am Kriege befreit“

Vor 150 Jahren erklärte Frankreich Preußen den Krieg. Luxemburg, das drei Jahre zuvor als „neutral“ erklärt worden war, versuchte diesen Status per Hilfstätigkeit zu nutzen, um dadurch seine Unabhängigkeit zu bewahren.

Belagerung von Straßburg. 
Im Krieg von 1870/71 wurden moderne, weitreichende Waffen eingesetzt. (Quelle: archives.strasbourg.eu)

„Draußen auf dem Felde sieht es wirklich heillos aus,“ meldete das „Luxemburger Wort am 20. Juli 1870. „Die brachliegenden Felder und großentheils auch die Wiesen liegen so dürre da, daß man den Boden mit Zündhölzchen anstecken könnte.“ Luxemburg war in diesem Sommer von Hitze und Regenmangel geplagt, was eine schlechte Ernte vorausahnen ließ. Angesichts des Zeitungsbeitrags, der die drastischen Konsequenzen der Trockenheit für die Landwirtschaft beleuchtete, nahm sich ein nebenstehender Hinweis, angesichts der „jetzigen Verhältnisse“ werde das „Wort“ ab sofort ein tägliches Beiblatt veröffentlichen, eher bescheiden aus. Und es war damit auch nicht die Dürre und ihre Folgen gemeint.

Am Tag zuvor hatte das Säbelrasseln Frankreichs und Deutschlands zur Kriegserklärung Frankreichs geführt. Drei Jahre hatte das Großherzogtum bis dahin in relativer Ruhe verbracht, seit 1867 der Londoner Vertrag die aufkommende Kriegsgefahr gebannt hatte. In dem Vertrag war Luxemburg der Status der „immerwährenden Neutralität“ zuerkannt worden – um den Preis der Schleifung der Festung. Diese Neutralität schien ein starkes Pfand in der Hand des Kleinstaates, der nun in einer Reihe stand mit Belgien und der Schweiz, geschützt vor zukünftigen Kriegen und territorialen Ansprüchen. Dass im Juli zwischen Frankreich und Deutschland überraschend wieder kriegerische Töne angeschlagen wurden, ließ jedoch erneut um die Unabhängigkeit des Landes fürchten.

Pazifismus und Humanismus

Der Deutsch-Französische Krieg war eigentlich ein „französisch-preußischer Krieg“. 1866 hatte Kaiser Napoléon III. den preußischen Ministerpräsidenten Bismarck gewähren lassen, als nach dem Sieg Preußens über Österreich eine Reihe von deutschen Ländern in den neuen „Norddeutschen Bund“ einverleibt wurden. Napoléon hatte sogar angesichts von Bismarcks Drohgebärden, wenn auch widerwillig, davon abgelassen, Anspruch auf die Annektierung Luxemburgs zu erheben. Nun warf Bismarck ihm mit der Kandidatur eines deutschen Prinzen auf den spanischen Thron erneut den Fehdehandschuh hin – den der Kaiser am 19. Juli 1870 auf Druck der Straße aufnahm. Napoléon war mit dem sich ausbreitenden Nationalismus groß geworden, die Behandlung Frankreichs durch Deutschland erschien vielen unerträglich: Im Quartier latin in Paris zum Beispiel manifestierten Studenten und Arbeiter*innen für den Krieg. Man war überzeugt, Frankreichs Armee werde in einem Krieg gegen Deutschland siegreich sein – eine große Fehleinschätzung, wie sich zeigen sollte.

Der nun beginnende Krieg war im Vergleich zu den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts ein kurzer. Die ersten verlorenen Schlachten Frankreichs führten bereits am 4. September zum Ende von Napoléons Kaiserreich und zur Ausrufung der Republik. Im satirischen Luxemburger Zeitungsblatt „D’Wäschfra“ hieß es frohlockend: „Napolium, Napolium, mit deiner Sache geht es krumm! Mit Gott drauf los, dann ist’s vorbei, mit seiner ganzen Kaiserei!“ Die neue Regierung führte den Krieg allerdings weiter. Doch im Februar 1871 musste Frankreich schließlich kapitulieren.

Dieser Krieg war europapolitisch von großer Bedeutung: Aus dem Zusammenschluss des Norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Ländern ging nach dem Sieg über Frankreich das Deutsche Reich hervor. Es wurde zu einem bestimmenden Akteur in Europa. Das Elsass und Lothringen gingen an Deutschland, und mit diesem aufgezwungenen Gebietsverlust konnte sich Frankreich nicht abfinden: Der Hass auf die Deutschen nahm in den folgenden Jahrzehnten zu. So war der Eintritt Frankreichs in den Ersten Weltkrieg denn auch begleitet von der Hoffnung, nun endlich die „Schmach von Sedan“ zu tilgen.

In Luxemburg, das nahe am Kriegsgeschehen war, wurde emsig für die Verwundeten gespendet. (Quelle: Luxemburger Wort, 1.9.1870)

Der Krieg vom 1870/71 gilt auch als die endgültige Wende zum modernen Krieg: Es wurden weitreichende Artillerie, Maschinengewehre und andere neue Waffen eingesetzt, die schneller schießen und viel größeren Schaden anrichten konnten als früher. Dass Deutschland siegte, war auch seiner militärischen Professionalisierung zu verdanken, die in Frankreich noch fehlte. Man nahm auch wenig Rücksichten auf den Schutz der Bevölkerung und der Städte. So wurde Straßburg massiv bombardiert, um eine Kapitulation zu erzwingen. Es gab viele Tote und Verletzte unter der Zivilbevölkerung; Brücken, Kirchen und Museen wurden zerstört.

Zugleich jedoch regten sich in Europa Pazifismus und Humanitarismus. Bereits am 16. Juli druckte die Luxemburger Zeitung „L’Union“ eine Proklamation der Internationalen Arbeitervereinigung ab. Darin hieß es: „Travailleurs français, allemands, espagnols, que nos voix s’unissent dans un cri de réprobation contre la guerre. Aujourd’hui, les sociétés ne peuvent avoir d’autre base légitime que la production et sa répartition équitable.“ Auch in Luxemburg gab es pazifistische Töne, allerdings vor allem. Dort wollte die Waschfrau „Kètté“ die Soldaten mit dem Aufschrei „Gewehr ab! Armes bas!“ aufhalten.

„Unterstützung verwundeter Krieger“

Neben diesem politischen Pazifismus entstand aber auch erstmals eine organisierte Hilfsbewegung, die sich nationenübergreifend für die Betreuung der Verletzten einsetzen wollte. Wenige Jahre vor 1870 wurde nicht nur das „Internationale Komitee vom Roten Kreuz“ gegründet, das in Kriegssituationen medizinische Hilfe organisieren sollte, sondern auch die Genfer Konvention festgehalten, die humanitäre Einsätze im Konfliktfall regeln sollte. Als der Deutsch-Französische Krieg ausbrach, kam es, wie in Belgien oder Irland, sofort auch in Luxemburg zur Gründung eines „Central-Comités zur Unterstützung verwundeter Krieger“. Schon im ersten Aufruf wurde unterstrichen, dass alle Opfer betreut werden sollten: „Wenn auch unsere eigene Zukunft durch die traurigen Folgen der auf dem Lande lastenden beispiellosen Trockenheit getrübt ist, so verdankt doch unser Vaterland seiner Neutralität den großen Vortheil, von dem Elend einer direkten Betheiligung am Kriege befreit zu bleiben. Wir halten es demnach für unsere Pflicht, nach Kräften zur Unterstützung und Pflege der Verwundeten, ohne Unterschied der Nation, beizutragen.“ Nun setzte eine emsige Tätigkeit ein, an der sich nicht nur das städtische Bürgertum aller politischer Couleur beteiligte, sondern auch die Bevölkerung der ländlichen Gemeinden. Katholische Geistliche nahmen ebenso teil wie jüdische Fabrikanten. Anfang August manifestierte sich ein „Comité des dames“, das Näharbeiten für die Herstellung von Verbandsmaterial übernahm. Neben dem Sammeln von Lebensmitteln, Pharmazeutik und Verbänden setzte sich das Comité als weitere Aufgabe, Luxemburger Ärzte in die vom Krieg betroffenen Gegenden zu entsenden, die sich zu einem großen Teil recht nahe am Luxemburger Territorium befanden: Die Schlacht von Spicheren fand in der Umgegend von Saarbrücken statt, die Stadt Metz wurde von deutschen Truppen belagert.

Amputationen und Sakramente

Jenen, die sich in die Kriegsgebiete hineinwagten, um vor Ort Hilfe zu leisten, bot sich ein schlimmes Bild. Aus der Schlacht von Spicheren berichtete man von 100.000 verletzten Soldaten, die innerhalb von acht Tagen durch Saarlouis zogen: „il est arrivé au moins 12.000 malades qui ne furent plus en état de marcher, et qui arrivèrent sur des files interminables de chariots.“ Die Ärzte waren mit Schussverletzungen, Brüchen und anderen Verletzungen konfrontiert, Dysenterie und Typhus grassierten. Ein Augenzeuge beschrieb Anfang September im „Luxemburger Wort“ die Lage der Verwundeten: „Auf halb verfaultem Stroh liegen sie dort, die tapferen Helden beider Stämme in allen verlassenen Häusern, in der Kirche, in allen Scheunen, allen Ställen, ohne Nahrung, ohne Wasser, ohne Pflege, ohne religiösen Trost.“ Viele Verletzte hatten laut dem Augenzeugen noch fast eine Woche nach ihrer Verwundung keinen Arzt gesehen. „Deshalb wimmelten die Wunden vieler schon von Würmern und war des Brandes wegen das Leben von drei Viertel derjenigen, die bei zeitlicher Pflege ganz sicher gerettet worden wären, in äußerster Gefahr.“

In Luxemburg fragte man sich mit Sorge, ob die Kriegsparteien die neugewonnene Neutralität des Großherzogtums respektieren würden. (Quelle: Der Volksfreund, 19.7.1870)

Auch bei anderen Schlachten in der Region um Saarbrücken und bei der von Sedan waren die Männer des Hilfskomitee dabei: Die Hilfskolonnen setzen sich zusammen aus Chirurgen, Geistlichen, Krankenhelfern und Fahrern, unter der Leitung eines Abgeordneten, Richters oder Rechtsanwalts. Häufig fiel dabei der Name des liberalen Abgeordneten und späteren Staatsministers Paul Eyschen. An der Expedition nach Sedan nahmen 62 Personen teil. Zahlreiche Amputationen wurden unter primitivsten Bedingungen vorgenommen. In Luxemburg selbst wurde ein Informationsbüro eingerichtet, um Privatleuten bei der Suche nach Angehörigen zu helfen. Es wurden auch Soldaten in Luxemburg gepflegt, darunter solche, die ins Großherzogtum geflüchtet waren. Ende September hieß es dann, das Comité werde seine Arbeit beenden, da nun ausländische Hilfsvereine diese Aktivitäten übernähmen. Den Vorschlag, das Luxemburger Komitee solle eine zentrale Rolle bei der Schaffung einer internationalen Hilfsstruktur übernehmen, lehnte man jedoch ab.

Nicht immer war der Empfang der Luxemburger Hilfskolonnen in der Umgebung der Schlachtfelder freundlich: So verdächtigte man auf französischer Seite die Luxemburger wegen ihres Akzents oder der Nutzung des Luxemburgischen, Preußen zu sein. Zudem waren nicht alle Helfer des Französischen mächtig. Die Deutschen ihrerseits hielten die Luxemburger Hilfskräfte des Öfteren für frankophil, eine Meinung, die auch auf politischer Seite befördert wurde (dazu mehr im zweiten Teil dieses Artikels). Einige Vorfälle zeigen auch, dass es französische Versuche gab, von Luxemburg aus besetzte französische Städte mit Nahrungsmitteln zu versorgen, und dass Luxemburger sich daran beteiligt hatten. In einem Bericht der Luxemburger Ärzteschaft von 1872 dagegen wurde die unparteiische Hilfsbereitschaft und Fürsorge betont: „Allemands et Français étaient soignés avec les mêmes égards dus au malheur et au courage. En les voyant si bons voisins alors qu’ils étaient cloués sur le lit de douleur, l’on se demandait, si la responsabilité de ceux qui les avaient conduits au carnage, n’était pas au-dessus de toute clémence divine.“

Nach einer Rechnung des Hilfskomitees lieferte die Luxemburger Bevölkerung, die zu dieser Zeit um 200.000 Personen umfasste, Spenden, Lebensmittel und Material in einer Größenordnung von 310.000 Franken. Was trieb die Luxemburger Bevölkerung an, sich derart stark zu engagieren, obwohl Luxemburg der Genfer Konvention nicht einmal beigetreten war (das sollte erst 1888 der Fall sein)? In einem späteren Bericht wurde das „charitable dévouement“ der Ärzteschaft, so erklärt: „[R]rien, ni intérêt, ni famille, ne saurait retenir le médecin, lorsqu’un devoir d’humanité l’appelle.“ Auf der Seite der Bevölkerung lässt sich der kollektive Elan über ideologische Grenzen hinweg auch durch eine Säkularisierung christlicher Werte wie Barmherzigkeit und Nächstenliebe erklären.

Durch massive Bombardierung sollte die Stadt Straßburg zur Kapitulation gezwungen werden. Es gab zahlreiche Tote unter der Zivilbevölkerung. (Quelle: archives.strasbourg.eu)

Humanitäre Hilfe als Schutzschild

Der Historiker Christian Calmes weist noch auf weitere Motive hin: „Dès les premiers jours de la guerre le Luxembourg sentit naître en lui une vocation humanitaire. Une action convergente des médecins qui souhaitaient monter à Luxembourg un service de la Croix-Rouge et des élites politiques elles-mêmes poussées par la population — qui désirait consolider la neutralité par une attitude de coopération sur le plan de l’entraide entre nations —, provoqua, fin juillet 1870, la création d’un Comité central de secours.“ Zudem sei die öffentliche Meinung beeinflusst worden durch den neuartigen Diskurs einer Humanisierung des Krieges.

Es ist durchaus denkbar, dass man sich am Beispiel der Schweiz einen neuen internationalen Status verschaffen wollte. Denn manche der neutralen Länder versuchten ihren Status zu festigen, indem sie sich für Konfliktschlichtung, diplomatische Vermittlung oder Hilfseinsätze bei internationalen Konflikten einsetzten. Weshalb der Gedanke in Luxemburg nach dem Deutsch-Französischen Krieg nicht weitergeführt wurde, wäre eine Untersuchung wert – ein Aspekt war sicherlich der Unwille der Großmächte, vor allem Deutschlands, die Unabhängigkeit Luxemburgs als dauerhaften Zustand zu sehen. Der Luxemburger Neutralitätsstatus war auch dadurch fragiler, dass das Land anders als die Schweiz oder Belgien keine Neutralität besaß, die auf einer Armee basierte, sondern im Gegenteil die Festung geschleift worden war. Dieser Angreifbarkeit wurde man sich im Ersten Weltkrieg, in dem Luxemburg von Deutschland besetzt worden war, drastisch bewusst.

Interessanterweise wurde kurz vor dem Zweiten Weltkrieg die Idee der humanitären Hilfe wieder aus der Schublade gezogen. 1938 entstand das „Comité international d’information et d’action pour la protection de la population civile en temps de guerre“, dessen Präsident Prinz Felix war. Der Plan, in Luxemburg Krankenhäuser für den drohenden Kriegsfall einzurichten, wurde jedoch von Frankreich Ende 1939 abgelehnt, unter anderem weil Luxemburg zu dicht an den Schlachtfeldern liege und keine Sicherheitsgarantien liefern könne. Ein halbes Jahr später war der Traum von Mullbinden und Lazaretten als unschlagbare Waffen des Neutralitätsstatus ausgeträumt.

Teil 2 folgt in der Ausgabe Nr. 1601 
vom 9. Oktober.
Quellen:


ANLUX, AE-00316-03.
Zeitungen der Zeit auf E-Luxemburgensia, Juli bis September 1870.
Barthel, Charles, Au service de l’humanité. Histoire de la Croix-Rouge luxembourgeoise 1870-1914-2014, Luxembourg 2014.
Calmes, Christian, Le Luxembourg dans la guerre de 1870, in Hémecht (1970).
Lefort, Alfred, Les Français à Luxembourg. Notes d’histoire, Luxembourg 1899.
Schmit, Pierre, Rapport sur les services rendus par le corps médical luxembourgeois dans la guerre de 1870 à 1871, Luxembourg 1872.
Seewald, Berthold, Sedan: Modernste 
Waffen entschieden die Schlacht, 
in: Die Welt, 1. 9. 2017. 
welt.de/geschichte/article168199226/Modernste-Waffen-entschieden-die-
Schlacht.html

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