Populismus
: Kalter Kaffee Angst

Mit dem Erstarken der Rechten kehrt die Rede von den Ängsten der Menschen machtvoll in die politischen Debatten zurück. Doch was öffentlich als Tabubruch inszeniert wird, ist für die politische Theorie alles andere als neu. Fraglich ist, wieso die „Angst“ politisch gerade jetzt wieder Karriere macht.

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Ängste ernst nehmen, damit es nicht ganz schlimm kommt: Der so genannte „Rechtspopulismus“ fordert Schießbefehl an Europas Außengrenzen, Konservative und Sozialdemokraten verlassen sich lieber auf die angekündigten Schießanlagen an der syrisch-türkischen Grenze. (Foto: qpress.de)

Es ist der 27. April 2016, 9.59 Uhr, und Claude Wiseler (CSV) steht in der Chamber am Rednerpult. Der Oppositionsführer kommentiert die tags zuvor von Premierminister Xavier Bettel (DP) berichtete Lage der Nation, als eine entnervte Journalistin eine Liste mit 19 Strichen bei Facebook postet: „19 – So oft hat Claude Wiseler zur Stunde das Wort „Angst“ verwendet. Und es ist noch nicht vorbei. Avanti populo!“

Wiseler redet von „Fragen und Gefühlen“, die sich „mischen mit einer Unsicherheit“, er redet von Identität und Islam, von Terror und Kriminalität, davon, dass der Premier solch heikle Themen ausgespart habe. Und immer wieder redet er in diesem Zusammenhang auch von der Angst der Menschen, die es ernst zu nehmen gelte. „Flüchtlingen an Terrorismus an een Deppe geheien, méi populistesch geet net“, twittert Integrationsministerin Corinne Cahen (DP) derweil von der Regierungsbank, „CSV an ADR: même combat.“ Die Christsozialen ätzen per Presseerklärung zurück: „Als Volkspartei gehen wir auf die Sorgen unserer Mitmenschen ein.“ Und zu diesen Sorgen gehört laut Claude Wiseler eben auch eine gehörige Portion Angst.

Natürlich bedurfte es nicht erst der Rede von Claude Wiseler, um zu bemerken: der Terminus Angst hat in den politischen Debatten Konjunktur. Von der Angst vor Altersarmut über die Terrorangst bis hin zur Angst vor der so genannten „Überfremdung“ begleitet das Wort seit geraumer Zeit die unterschiedlichsten vermeintlichen oder tatsächlichen sozialen Probleme, von Politikern und Medien gleichermaßen benutzt und repliziert.

Das wiederum hat andere zum Nachdenken gebracht über die „Einverleibung der Angst in die Politik“ (lettre international): Woher kommt die Angst, wie ernst muss man sie nehmen und wie geht man mit ihr um? Nils Markwardt interpretierte die Konjunktur der Angst in der „Zeit“ neulich gar als Heraufkunft einer „Phobokratie“, in der die Angst das Politische bestimme und nicht das rationale Aushandeln von Interessenkonflikten.

Doch der Bezug auf die Angst in der Sphäre des Politischen ist alles andere als neu. Der Engländer Thomas Hobbes (1588-1679), dessen politische Philosophie bis heute großen Einfluss hat, machte sie gar zum Kern seiner Staatstheorie. Die Angst vor dem gewaltsamen Tod sei es, welche die Menschen dazu bringe, die legitime Gewalt in den Händen eines Souveräns zu monopolisieren und sich eines nicht unwesentlichen Teils ihrer Freiheit zu entledigen. Hobbes, der sehr von der Erfahrung der englischen Bürgerkriege geprägt war, schrieb kurz vor seinem Tod sogar, dass Angst das einzige Gefühl seines Lebens gewesen sei. Der Rechtstheoretiker Franz L. Neumann (1900-1954), der vielfach als einer der Begründer der modernen Politikwissenschaft gesehen wird, widmete 1954 einen seiner meistbeachteten Aufsätze dem Thema „Angst und Politik“. Das Erkenntnisinteresse der Politikwissenschaft, heißt es dort, widme sich der „dialektischen Beziehung von Herrschaft und Freiheit“. Da die Angst die Freiheit der Entscheidung beeinträchtige, sie sogar unmöglich machen kann – „nur der furchtlose Mensch kann sich frei entscheiden“ – sei sie ein zentrales Problem.

Auch gegenwärtig setzen sich Wissenschaftler kritisch mit dem Thema auseinander. So beschreibt der Darmstädter Politologe Veith Selk in einem Interview in der Mai-Ausgabe des „forum“ die Angst als „trojanisches Pferd, mit dem sich Themen in die öffentliche Auseinandersetzung einschmuggeln lassen, die manchmal aus guten Gründen dort nicht hingehören“. Der „Schmuggel“ geht aber nicht lautlos vonstatten. Im Gegenteil wird das Ansprechen vermeintlicher Ängste als Tabubruch inszeniert. „Endlich“ wird dann „mutig“ ausgesprochen, dass es „Asylangst“, „Angst vor Flüchtlingsströmen“ oder „Angst vor den Roma“ gebe.

Angst oder Furcht?

Auch Claude Wiseler bediente sich in seiner Rede dieser Strategie, als er sagte, „traditionelle Parteien, und ich zähle uns mal dazu, haben oft eine gewisse Political Correctness, und sprechen daher bestimmte Fragen nicht“ an. Wiseler, so die Message, hat nun aber diesen Mut zur Wahrheit und macht, anders als Bettel, mit der politischen Korrektheit Schluss. Zugleich gibt er implizit das Versprechen, von ihm werde selbstverständlich wahrhaftig angepackt, was der „Rechtspopulismus“ nur instrumentalisiert, weil die „Menschen meinen …, allein weil ein Thema überhaupt angesprochen wird, es seien Antworten gegeben worden. Und dann kommen die Wahlresultate zustande“.

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855) unterschied in seiner psychologisch inspirierten theologischen Philosophie die Angst von der Furcht. Während letztere immer auf ein konkretes Objekt der Außenwelt und damit auf etwas Bestimmtes bezogen sei, könne bei der Angst niemals die Rede von einem Verhältnis zu etwas Äußerem sein. Die Angst entfalte sich nur aus dem Inneren des Menschen. Ähnlich unterschied der auf ihn folgende Sigmund Freud (1856-1939) im Individuum die Realangst von der neurotischen Angst. Während sich die Realangst auf eine konkrete Gefahrensituation beziehe, entstehe die neurotische Angst im Innern des Menschen, im Ich. Sie sei als unbewusste Artikulation eines verdrängten Konfliktes zu verstehen, als Ausdruck von etwas, das als so bedrohlich erlebt wird, dass es nicht einmal ins Bewusstsein treten darf.

Nachvollziehbar im Sinne einer Furcht oder Realangst mag daher die Aussage sein, dass angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung die Kürzung oder gar der Verlust der Rente droht. Doch was ist davon zu halten, wenn Bürger von Orten in Ostdeutschland, die durch Brandanschläge und Übergriffe auf Flüchtlinge zu trauriger Berühmtheit gelangt sind, Journalisten erklären, diese Taten resultierten aus der Angst vor sozialer Benachteiligung der autochthonen Bevölkerung und „Überfremdung“ der eigenen Kultur? Und wieso machen ein paar hundert Flüchtlinge den Interviewten mehr Angst als ein die Schutzbedürftigen attackierender rechtsradikaler Mob?

Franz Neumann geht in dem erwähnten Aufsatz auf den Zusammenhang von Angst und der Tatsache ein, dass die kapitalistische Produktionsweise ein Heer von überflüssigen Arbeitskräften und daher auch Auswechselbaren hervorgebracht hat: „Das Destruktive, Angsterzeugende ist gerade die Machtlosigkeit des Einzelnen, der sich der technologischen Apparatur“ der modernen Produktionsweise und ihrer Institutionen einzufügen hat. Die Angst vor „sozialer Degradation“ schaffe sich so ein „Ventil des Ressentiments“. Es mag sein, dass sich, analog zur neurotischen Angst, im Leid der Flüchtlinge die Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg widerspiegelt, die so bedrohlich ist, dass sie nicht ins Bewusstsein treten darf. Die „Verdrängung“ würde dann im Hass auf die bereits Ausgestoßenen, als direkte Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt Wahrgenommenen artikuliert.

„Wenn Angst nicht verdrängt wird“, schrieb der Philosoph Theodor W. Adorno in seinem Aufsatz über die „Erziehung nach Auschwitz“, „wenn man sich gestattet, real so viel Angst zu haben, wie diese Realität Angst verdient, dann wird gerade dadurch wahrscheinlich doch manches von dem zerstörerischen Effekt der unbewußten und verschobenen Angst verschwinden.“ So verstanden beinhaltet die Angst einen aufklärerischen Impuls. Der Appell, der Angst standzuhalten, ihr mit Neugier zu begegnen und den Mut zu haben, dem was Angst macht auf den Grund zu gehen, verbindet die Individualtherapie in gewisser Weise mit Gesellschaftskritik.

Wird dieser Impuls jedoch nicht aufgegriffen, dient die Angst nur zur Apologie der Unmenschlichkeit, sie ist, wie „Zeit“-Autor Markwardt schreibt, ein „bloßes Kostüm von Wahn und Hass“. Wohin das führen kann, hat die nationalsozialistische Volksgemeinschaft auf präzedenzlose Weise vorgeführt. Wie der Antisemitismus selbst wurde auch die Vernichtung der europäischen Juden als kollektive Notwehrhandlung der Deutschen inszeniert.

Doch es muss nicht erst soweit kommen, damit die politische Instrumentalisierung der Angst ihr zerstörerisches Werk beginnt. Wo gesellschaftlich produzierte Ängste nicht hinterfragt, sondern als faktische Sachverhalte konstatiert werden, beginnt die reaktionäre Politik ihr antiaufklärerisches Werk. Man dürfe die Bürger Europas bei der Aufnahme von Flüchtlingen nicht überfordern, heißt es dann, andernfalls drohten Rechtspopulismus und Brandanschläge. Als ob nicht gerade diese Logik die Quintessenz des so genannten Populismus sei. Eine aufklärerische Haltung hingegen begänne damit, den Menschen zu erklären, dass die Aufnahme von Millionen von Flüchtlingen eine mühevolle Aufgabe ist, zu deren Bewältigung es einer gemeinsamen Anstrengung bedarf, die aber angesichts des Leids der Geflüchteten schlicht und einfach alternativlos ist.


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