Patty Jenkins: Von Amazonen und Göttern


Mit „Wonder Woman“ ist DC zum ersten Mal seit langem eine ansprechende Comicverfilmung gelungen. Dank einer Balance zwischen Action und Ruhe, Pathos und Humor dürften viele unterschiedliche Zuschauergruppen auf ihre Kosten kommen.

„Wonder Woman“ kämpft zwar nur mit Schwert und Lasso, ist ihren GegnerInnen aber dennoch überlegen.

Erst seit kurzem in den Kinos, hat „Wonder Woman“ bereits in mehrfacher Hinsicht Filmgeschichte geschrieben. Nicht nur, dass es sich um den ersten Big-Budget-Superheldenstreifen einer Regisseurin handelt, er ist auch der bisher kommerziell erfolgreichste von einer Frau inszenierte Realfilm. Und dies obwohl – oder vielleicht gerade weil – „Wonder Woman“ in den letzten Wochen für kontroverse Diskussionen sorgte.

Eines vorweg: Man muss weder die „Wonder Woman“-Comics gelesen, noch die auf ihnen basierende Fernsehserie gesehen haben, um dem Geschehen in Patty Jenkins’ Blockbuster folgen zu können. Die Handlung nimmt ihren Anfang auf der verborgenen Insel Themyscira. Hier leben die unsterblichen Amazonen, Frauen, die von den Göttern geschaffen wurden, um die Menschheit zu beschützen. Seit Jahrtausenden schon bereiten sie sich auf den Kampf gegen Ares, den Gott des Krieges, vor. Eines Tages sieht Diana (Gal Gadot), Prinzessin der Amazonen, wie nahe der Insel ein Flugzeug abstürzt. Sie springt ins Meer und rettet den Piloten Steve Trevor (Chris Pine). Der ist ein amerikanischer Spion; er berichtet von einem Krieg, der in 27 Ländern der Welt tobt. Auf diese Nachricht hin rüstet Diana sich mit ihren Waffen – Schwert, Schild und Lasso – und bricht mit Steve in die Außenwelt auf. Sie hofft, Ares zu besiegen und dadurch dem kriegerischen Wüten der Menschheit ein für alle Mal ein Ende zu setzen …

Auf den ersten Blick wirkt „Wonder Woman“ wie eine Mischung aus Dingen, die man bereits kennt: Der Plot erinnert an „Thor“ und „Captain America“, das musikalische Motiv, das für Diana steht, an den Soundtrack von „Girl with the Dragon Tatoo“. Das abgelegene, paradiesische Thermyscira hat etwas vom Pandora der Avatar samt BewohnerInnen mit idealtypischen Körpern. Die Amazonen mögen sich nämlich in ihren Meinungen voneinander unterscheiden, nach körperlicher Diversität sucht man bei ihnen jedoch vergebens.

Anfang der 1940er-Jahre war dem Psychologen William Moulton Marston aufgefallen, dass in der Populärkultur weibliche Superhelden kaum vorhanden waren. Von der „moralischen Überlegenheit“ von Frauen überzeugt, erschuf Marston eine Figur – ebenjene Diana –, die mit übernatürlicher physischer Stärke begabt war, aber auch „weibliche Eigenschaften“ aufwies. Diana kämpft zwar mit den gleichen Mitteln wie männliche Superhelden, doch unterscheidet sie sich von diesen durch die ihrem Charakter inhärente Kombination von Mitgefühl, Optimismus und einer pazifistischen Grundhaltung. Gewalt ist für sie immer nur ein Mittel, um dauerhaften Frieden herzustellen. Es ist dem Talent von Schauspielerin Gal Gadot zu verdanken, dass Dianas zahlreiche Facetten derart glaubwürdig wirken: Mal ist sie tollpatschig und naiv, mal kompetent und spitzfindig. Übersehen werden dabei gelegentlich ihre überlegenen Geistesgaben: Mit ihrer Beherrschung hunderter Sprachen ist sie nicht selten die intelligenteste Person im Raum. Reichlich blass dagegen erscheinen die meisten anderen Figuren – allen voran die Chemikerin Dr. Maru (Elena Anaya) und General Ludendorff (Danny Huston) als karikaturhafte Bösewichte.

Besonders in einer Hinsicht hebt sich „Wonder Woman“ von den meisten anderen Superhelden-Filmen ab: Durch Dianas Außenseiterposition in der westlichen Gesellschaft werden gängige Klischees aus Action- und Romantikfilmen ein ums andere Mal auf den Kopf gestellt. Die Prinzessin ist nicht auf die Hilfe von Männern angewiesen, diese stehen ihr meist sogar eher im Weg. An der Alltagskleidung kritisiert sie, dass sie sich in ihr nicht ausreichend bewegen könne und von Oberteilen mit hohem Kragen erwürgt fühle. Immer wieder wird hervorgehoben, wie wenig sich Diana um Geschlechterstereotype und soziale Konstruktionen schert. Bedauerlich ist allerdings, dass die Queerness dieser Figur bei der Übertragung auf die große Leinwand gänzlich verlorengegangen ist. Marston selbst hatte Diana als bisexuelle Figur charakterisiert. Der Liebes-Plot im Film wirkt in dieser Hinsicht wie eine Vergewisserung ihrer ausschließlichen Heterosexualität.

Auch wenn das Drehbuch einige Logikfehler und Durchhänger aufweist, kann der Film letztlich doch halten, was er verspricht. Weit davon entfernt, ein feministisches Meisterwerk zu sein, umgeht er geschickt so manches sexistische Klischee. „Wonder Woman“ ist ein unterhaltsamer, teils witziger Action-Streifen, der sich nicht wesentlich von anderen guten Comic-Verfilmungen wie „The Dark Night“ oder „Iron Man“ unterscheidet – im guten wie im schlechten Sinne.

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