Leitfaden zur Inklusion queerer Menschen in Unternehmen

Der Unternehmensnetzwerk Inspiring More Sustainability (IMS) hat seinen ersten Leitfaden zur Inklusion queerer Menschen in Unternehmen veröffentlicht. Zur Kampagne gehören auch Videos von Premierminister Xavier Bettel und der Europaabgeordneten Tilly Metz.

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Ein richtiges Coming-Out bei der Arbeit musste ich nicht machen, weil mein heutiger Ex-Mann damals mein Vorgesetzter war – es war unvermeidbar, dass das auch Thema unter den Menschen war“, sagt die EU-Abgeordnete Tilly Metz (déi Gréng) in einem Video von Inspiring More Sustainability (IMS). Sie war stellvertretende Direktorin am Lycée technique pour professions éducatives et sociales und wurde zur Bürgermeisterin von Weiler-la-Tour gewählt, als sie sich in Barbara Agostino verliebte. Metz ist offen lesbisch und inzwischen mit Agostino, die ebenfalls in einem Video für IMS über ihre beruflichen Erfahrungen als Lesbe spricht, verheiratet. Tilly Metz und Barbara Agostinos Erfahrungsberichte sind Teile einer Initiative von IMS: Das Netzwerk, das sich für „Corperate Responsibilty“ in luxemburgischen Unternehmen einsetzt, veröffentlichte am Mittwoch einen Leitfaden zur Inklusion von LGBTI-Menschen in Unternehmen – „Inclusion des personnes LGBTI en entreprise“. Die vorgestellten Maßnahmen gehen über leere Symbolaktionen zu internationalen Gedenktagen hinaus.

Er enthält neben einer Einführung von der Familienministerin Corrine Cahen eine Reihe „Best Practices“ von Unternehmen weltweit. Darunter befinden sich Praktiken wie die Einführung einer Broschüre zur Transition auf dem Arbeitsplatz, die das Arbeitsumfeld über den Prozess aufklären und Möglichkeiten zur Unterstützung der trans Person aufweisen soll (Dow, USA). Andere Vorschläge sind die Einrichtung einer anonymen Telefonhilfe für queere Mitarbeiter*innen (Deloitte, Luxemburg) oder die Gründung einer unternehemnsinternen LGTBI-Gruppe (Banque internationale à Luxembourg, Luxemburg). Eine weitere Idee: Die Zusammenarbeit mit LGBTIQA+-Organisationen, die bei der Weitervermittlung von trans Arbeitskräften behilflich sein können (El corte inglés, Portugal). IMS hat insgesamt 21 Leitlinien zusammengetragen. Am Ende der Broschüre stehen Erfahrungsberichte, wie die von Metz und Agostino. Auch Premierminister Xavier Bettel spricht dort offen über sein Coming-Out.

Was die sexuelle Orientierung angeht, ist die größte Herausforderung, sich selbst zu akzeptieren“, sagt er. „Es zu wissen, ist eine Sache, doch es zu akzeptieren ist eine andere.“ Während Xavier Bettels erster Amtszeit (2013-2018) führte die luxemburgische Regierung 2014 die Ehe für alle ein. Ein Jahr später heiratete Bettel seinen Lebensgefährten Gauthier Destenay. Er zählt damit zu den wenigen homosexuellen Regierungschef*innen, die während ihrer Amtszeit heirateten. Anders als Tilly Metz, die von anonymen Drohanrufen nach ihrem Coming-Out spricht, hat Bettel nach Eigenaussage keine homofeindliche Diskriminierung erfahren. Er erzählt in dem Beitrag für IMS allerdings davon, dass ihm bei einer Reise als Parlamentarier von einem gemeinsamen Zimmer mit Destenay abgeraten wurde. „Man hat mir gesagt: ‚Es ist nicht gut, dass Sie ein Zimmer mit einem Mann teilen, Sie legen damit nahe, dass das Ihr Partner ist. Es ist besser, Sie geben ihn als Ihren Assistenten oder Ihren Sekretären oder Ihren Berater aus.‘ Ich habe der Organisation geantwortet, dass ich es vorziehe für homosexuell gehalten zu werden als den Ruf zu haben, sexuelle Beziehungen mit all meinen Angestellten zu haben.“

Neben den Politiker*innen und Agostino, kommen auch Angestellte zu Wort, die der Öffentlichkeit unbekannt sind. Die Erfahrungsberichte sind jedoch nur bedingt repräsentativ: Die Porträts zeigen vorwiegend weiße Angestellte und Manager*innen großer Wirtschaftsunternehmen. Ausnahmen bilden Barbara Agostino, die Betreuungseinrichtungen für Kinder leitet, und der Krankenpfleger Jan Berlo. Berlo ist außerdem Verwaltungsratsmitglied der luxemburgischen LGBTIQA+-Organisation Rosa Lëtzebuerg. Die Erfahrungsberichte spiegeln dennoch nicht die Lebensrealtität queerer Menschen wider, die beispielsweise im Niedriglohnsektor arbeiten.

Ganz davon abgesehen, stehen Großunternehmen finanziell und personell andere Möglichkeiten zur Verfügung, um entsprechende Leitfäden umzusetzen, als mittelständigen oder Kleinbetrieben. Rosa Lëtzebuerg hat aus dem Grund im Oktober 2020 ein alternatives Unternehmensnetzwerk gegründet: Queere Geschäftsleute stecken die Köpfe zusammen, um die LGBTIQA+-Gemeinschaft zu vereinen. Bei der Initiative geht es mehr um die Gestaltung einer queeren Szene in Luxemburg als um Inklusionsfragen in Großkonzernen. Beide Bewegungen haben ihre Daseinsberechtigung: Nach der Studie EU LGBTI Survey II: A Long Way to Go for LGBTI Equality“ (2020) der FRA European Union Agency for Fundamental Rights fühlten sich zwölf Prozent der in Luxemburg befragten Menschen im Jahr 2018 aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität am Arbeitsplatz diskiminiert.


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