LGBTQIA+: Vorbildfunktion

von | 05.02.2026

Mit den ersten „LGBTQIA+ Role Model Awards“ wurde vergangenen Freitag in Luxemburg ein Zeichen für Sichtbarkeit gesetzt. Drei Preisträger*innen werden im Mai das Großherzogtum auf europäischer Bühne repräsentieren.

(Foto: @yumeng_foto)

Freitagabend, halb sieben: Das Rainbow Center in Luxemburg-Stadt ist noch fast leer. Vor der Tür unterhält sich Direktorin Sandra Laborier angeregt mit einer freiwilligen Helferin. Thema ihres Gesprächs: Unisex-Toiletten an Schulen und die hitzige politische Debatte, die nach der Vorstellung entsprechender Pläne in einer parlamentarischen Kommission seit Mittwoch letzter Woche entbrannt war. Angeheizt durch Falschinformationen und Anti-LGBTQIA+-Hetze, insbesondere aus den Reihen der ADR, ist er besonders innerhalb der Community wieder spürbar: ein gesellschaftlicher „Backlash“, der vor allem trans, inter und nicht-binäre Menschen trifft. Der Begriff beschreibt die Gegenbewegung gegen Gleichstellung und queere Sichtbarkeit.

Dass gerade an diesem Abend erstmals die Luxemburger Edition der „European Pride Business Network LGBTQIA+ & Allies Role Models Awards“ verliehen wird, wirkt vor diesem Hintergrund alles andere als zufällig. Die Energie des Zusammenhalts ist kurz vor Beginn der Verleihung im Rainbow Center spürbar. Immer mehr Menschen treffen ein, begrüßen sich, tauschen sich aus. Die letzten Vorbereitungen laufen, die Technik wird überprüft und im Bühnenbereich sind DJ Artemis_Sia und Mia Vale, alias Cherry Red, mitten im Sound-Check. Mia Vale wird dabei nicht nur musikalisch durch den Abend führen – zusammen mit Julie Mocquard und Manon Pézot, hat sie vergangenes Jahr die Non-Profit-Organisation „Blom“ gegründet, um Räume für gegenseitige Unterstützung und Zusammenarbeit innerhalb queerer Communities zu schaffen. Der Verein ist zusammen mit dem jungen Künstler*innen Kollektiv CVRCLE Gastgeber des heutigen Abends. Damit haben sie eine Idee des European Pride Business Network (EPBN) nach Luxemburg geholt.

Erik Schneider (links) nimmt den Preis stellvertretend für den Verein „Intersex & Transgender Luxembourg“ entgegen. (Foto: @yumeng_foto)

Als europaweites Netzwerk setzt sich die EPBN für Vielfalt und Inklusion von LGBTIQ+-Personen in der Arbeitswelt ein. Ziel ist es, strukturelle Barrieren abzubauen, gute Praxis sichtbar zu machen und LGBTIQ+-Personen in ihrer beruflichen Entwicklung und Führungsrolle zu stärken. Zu diesem Zweck wurden am 9. Mai letzten Jahres zum ersten Mal die „LGBTQIA+ & Allies Role Models Awards“ in Warschau verliehen. Fünf Länder, Frankreich, Deutschland, Österreich, Italien und Tschechien, waren damals mit dabei. Bei der diesjährigen Zeremonie im Mai in Prag wird sich die Anzahl der Länder verdoppeln – auch Luxemburg wird erstmals vertreten sein.

„Die Luxemburger Ausgabe ist ein bisschen anders als die europäische“, sagt Olivier Li, ehrenamtlicher Leiter des Projekts von Blom. „Auf europäischer Ebene konzentrieren sich Veranstaltungen oft auf politische Akteur*innen und Großunternehmen. Hier in Luxemburg haben wir stärker auf die Basis gesetzt. Wir wollen ein Ort sein, der Menschen aus allen sozialen Schichten miteinander verbindet.“ Dieser niederschwellige Ansatz schlägt sich in den Personalien der insgesamt elf Nominierten Community-Mitglieder nieder. Auch die Jury ist entsprechend breit und intersektional aufgestellt: Ihr gehören sechs Personen aus Grassroots-Aktivismus, Diversitätsarbeit, Community-Brückenarbeit und dem Unternehmenssektor an, darunter die Menschenrechtsaktivistin Esmeralda Wirtz (Amnesty International Luxemburg), Marcello Montenero, Gründer von Walk the Talk Luxembourg bei HSBC, Priscilia Talbot, Projektmanagerin der Charte de la diversité bei IMS Luxembourg, Dr. Jan Kayser, ehemaliger Vorsitzender der LGBT+-Sektion einer politischen Partei in Berlin und heutiger Direktor des Centre de médiation civile et commerciale, sowie zwei weitere Juror*innen aus dem Corporate-Banking-Bereich.

Das Rainbow Center ist inzwischen zum Bersten gefüllt, als Erik Schneider, der letztes Jahr als Psychiater die beiden vieldiskutierten Petitionen zum Thema LGBTIQA+ in der Schule vor der Chamber begleitet hat, den Bühnenbereich betritt. Er nimmt den Award für „Collective Role Model“ stellvertretend für den Verein „Intersex & Transgender Luxembourg“ (ITGL) entgegen, „im Namen all jener, die tagtäglich im Verborgenen arbeiten“, wie er in seiner Rede betont. In der Kategorie war neben ITGL, für den während des Events auch Spenden gesammelt wurden, ursprünglich auch die Organisation Laboratoire d’études queer, sur le genre et les féminismes (LEQGF) nominiert. Wenige Stunden vor der Verleihung zog sich LEQGF jedoch zurück und begründete diesen Schritt damit, dass sie „nicht mit Aktivist*innen an vorderster Front konkurrieren“ wollten – insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Angriffe auf trans Communities. Als Reaktion darauf schuf Blom kurzfristig eine zusätzliche Kategorie, „LGBTQIA+ Leaders“, um sowohl die Arbeit von LEQGF als auch diesen Akt der Solidarität zu würdigen.

Die Rolle von Vorbildern

Manon Pézot, Ko-Gründerin von Blom asbl, wird im Mai Teil der Jury des „European Pride Business Network LGBTQIA+ & Allies Role Models Awards“ sein. (Foto: @yumeng_foto)

In der Psychologie kommen der Rolle des Vorbilds verschiedene Funktionen zu. Ein Vorbild zeigt unter anderem, dass etwas erreichbar ist, motiviert so und spendet Mut und Hoffnung für den eigenen Lebensweg. Studien zeigen, dass besonders marginalisierte und diskriminierte Gruppen von einem authentischen Vorbild profitieren. Je näher die Person als zugehörig zur eigenen Identitätsgruppe empfunden wird, desto stärker die Wirkung des Effekts.

„Vorbilder haben den Verlauf meines Lebens grundlegend verändert. Nicht etwa durch große Gesten, sondern allein durch das einfache, authentische Dasein”, sagt Manon Pézot, die als Co-Gründerin von Blom im Mai in der Jury in Prag Luxemburg vertreten wird, gegenüber der woxx. Geboren ist sie in den 1990er-Jahren – eine Zeit, die von stereotypisierenden Trans(miss)repräsentation geprägt ist. Erst mit 30 trifft sie online auf trans Personen, die ihr zeigen, wie ein glückliches Leben als trans Person möglich ist.

„Blom existiert, damit Menschen, die sich fragen, wer sie sind oder wohin sie gehören, sich in realen Personen wiederfinden und von Menschen inspiriert werden können, die ihr Leben authentisch leben“, fasst die dritte Gründerin Julie Mocquard die gemeinsame Vision zusammen. „Die Role Models sind nicht als ideologische Figuren gedacht. Sie erzählen die Geschichten realer Menschen, um unbewusste Vorurteile wie Selbstbegrenzung und Selbstzensur aufzubrechen.“

Die Kategorien (siehe Kasten) sind wie die nominierten und zuschauenden Personen divers, es geht um die Vorbildrolle in beruflichen Kontexten, ebenso wie die als unterstützende Person innerhalb der LGBTQIA+-Community oder im Medien- und Kulturkontext. In der letzten Kategorie ausgezeichnet wird Isabell Spigarelli, Journalistin beim Tageblatt, die zuvor bei der woxx das Kulturressort geleitet und schon damals viel zu queeren Themen geschrieben hat. In ihrer Rede dankt sie nicht nur ihrem aktuellen Arbeitsplatz, sondern auch der woxx für ihr Engagement im Luxemburger Medienbereich.

Blitze flackern auf und lichten lächelnde Nominierte und Ausgezeichnete gleichermaßen ab, gleich mehrere Fotograf*innen sind im kleinen Bühnenbereich unterwegs. Es herrscht keine Konkurrenzstimmung, eher ein Gefühl von Gemeinschaft, auch oder gerade besonders im Angesicht der Herausforderungen, die der „Backlash“ bereitet. Immer wieder wird er in den Reden thematisiert. Noch kurz vor der Veranstaltung sei sie in die „Facebook-Toilette“ gefallen, sagt etwa Sandra Laborier, die in den sozialen Medien oft persönlich angefeindet wird, weil sie sich öffentlich für LGBTQIA+-Rechte einsetzt. Heute Abend wird sie dafür mit der Auszeichnung als „Community Empowerment Ally“ bedacht.

Jung und Queer

Gerade für junge Menschen ist das immer rauer werdende gesellschaftliche Klima ein Problem. Queere Jugendliche und junge Erwachsene sind besonders gefährdet und weisen ein deutlich erhöhtes Risiko für psychische Belastungen wie Depressionen, Angststörungen und Suizidgedanken auf. Forschungsergebnisse zeigen zudem, dass fehlende unterstützende Beziehungen und das Ausbleiben greifbarer Vorbilder diese Risiken weiter verstärken. Authentische, erreichbare Vorbilder können hingegen die mentale Gesundheit stärken und als zentraler Schutzfaktor wirken. Ein Grund, weshalb sich das erst im September 2025 gegründete junge Künstler*innenkollektiv „CVRCLE“ dem Projekt angeschlossen hat. Dessen Mitglieder sind es, die eine Social-Media-Kampagne lanciert und die Trophäen sowohl gestaltet als auch hergestellt haben.

„Als künstlerisches Kollektiv verstehen wir die Role Models als Träger*innen von Geschichten, die sichtbar gemacht, geteilt und archiviert werden sollten“, schreibt CVRCLE auf Anfrage der woxx. Für drei Preisträger*innen des heutigen Abends wird die Geschichte als Vorbild im Mai in Prag vor europaweiter Bühne weitergeschrieben. Sie werden dort das Großherzogtum vertreten.

Luxembourg Role Model Awards 2026

Jede als „Role Model“ ausgezeichnete Person erhielt eine Blumen-Trophäe, die für eine spezifische Form von Wirkung steht und vom Künstler*innenkollektiv CVRCLE gestaltet und hergestellt wurde. Bei der Vergabe gibt es keine Hierarchie: Jede Blume würdigt eine andere Art zu existieren, beizutragen und zu inspirieren.

Die Kategorien, Trophäen und Ausgezeichnete im Einzelnen:

  • Collective Role Model Sonnenblume: Für jene, die sich dafür entschieden haben, sichtbar zu sein – selbst als es schwierig war.
    Ausgezeichnet: Intersex & Transgender Luxembourg (ITGL)
  • Media & Culture Role Model Tulpe: Für jene, die den Mut hatten, Haltung zu zeigen.
    Ausgezeichnet: Isabel Spigarelli, Journalistin beim Tageblatt
  • Young Leader Orchidee: Für jene, deren Lebenswege Veränderung inspirieren.
    Ausgezeichnet: Alex Shah, transfeminine LGBTQ+ Aktivist*in aus Aserbaidschan und Multimedia-Journalist*in
  • Community Empowerment Ally Lilie: Für diejenigen, die für andere sichere Räume schaffen.
    Ausgezeichnet: Sandra Laborier, Direktorin von Rosa Lëtzebuerg und dem Rainbow Center
  • Community Empowerment Wildblume: Für jene, die andere zusammenhalten
    Ausgezeichnet: Gaby Schneider, Erste weibliche Rosa Lëtzebuerg Präsidentin
  • Authentic Professionals Wildrose: Für jene, die sich entschieden haben, authentisch zu leben.
    Ausgezeichnet: Loic Choquet, Leiter des Standorts Luxemburg, Aztec Group
  • LGBTQIA+ Leaders Kurzfristig geschaffen für einen Akt der Solidarität.
    Ausgezeichnet: Laboratoire d’Études Queer, sur le Genre et les Féminismes

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