LuxFilmFest 2021: Nemesis

Thomas Imbach filmte sieben Jahre lang von seinem Fenster aus den Abriss des Züricher Güterbahnhofs, der einem Gefängnis- und Polizeizentrum weichen musste. Selten waren Schutthaufen und Baumaschinen so schön anzusehen.

© Okofilm Productions

Bohrmaschinengeräusche in den eigenen vier Wänden sind lästig. Die zweistündige Doku „Nemesis“ über die Dauerbaustelle an dem Ort, wo früher der Züricher Güterbahnhof war? Die ist sehens– und hörenswert. Der Filmemacher Thomas Imbach bietet in seiner Doku weit mehr als nerviges Hämmern und Brummen.

„Der Güterbahnhof ist mein Nachbar, seit über dreißig Jahren“, sagt er online in einem Gespräch mit Tobias Tersteegen vom LuxFilmFestival. „Es war für mich eine Notwendigkeit, seinen Abriss festzuhalten. Auch als Bürger Zürichs.“ Imbach schaut seit 1989 von seiner Wohnung aus auf den Güterbahnhof. Der wurde 2013 plattgemacht, um dem Gefängnis- und Polizeizentrum zu weichen. Imbach baute eine Kamera an seinem Wohnungsfenster auf. Sie fing den Zerfall des Bahnhofs, aber auch das soziale Leben auf dem Platz ein.

Das Publikum sitzt mit Imbach auf dem Fenstersims und schaut den Baumaschinen zu, die sich mit ihren Zangen und Schaufeln wie Raubtiere an den Gebäuden festbeißen und sie auseinanderreißen. Wer genauer hinsieht, erkennt die Schönheit dieser metallischen Monster. Auch die Ästhetik des Zerfalls wird spürbar. Gleichzeitig befällt einen Nostalgie. Nicht nur, weil der Erzähler Milan Peschel zwischendurch über Verlusterfahrungen spricht. Es liegt auch an den Menschen, die sich die staubige Baustelle trotz aller Widrigkeiten zu eigen machen. Der zerfallende Güterbahnhof ist Treffpunkt für ein verliebtes Paar, für Skateboardfahrerinnen, für Filmemacher*innen und Boxer. Eine Gruppe baut zwischen den Ruinen ein Planschbecken und Spiele auf: Imbach hält dieses alternative Kulturfestival auf dem Gelände fest, auch im strömenden Regen und mit im Wind rasselnden Lichterketten. Irgendwann streifen Füchse und Raben über die leere Baustelle. Der Ort gewinnt zunehmend an Menschlichkeit. Er entpuppt sich als Metapher für die Vergänglichkeit der Zeit und der Erinnerungen.

Im Gespräch mit Tersteegen sagt Imbach, dass es kein festes Szenario gab. Das meiste sind Momentaufnahmen, zufällige Beobachtungen. Auch wenn Imbach sich phasenweise auf bestimmte Eindrücke konzentrierte, wie etwa auf den Tagesablauf der Bauarbeiter*innen oder auf das Wetter. An manchen Tagen filmte er gar nicht, dann wieder zwei Wochen am Stück.

Imbach blickt auch in die Zukunft des Güterbahnhofs. Sprecher Peschel liest Erfahrungsberichte von Migrant*innen vor, die zu Zeiten der Dreharbeiten im Züricher Flughafengefängnis auf die Rückführung in ihr Herkunftsland warteten. Lisa Gerig, Imbachs Assistentin, hat sie besucht und ihre Erinnerungen niedergeschrieben. „Ich wollte die Menschen kennenlernen, die bald meine Nachbarn sind“, sagt Imbach. In einem Gespräch mit dem Magazin „Variety“ führt er den Gedanken aus: „Ich frage mich welches Recht wir als Gesellschaft haben, um Menschen ihrer Freiheit zu berauben, die nicht verurteilt wurden.“ Die Off-Stimme sagt an einer Stelle, dass siebzig Prozent der Gefängnisbevölkerung in der Schweiz Ausländer*innen sind.

Der internationale Dienst der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG SSR (SWI swissinfo.ch) hat 2019 einen ausführlichen Artikel zur Gefängnisbevölkerung in der Schweiz veröffentlicht. SWI swissinfo.ch arbeitet die Hintergründe auf und stellt klar, dass sie nichts mit den Argumenten populistischer Diskurse zu tun haben. In Imbachs Film kommt diese Kontextualisierung zu kurz. Die Berichte der Migrant*innen sind in all ihrer Brutalität und Tragik wichtig und lehrreich für Menschen ohne Flucht- oder Migrationserfahrung. Doch bedient Imbachs Wahl damit unfreiwillig das populistische Klischee, dass Ausländer*innen Hauptverursacher*innen von Rechtsverstößen sind – er lässt immerhin nur sie zu Wort kommen, wenn es ums Gefängnis geht. Das lässt sich leicht missinterpretieren.

Dazwischen sprüht es Feuerwerk. Manchmal brennt oder regnet es. An anderen Tagen liegt die Baustelle, später das metallische Skelett des künftigen Gefängnis- und Polizeizentrums unter Schnee begraben. Imbachs Film endet mit einer klirrenden Fensterscheibe – und die Bauarbeiten laufen noch.

„Nemesis“ läuft heute, um 19 Uhr, in der Cinémathèque und noch bis zum 14. März auf der Online-Plattform des LuxFilmFests.


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