Poesie auf dem Backcover: „Die Lyrik hat meine Sensibilität geschärft“

von | 05.02.2026

Bei der woxx ist sie für die Kulturredaktion verantwortlich, doch sie ist auch wegen ihrer preisgekrönten Lyrik bekannt: Chris Lauer gestaltet im Vorfeld zur Veröffentlichung ihres zweiten Gedichtbandes als erste Dichterin unser Backcover.

Schon in jungen Jahren und über Landesgrenzen hinaus hat die vielversprechende Dichterin Chris Lauer Kritiker*innen mit ihrem deutschsprachigen literarischen Werk überzeugen können. (Foto: Mara Mohnen)

woxx: Ihr erstes Gedicht schrieben Sie mit 26 Jahren. Ist das Schreiben von Gedichten für Sie etwas, das Sie sich aneignen mussten, oder ist es ein instinktives Schaffen?

Chris Lauer: Der Hang zur Lyrik und zur Literatur ist im Allgemeinen etwas, das mich schon seit jeher begleitet. Das geschriebene Wort hatte von Anfang an eine Sogwirkung auf mich. Ehe ich eingeschult wurde, war ich wütend, als ich herausfand, dass die Nachbarskinder schon lesen gelernt hatten. Ich wollte das unbedingt auch können. Deshalb hat sich dann meine Mutter – die Arme – mit mir hingesetzt, um mir das Alphabet beizubringen. Für mich war also schon immer eine Leichtigkeit, ein Interesse und eine Leidenschaft da. Natürlich ist es so, dass man besser schreibt, wenn man mehr liest. Denn nur so erkennt man, was überhaupt schon existiert und kann seine eigene Stimme ausbilden. Deshalb ist Schreiben definitiv ein Handwerk. Ich muss aber zugeben, dass meine ersten Texte in einem vergleichsweise natürlichen Fluss entstanden. Von Anfang an war sofort eine instinktive Sicherheit da. Das hat meinen Einstieg erleichtert und dafür bin ich dankbar.

Diese instinktive Sicherheit haben Kritiker*innen erkannt: Ein Jahr nach der Veröffentlichung Ihres Debütbandes „Gut verräumte Sternschnuppen“ erhielten Sie den Mameranus-Preis, 2025 den Ulrich-Grasnick-Lyrikpreis.

Ja, beide Male war das eine große Anerkennung, über die ich mich noch immer sehr freue. Bevor ich überhaupt zu schreiben begonnen habe, ist aber viel passiert. Ich habe mich als Mensch weiterentwickeln und vieles, was Mitte meiner 20er geschehen ist, verdauen müssen. Diese Entwicklung war notwendig, um die schriftstellerische Energie erst freizusetzen.

Sie haben Ihre Emotionen mit dem Schreiben verarbeitet?

Genau, obwohl natürlich nicht alles eins zu eins ins Schreiben übersetzt worden ist. Man kann meinen ersten Band nicht als Biografie interpretieren – so einfach ist das nicht. Doch Grundstimmungen und Fragen, die mich in der Entstehungszeit begleiteten, sind in veränderter Form in die Texte eingeflossen und darin enthalten.

„Der höchste Ausdruck findet meist in der Poesie statt, weil hier das ganze Potenzial von Sprache ausgeschöpft wird.“

Wie kam es, dass sich die Lyrik dafür als Ausdrucksform am zugänglichsten anfühlte?

Ich würde gerne anmerken, dass immer nur Lyriker*innen gefragt werden, warum sie Lyrik schreiben, Romanautor*innen aber nie, warum sie Romane verfassen – einfach, weil der Roman derzeit die dominante Form ist, was sehr schade ist. Romane können intelligent, komplex und auch poetisch sein, oft aber experimentiert Poesie auf die interessantere Art mit Sprache, weil sie im Allgemeinen nicht gezwungen ist, eine bestimmte narrative Struktur zu verfolgen. Der höchste sprachliche Ausdruck findet meist in der Poesie statt, weil hier das ganze Potenzial von Sprache ausgeschöpft wird. Der Rhythmus sorgt dafür, dass die Grenzen zur Musik verschwimmen. In der Lyrik wird alles kondensiert, auf das Wesentlichste gekürzt. Das kann man in der Form nicht in einer Erzählung machen. Warum aber die Lyrik für mich? Eben weil man nicht viele Worte braucht, um eine ganze Welt zu erzählen. Poesie legt auch nicht alles offen und ist mehrdeutig, Leser*innen müssen – oder dürfen – es sich selbst erschließen. Gibt man Leser*innen ein Gedicht, dann schenkt man ihnen gleich mehrere Welten. Das kann so nur die Lyrik.

Inwiefern hat das Schreiben Ihre Wahrnehmung auf das Leben verändert?

„Ortsauflösung“. Am 4. März 2026 erscheint der zweite Gedichtband der Lyrikerin im Limbus Verlag. (© Limbus Verlag)

Ich finde Gedichteschreiben sehr beglückend. Vielleicht, weil Lyrik so viel mit Musik zu tun hat, so kommt man beim Schreiben automatisch in einen „Flow“. Man behält seine rationale Analysefähigkeit, gleichzeitig kann man sich aber mit der Sprache treiben lassen. Das ist etwas, wonach ich sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen immer wieder suche. Manchmal finde ich in einem Gedicht eines*r anderen Schreibenden ein Bild, das etwas beschreibt, das ich sehr gut kenne und das ich trotzdem noch nie so dargestellt gesehen habe. Das führt dazu, dass ich auf neue Weise darüber nachdenken kann.

Welche Gedichte hatten denn am meisten einen Einfluss auf Ihre Arbeit?

Zum einen der gängige Lyrik-Kanon, den ich schon seit meiner Schulzeit kenne. Dazu zählen beispielsweise Rainer Maria Rilke, Paul Celan, Gottfried Benn – leider alles Männer, weil man in der Schule immer noch vor allem männliche Autoren und Lyriker liest. Ingeborg Bachmann war etwa eine überaus wichtige Lyrikerin des 20. Jahrhunderts, auch Christine Lavant und Hilde Domin, doch sie habe ich im Unterricht nie gelesen. Meine ersten Gedichte schrieb ich also vor allem mit diesen klassischen Referenzen im Kopf. Durch mein eigenes Schreiben hat sich aber auch mein Interesse für zeitgenössische Lyrik verstärkt und ich habe angefangen, wie wild Gedichtbände zu lesen, vor allem auch von Frauen. Das Lesen gibt mir so viele Impulse, das Schreiben wäre als Praxis ohne das Lesen gar nicht aufrechtzuerhalten. Erst durch das Lesen fallen mir auch bestimmte Dinge im Alltag auf. Das ist ein wunderschöner Prozess, der immer zwischen Lese- erfahrung und Weltwahrnehmung hin und her springt und alles befruchtet. Ich denke, die Lyrik hat meine Sensibilität noch deutlich geschärft.

„Lyrik ist kaum sichtbar, weder in Buchhandlungen noch in Literaturinstitutionen.“

Viele Leser*innen empfinden gerade beim Lesen von Gedichten eine gewisse Hemmung. Warum ist der Einstieg in die Lyrik für viele so schwer?

Es gibt enorm viel Lyrik, die nicht hochkompliziert und verschlüsselt ist. Das Problem ist: Wo findet man sie? Lyrik ist kaum sichtbar, weder in Buchhandlungen noch in Literaturinstitutionen. Das Bildungssystem trägt eine Mitschuld, im Unterricht müssen Schüler*innen zähe Analysen durchführen, zeitgenössische Lyrik wird nicht gelesen. Deshalb kommen Leser*innen auch nicht mit jener Lyrik in Kontakt, die ihnen wahrscheinlich gefallen würde. Lyrik lesen ist, als würde man eine neue Sprache lernen: anfangs etwas mühselig, doch sobald man ein Basiswissen hat, kann man auf einmal Neues verstehen. Und gerade Lyrik ist eine „Sprache“, bei der es sich wirklich lohnt, sie zu erlernen.

Im Frühjahr veröffentlichen Sie Ihren zweiten Gedichtband. Die neuen Texte sind surrealistischer als die ersten. Was erwartet die Leser*innen in Ihrer zweiten Sammlung?

Die Gedichte im zweiten Band sind surrealistisch, das stimmt. Meine ersten Texte waren dem hohen Ton verpflichtet, doch die neuen wenden sich davon ab, weisen eine größere Alltagsnähe auf und spielen gleichzeitig mit dem Grotesken.

„Das Schreiben wäre als Praxis ohne das Lesen gar nicht aufrechtzuerhalten.“

Wie hat sich seit Ihrer Erstveröffentlichung Ihr Schreiben verändert?

Der erste Band stellte vor allem eine Auseinandersetzung mit der intimen Sphäre des Menschen dar. Liebe, Verlust und Selbstentwicklung sind Themen, die die Texte durchziehen. Beim zweiten Band hat sich meine Perspektive geweitet und ich bin direkter geworden. Ich schaue auf die Welt, statt in den Spiegel. Im Grunde hatte ich aber keine Pause zwischen meinem ersten und meinem zweiten Band: Ich habe einfach weitergeschrieben. Das ist auch anstrengend gewesen, muss ich ehrlich zugeben.

Wieso anstrengend?

Lyrik ist weniger eine literarische Gattung als ein Modus der Wahrnehmung. Einmal in diesem Modus verankert, betrachtet man die Welt grundsätzlich durch eine ganz spezifische Linse, und das kann man nur schwer wieder ändern. Durch diese Linse erscheinen die Farben greller, die Geräusche lauter, Objekte und Menschen gewinnen eine andere Tiefe. Man setzt scheinbar Unzusammenhängendes miteinander in Verbindung und beschäftigt sich viel mit der symbolischen Dimension dessen, was einen umgibt. Es ist unheimlich intensiv.

Ein Grundmotiv ist auch in Ihren neuen Gedichten zu finden: Der Kosmos. Was fasziniert Sie daran, in den Himmel zu schauen?

Der Kosmos repräsentiert die absolute Freiheit des Geistes, das Vermögen, sich alternative Welten vorzustellen. Andererseits kann man ihn auch als Symbol für die absolute Heimatlosigkeit des Menschen und die Gewissheit, dass wir als Staubkörner durch einen riesigen Raum wandern, begreifen. Er stellt unsere subjektiv empfundene Bedeutsamkeit in Frage. Es ist ein ambivalentes Bild, das während meines Schreibens sehr natürlich aufkam und nun zu meinem Schaffen gehört.

Chris Lauer studierte Germanistik und Soziologie in Freiburg. Im Herbst 2023 erschien ihr Debütband „Gut verräumte Sternschnuppen“ beim Limbus Verlag in Österreich. 2024 wurde sie mit dem „Prix Mameranus“ ausgezeichnet, ein Jahr danach mit dem Ulrich-Grasnick-Lyrikpreis. Lauer arbeitet schnell: „Ich schreibe ein Gedicht pro Woche“, sagt sie. Die Veröffentlichung des zweiten Bands „Ortsauflösung“ steht für dieses Frühjahr an und wird auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt werden. Noch Ende dieses Jahres soll zudem die dritte Gedichtsammlung der luxemburgischen Dichterin erscheinen. Lauer vereinbart ihr Schreiben mit ihrer Arbeit als Kulturkoordinatorin bei der woxx.

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