Serien-Empfehlung: Diener des Volkes

Bevor er Präsident wurde, spielte Wolodymyr Selenskyj in einer satirischen Fernsehserie einen Geschichtslehrer, der widerwillig zum Präsidenten der Ukraine wird.

Wassyl Holoborodko 
(Wolodymyr Selenskyj) muss sich als frischgebackener Präsident der Ukraine mit Korruption und Schlaglöchern herumschlagen. (Fotos: Studio Kvartal 95)

Wassyl Holoborodko (Wolodymyr Selenskyj) ist Geschichtslehrer in Kyjiw. Als seine Schüler*innen Wahlkabinen bauen sollen, statt seinem Unterricht zu folgen, platzt ihm gegenüber einem Kollegen der Kragen: Eine Hasstirade über die Politik der Ukraine und vor allem korrupte Politiker*innen sprudelt nur so aus ihm heraus. Ein Schüler filmt den Ausfall mit dem Smartphone und stellt das Video auf Youtube. Acht Millionen Klicks später überzeugen seine Schüler*innen Holoborodko, sich zur Wahl des Präsidenten zu stellen, sie sammeln sogar das für die Einschreibung nötige Geld mittels Crowdfunding.

Obwohl die Umfragen schlecht für ihn aussahen, wird Holoborodko zum Präsidenten gewählt. Niemanden überrascht das mehr als ihn. So ist er mit der Situation auch deutlich überfordert und tut erst einmal das, was der Ministerpräsident Jurij Schujko (Stanislaw Boklan) ihm vorgibt. Zumindest so lange, bis er seine Antrittsrede halten soll – da weicht er plötzlich vom Text ab. Der neue Präsident beginnt, in der korrupten Politik der Ukraine aufzuräumen, und versucht, Reformen durchzusetzen. Dabei stößt er jedoch auf Widerstände, denn viele Mitglieder seines Kabinetts und des Parlaments haben sich mit dem System angefreundet. Selbst seine Familie und Freund*innen sehen nun eher den Moment gekommen, sich zu bereichern, statt gegen die Korruption anzukämpfen. Zu allem Überfluss versuchen auch noch mächtige Oligarchen, ihrem neuen Gegner eins auszuwischen.

Che Guevara redet ins Gewissen

Holoborodko versucht in Folge sein Bestes, um das politische System der Ukraine umzukrempeln und korrupte Politiker*innen und Beamt*innen zu verhaften. Seine Vergangenheit als Geschichtslehrer hilft ihm dabei: Immer wenn ihn Gewissensbisse plagen, hat er Tagträume, in denen historische Figuren auftreten. Vor seiner Antrittsrede hat er eine Unterhaltung mit dem US-Präsidenten Abraham Lincoln, während seiner ersten Kabinettssitzung muss er sich der Kritik Che Guevaras stellen. Neben seinem politischen Leben wird auch immer wieder die Beziehung zu seiner Familie und seiner Ex-Frau thematisiert: Die sind nicht immer begeistert von dem, was der frischgebackene Präsident entscheidet.

„Diener des Volkes“ versteht sich als eine Art ukrainische Parodie auf „House of Cards“ – wobei es hier absolut nicht Holoborodko ist, der Intrigen spinnt. Welche politische Ausrichtung der fiktive Präsident wirklich einnimmt, ist nicht immer klar ersichtlich, denn er konzentriert sich vor allem darauf, Korruption zu bekämpfen und mondäne Probleme wie Staus oder Schlaglöcher zu lösen. Lustig ist die Serie allemal, wenn sie auch in Anbetracht der russischen Invasion der Ukraine nicht immer ganz so leicht verdaulich ist, wie sie das zum Entstehungszeitpunkt wohl war. So ruft Holoborodko zum Beispiel oft „Putin wurde gestürzt“, wenn er eine durcheinanderredende Menschenmenge zur Ruhe bringen will. Auch bei der Szene, in der Angela Merkel den Präsidenten anruft, um ihm mitzuteilen, dass sein Land in die EU aufgenommen wurde, bleibt ein bitterer Nachgeschmack.

Putin, Hublot?

Einige Witze sind für westliche Zuschauer*innen nicht immer gleich zu verstehen. So bittet ein Verkehrspolizist den Vater des Präsidenten darum, dass dieser doch die Comedygruppe Kvartal 95 wegen ihrer Polizist*innenwitze verbieten solle. Dabei ist das jene Gruppe, die die Serie produziert hat. Ein anderes Beispiel: Als Holoborodko sich eine Uhr aussuchen soll, werden ihm Luxusuhren mehrerer Hersteller gezeigt. Bei der Schweizerischen Marke Hublot wird ihm gesagt, Putin trage eine solche. Der Präsident in spe fragt dann „Putin, Hublot?“, was wie der seit 2014 in der Ukraine beliebte Schmähruf „Putin huilo!“, auf Deutsch etwa „Putin ist ein Pimmel!“ klingt. Als der russische Sender TNT diese Folge nach nur einem Tag wieder aus seinem Streamingdienst entfernte, sorgte dies für einen kleinen Skandal. Vieles kann man sich nur zusammenreimen – wie etwa die Verweise auf das vermeintlich ländliche „Transkarpatien“.

Die Tatsache, dass Wolodymyr Selenskyj erst im Fernsehen einen Präsidenten spielte, bevor er tatsächlich dazu gewählt wurde, hat ihm bei den Wahlen sicherlich geholfen. Seine Partei, die schon länger bestand, hat sich auch nicht ohne Grund in „Diener des Volkes“ umbenannt. Diese dann doch eher absurde Wendung des Schicksals hätte eigentlich schon genug Grund sein können, sich die Serie anzusehen. Die russische Invasion hat Selenskyj ins internationale Rampenlicht gezerrt – und damit auch das Interesse an seinen vorigen Arbeiten als Comedian und Schauspieler erhöht. Gerade in schwierigen Zeiten brauchen wir Ablenkung – und warum sollte die nicht aus dem Land und von dem Präsidenten kommen, um dessen Schicksal so viele jeden Tag bangen?

„Diener des Volkes“ wird noch bis 18. Mai auf Arte.tv in der Originalsprache mit deutschen und französischen Untertiteln gestreamt.

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