Nora Wagener: Alle meine Freunde

Der Roman zur „Päischtcroisière“ der Servais-Preis-Autorin ist sicherlich Zeugnis eines intellektuellen Wagnisses – bestätigt aber schlussendlich die Vorurteile gegenüber dem alljährlichen Besäufnis im Mittelmeer.

(©binsfeld.lu)

Die Ironie des Schicksals will, dass der „Päischtcroisière“-Roman gerade in dem Jahr erscheint in dem sich Tausende Luxemburger*innen nicht auf ein Kreuzfahrtschiff zwängen um sich dann ungezwungen eine Woche lang der Völlerei, dem Alkoholismus und dem schlechten Geschmack zu ergeben. Ob Wageners Roman aber ein Trostpflaster für diejenigen ist, die sich ehrlich auf ihre Kreuzfahrt gefreut hatten sei dahingestellt.

Denn das Buch ist schwer zu fassen. Keine wirklich bösartige Satire (auch wenn die besuchten Inseln in bester „Feierkrop“-Manier nach Meeresfrüchten benannt sind), obwohl dies durchaus möglich gewesen wäre, aber auch keine wirklich tiefgründigen Porträts welche die Protagonist*innen in all ihren Paradoxen auffangen würden – wofür die Autorin mit ihrer verspielten, tiefgründigen Schreiblust ja eigentlich bekannt ist. Denn Wagener hat hier einen Page-Turner hingelegt, ein Buch das sich weitaus schneller und unbefangener liest als ihre vorherigen Werke. Ob dies daran liegt, dass sie jetzt bei Binsfeld einen Verleger gefunden hat, der ebenfalls eine Werbeagentur betreibt?

Jedenfalls ist festzustellen, dass es schwer fällt, einem solch banalen Thema viel Tiefgründiges abzuringen. So manövriert Wagener durch die Seichtigkeit des Seins an Bord der „NSE Candyflip“ und versucht verschiedene Charaktere herauszuarbeiten. Da wäre Carlo Cognac, ein depressiver Varieté-Musiker, dessen Karriere nie wirklich abgehoben hat und der eigentlich als Ersatz für einen verhinderten Konkurrenten mit an Bord ist, sowie dessen Frau Melanie, eine Journalistin die fast keine Zeile zu Blatt kriegt. Oder Sandra, die wie jedes Jahr mit ihrer behinderten Tochter die Reise antritt – ein Geschenk ihres Gatten, aus Dankbarkeit für ihrer Aufopferung – und sich langsam aber sicher die Frage stellt, was sie noch da soll. Da sind auch noch Henriette und Mona, zwei rüstige Rentnerinnen, die die Kreuzfahrt in einem Fernsehspiel gewonnen haben. Mit dem Steward Georgy und seiner Kusine Marina beleuchtet sie ebenfalls die Schattenseiten der Schifffahrt, wo Service am Kunden über alles geht. Also fast – es geht auch darum, der Kundschaft jeden müden Euro aus der Tasche zu ziehen.

All dies macht aber noch lange keine sinnvolle Kritik, denn die Autorin will sich irgendwie nie festlegen. Sicher kommt die katastrophale Umweltbilanz der Kreuzfahrtschiffe im Text vor, aber kein Wort über die Flüchtlingskrise im Mittelmeer – und das obwohl die „NSE Candyflip“ doch fast jeden Tag in Reichweite einer Schaluppe voll Verzweifelter sein müsste.

Kurz gesagt: „Alle meine Freunde“ ist weder Fisch noch Fleisch, aber auch kein faules Gemüse. So angenehm die fließende Lektüre doch ist, so komisch fühlt sich das Aufgeben des Textfetischismus der komischen, manchmal surrealen, Einwürfe, für die Wagener bekannt wurde, an. Autor*innen entwickeln sich eben weiter, ob dies ihrer Fangemeinde nun passt oder nicht. Und ob dies wirklich der neue Wagener-Stil ist, oder eine Ausnahme bleiben wird, ist eine relevante Frage. Die Kreuzfahrt der Schriftstellerin wurde jedenfalls vom Kulturministerium bezahlt, was „Alle meine Freunde“ zu einer Art Auftragsarbeit macht, auch wenn die Schnapsidee, sich die Woche auf dem Schiff anzutun von der Schriftstellerin stammte.

Erschienen bei Editions Binsfeld.


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