Neues Album von Benoît Martiny: „The World Goes to Shit but Still You Play that Jazz“

Eigentlich wollte der luxemburgische Drummer Benoît Martiny diesen Sommer sein neues Album „Moons of Uranus“ samt 10-köpfiger abgespacter Crew auf dem Echterlive Festival präsentieren. Es kam jedoch alles anders als geplant.

Nebst Benoît Martiny (Schlagzeug) und Michael Pilz (Bass-Klarinette) sieht man hier ebenfalls den Performance-Künstler Steve Kaspar und Itaru Oki an der Trompete. (Foto: Gérard Beckers)

2020 hätte ein besonderes musikalisches Jahr für Benoît Martiny werden können. Das Mastering des Albums „Moons of Uranus“ lief gut. Die Platte war fast schon auf dem Weg ins Presswerk. Anfang des Jahres standen rund zwanzig Konzerttermine fest, die Release-Party unter freiem Himmel auf dem Echterlive Festival klang vielversprechend. Doch die am 19. März zur Eindämmung der Verbreitung des Corona-Virus verhängten Auflagen markierten inner- wie außerhalb der Kulturszene eine Zäsur. Langsam, aber sicher machte sich die Gewissheit breit, dass weder eine Rückkehr zu den vorherigen Rahmenbedingungen noch ein verlässlicher Blick in die Zukunft möglich sein würden. Nachdem erste Konzerte für den Mai abgesagt wurden, hoffte Martiny auf den Sommer, da zum damaligen Zeitpunkt noch niemand ahnen konnte oder wollte, dass Europa eine Saison ohne Open-Air-Events bevorstand. Inzwischen ist ihm klar, dass seine Kolleg*innen und ihn bis zum Jahresende maximal vier Konzerte erwarten. „Wenn wir am Ende wenigstens zwei davon spielen können, schätze ich mich glücklich“, so der Bandleader. „Heutzutage weiß man ja nicht einmal mehr zwei Wochen vor einem geplanten Gig, ob dieser tatsächlich stattfinden wird.“

Martiny ist unterwegs zu einer Probe nach Rotterdam, als er Fragen für diesen Artikel beantwortet. Einer der Auftritte, von denen er spricht, ist das Ersatz-Release-Konzert im Kulturhaus Niederanven, das am 22. Oktober geplant ist. Es handelt sich dabei um eine künstlerische Darbietung, bei der nicht nur das Publikum, sondern auch die für die Tour um fast die Hälfte reduzierte Band den Sicherheitsabstand einhalten muss. Das widerspricht einerseits dem von Konventionen losgelösten Genre des Free Jazz. Andererseits erschweren die Umstände das spannende Spiel zwischen Nähe und Distanz, zwischen dem Eingehen aufeinander und dem gegenseitigen Loslassen, ohne sich dabei zu verlieren – und genau das macht den Reiz eines kollektiven Musikerlebnisses mit Martinys Band eigentlich aus.

Das Album „Moons of Uranus“ wurde vor Covid-19 im Rahmen eines Live-Auftritts im Kammermusiksaal der Philharmonie, der zum Raumschiff umfunktioniert worden war, aufgenommen. Allein dieses abendfüllende Programm kostete Benoît Martiny ein Jahr Vorbereitung. Es galt kompositorische Wagnisse einzugehen und gleichzeitig einen Raum zu schaffen, in dem sich die handverlesenen Instrumentalist*innen frei entfalten konnten. Musikalische Spielräume zu gewähren, berge zwar Risiken, meint Martiny, doch „gerade diese Unberechenbarkeit machte die einzigartige Schönheit dieses Abends aus.“ Man habe zusammen das Unbekannte ergründen, Genre-Grenzen überschreiten und Neues entdecken können.

Seit dieser ersten bemannten (und befrauten!) Raumfahrt hat sich nicht nur das Veröffentlichungsdatum für das Album verschoben und der Veranstaltungsort des Release-Konzerts geändert. Das musikalische Expeditionsteam zählt leider auch zwei avantgardistische Klangforscher weniger. Das Ableben des japanischen Trompeters Itaru Oki sowie des luxemburgischen Performance-Artists Steve Kaspar bedeutet für die Besatzung sowohl einen künstlerischen als auch einen menschlichen Verlust. Zwei einzigartige Tracks, die auf dem Album zu finden sind, darunter „Kaspar’s Dream“, werden von niemand anderem auf die gleiche Art und Weise reproduziert werden können. Das Werk ist damit zu einem vertonten Zeitdokument geworden, zu einer Momentaufnahme im wahrsten Sinne des Wortes.

„Moons of Uranus“ ist eine wahnwitzige Reise, die sich in den unergründlichen Sphären des Space-Jazz, alles anderem als klassischem Rock und extraterrestrischem Dub bewegt. Zudem erinnert die sieben Kapitel umfassende, an Sci-Fi-Storytelling anlehnende, fast ohne Worte auskommende, sozialkritische wie humorgetränkte Geschichte zeitweilig an Dark Ambient à la Einstürzende Neubauten. Vocals sind beispielsweise nur dann zu hören, wenn der luxemburgische Sänger Jean Bermes Hitler imitierend das Bouneschlupp-Rezept von Ketty Thull vorträgt.

Die Titel für die einzelnen Tracks standen bereits vor mehr als einem Jahr fest. Mittlerweile gibt es aber zwei Songs, deren Namen durch die aktuelle Situation eine Neuinterpretation erfahren. Da wäre zum einen „Startdate 2020“ das eigentlich darauf hindeuten sollte, dass die in einem anderen Song geschilderte „Attack of Martian Nazis“ als überwunden gilt und die Zukunft für die Crew Positives bereithalten wird. Nun begann in Jahr 2020 jedoch in der Tat – fern aller Fiktion – eine neue Zeitrechnung. Ein weiterer Track, nämlich der erste auf dem Album, umschreibt wohl (in etwas abgeänderter Form) am besten, wie der Drummer und sein Kollektiv jedweden Widrigkeiten zum Trotz weiterhin verfahren wollen: „The World Goes to Shit but Still [We] Play that Jazz.“

The past is written, 
but we are left to write the future

Obwohl die Pandemie Benoît Martinys Pläne stark beeinflusst hat, tat sich in den letzten Monaten einiges. Die vom luxemburgischen Jazzmusiker Pol Belardi ins Leben gerufenen „Crazy Quarantine Sessions“ boten dem Schlagzeuger beispielsweise die Möglichkeit, online mit einem neu gegründeten Quartett aufzutreten. Letzteres hatte ursprünglich geplant, seine Stücke auf dem Düdelinger Like a Jazzmachine Festival darzubieten, das zum Leidwesen zahlreicher Jazz-Aficionados aus dem In- und Ausland ausfallen musste. Auch konnte Martiny seiner Hauptbeschäftigung als Lehrer an der Musikschule in Echternach weiterhin nachgehen, da seine Kurse online stattfanden. „Hier taten sich aufgrund des Lockdowns Möglichkeiten auf, die sich anders eventuell gar nicht oder erst viel später ergeben hätten.“ Man habe nicht nur trotz der Distanz gemeinsam üben können, sondern die Schüler*innen seien außerdem dazu angehalten worden, sich beim Proben zu filmen. So hätten sie gelernt, ihr eigenes Spiel anders zu analysieren, und gleichzeitig sei Videomaterial entstanden, das sie dann jenseits des stillen Kämmerleins einem Publikum – wenn auch nur auf dem Bildschirm – in den sozialen Medien präsentieren konnten.

Dass viele seiner Kolleg*innen befürchten, der freie Zugang zu Konzerten im digitalen Raum könnte die ohnehin grassierende Gratismentalität in Sachen Kultur noch befeuern, kann Martiny verstehen. Man habe es seiner Meinung nach eher mit einer bereits seit längerem andauernden, allgemeinen Solidaritätskrise zu tun, die durch die derzeitige Lage nur verstärkt sichtbar wird. „Etwas salopp ausgedrückt, kann man sagen, dass die Menschen die Hosen voll hatten, Klopapier hamsterten und sich dann klatschend auf den Balkon stellten. Das bringt uns in der Form aber nicht weiter. Es darf nicht nur um temporäre Wertschätzung gehen. Diese muss dauerhaft und nachhaltig sein.“ Allen voran diejenigen, die nicht immer in der ersten Reihe stünden, bräuchten weit mehr Respekt als nur einen kurzen Applaus. Dies gelte ebenso für Kassen- und Reinigungspersonal wie für jene, die Veranstaltungen im Kultursektor hinter den Kulissen erst möglich machten – seien es nun die Häuser selbst, Stagehands, Tontechniker*innen oder andere helfende Hände.

Selbst wenn kleinere Gigs aktuell finanziell wenig rentabel für alle Beteiligten sind, darf Martiny zufolge nicht komplett auf Live-Auftritte verzichtet werden: „Es hebt nicht nur die Moral des Publikums, sondern es ist auch notwendig zu zeigen, dass die Musik noch da ist und Kultur fortbesteht.“ Die Systemrelevanz der Kultur lässt sich nun mal nicht anhand von politischen Sonntagsreden und innerhalb von Kommentarspalten definieren. Ein Eindruck seinerseits, der sich verstärkte, als er kürzlich in der Rolle eines musizierenden Totengräbers durch das beschauliche Öslinger Dorf Rindschleiden zog und Hecken sowie Apfelpressen zu Instrumenten umfunktionierte. Benoît Martiny war dort Teil eines Teams rund um die Thillenvogtei, die eine „visite guidée musicale“ anbot. Die Veranstaltung beleuchtete Pandemien im 19. Jahrhundert und wies auf Migrationsbewegungen in Luxemburg hin. Die Geschichte des angrenzenden Örtchens Grevels bietet angesichts der aktuellen Flüchtlingskrise wichtigen Gesprächsstoff: Die Zweitbezeichnung für Grevels – „Neubrasilien“ – geht nicht primär auf den gleichnamigen Roman von Guy Helminger zurück, sondern bezieht sich auf die vor mehr als hundert Jahren tatsächlich existierende Heimat von verschleppten und um ihr Geld gebrachten luxemburgischen Migrant*innen. „Es war spannend, nochmal sichtbar zu machen, dass es bereits Situationen gab, in denen Luxemburger*innen sich in einer ähnlichen Notlage befanden wie heutzutage Afrikaner*innen und Menschen anderer Nationalitäten. Das sollten sich hierzulande so manche Gegner*innen der Flüchtlingspolitik besser nochmals vor Augen führen“, findet Martiny.


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