Serien-Empfehlung: Lenox Hill

von | 27.08.2020

Eine beeindruckende neue Netflix-Serie gibt Einblick in den Alltagsbetrieb eines New Yorker Krankenhauses – vor und während der Pandemie.

„Lenox Hill“ zeigt den Alltag in einem New Yorker Krankenhaus, samt Kaiserschnitten und aufgesägten Schädeln. (©Netflix)

Eine Folge „Lenox Hill“ anzuschauen, geht an die Substanz. Zumindest dann, wenn man mit dem Krankenhausmilieu eher unvertraut ist; zeigt die Netflix-Doku doch den Alltagsbetrieb im New Yorker Lenox Hill Hospital. Regisseur*innen Adi Brarah und Ruthie Shatz und ihr Team haben über mehrere Monate hinweg vier Ärzt*innen begleitet: die Geburtshelferin Amanda Little-Richardson, die Notfallärztin Mirtha Macri sowie die beiden Neurochirurgen David Langer und John Boockvar. Gemeinsam ist ihnen die Leidenschaft und Hingabe, mit der sie ihren Beruf ausüben. Was die beiden Frauen darüber hinaus verbindet, ist ihrer beider Schwangerschaft. Während Macri als 39-jährige Frau einem erhöhten Risiko unterliegt, wird bei Little-Richardsons Fötus in den ersten Wochen ein Gendefekt diagnostiziert. Anders als bei den zwei männlichen Protagonisten wird beim Blick auf sie das Privatleben in den Vordergrund gestellt.

Die Wahl der Serien-Protagonist*innen reproduziert Geschlechterstereotype, ohne dass dies in der Serie thematisiert werden würde – eine Schwäche, die jedoch durch andere Aspekte um ein vielfaches wettgemacht wird. Da ist zum einen der einzigartige Blick in die OP-Säle, samt ärztlichen Ritualen, während lokalen Narkosen abgehaltenen Pläuschen und aufgesägten Schädeln. Vor allem das explizite Zeigen von Operationen ist nichts für schwache Nerven: Wir sehen wie Schrittmacher gelegt, Tumore entfernt und Babys per Kaiserschnitt zur Welt gebracht werden. Nicht weniger bewegend sind die Momente, in denen die Ärzt*innen ihren Patient*innen schlechte Prognosen stellen oder mit den Tränen ringen, weil sie ihnen nicht helfen konnten.

„Lenox Hill“ klammert aber auch die schönen Momente nicht aus: wenn die Kolleg*innen füreinander Geburtstagskuchen mitbringen, mit ihren Patient*innen lachen, Leben retten. Die schwierige Balance zwischen Beruf und Freizeit wird dabei ebenso angesprochen wie die Freude und Erfüllung, die die gezeigten Personen dank ihrer Arbeit verspüren. Die behandelten Patient*innen unterscheiden sich nicht nur durch ihre Beschwerden, sondern etwa auch durch ihr Alter und ihre Klassenzugehörigkeit.

Das Highlight der Serie ist zweifellos eine Bonusfolge über die ersten Monate der Corona-Pandemie. Während in New York die Fallzahlen exponentiell steigen, thematisiert „Lenox Hill“ was hinter den Kulissen passiert: von ihren Familien getrennt lebendes Krankenhauspersonal, sterbende Patient*innen, die keinen Besuch erhalten dürfen, Ärzt*innen, die abends weinend nach Hause gehen.

„Lenox Hill“ behandelt in erster Linie die menschlichen Seiten des Krankenhausalltags, fachmedizinische Perspektiven werden weitgehend ausgeklammert. Wer hier keine falschen Erwartungen hat, wird mit der Serie voll auf die Kosten kommen.

Netflix.

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