Baby Reindeer: Emotional überfordert

In Richard Gadds Erfolgsserie „Baby Reindeer“ versucht ein Stand-up-Comedian, aus seinen selbstdestruktiven Verhaltensmustern auszubrechen – und scheitert ein ums andere Mal.

Baby Reindeer ist der Kosename, den Martha ihrem Stalkingopfer Donny gegeben hat. (Quelle: Netflix)

Was zum Kuckkuck hat es mit dem Hype um „Baby Reindeer“ auf sich? Beim Lesen und Hören von Artikeln, Podcasts oder Social-Media-Beiträgen über die britische Serie drängt sich diese Frage unweigerlich auf. Im Feuilleton findet man einen regelrechten Wettkampf der Adjektive vor, um die Serie zu beschreiben. Als „original, compelling, and unforgettable“ wird sie im Guardian beschrieben, als „rewardingly complex“ und „challenging“ auf inews. „Berührend, schockierend und wirklich krass“, fasst wiederum Susan Vahabzadeh in der Süddeutschen Zeitung ihren Eindruck zusammen. Auf der Plattform X (ehemals Twitter) ist die Aufregung nicht minder groß. „Baby Reindeer: Holy shit“, dieser Tweet von Autor Stephen King wurde bisher über 39.000-mal gelikt und erhielt 1,5 Millionen Kommentare. Andere, weniger bekannte User*innen berichten, die Serie habe sie verstört und frustriert zurückgelassen. Manche vergleichen sie mit intimen, semi-autobiografischen Serien wie „Feel Good“ oder „I May Destroy You“, andere ordnen sie eher dem Psychothriller-Genre zu. Tatsächlich steckt in der seit dem 11. April auf Netflix verfügbaren Serie so viel drin, dass man, je nach Gesinnung, sehr Unterschiedliches aus diesem Seherlebnis ziehen kann. Auch bei der Beurteilung der Qualität von „Baby Reindeer“ gehen die Meinungen auseinander.

Die Flut an sich teils widersprechenden Reaktionen ist wohl einer der Gründe für den Streaming-Erfolg von „Baby Reindeer“. Man will einfach wissen, was denn so krass, unvergesslich und komplex an einer Serie sein soll, deren Vorschaubild auf Netflix kaum trashiger aussehen könnte und deren Name an eine Kindersendung denken lässt. Eine offizielle Werbekampagne von Netflix gab es nicht, der hohe Bekanntheitsgrad der Serie ist einzig auf Mundpropaganda zurückzuführen. Mit 56,5 Millionen Streams innerhalb eines Monats ist die Serie eine der erfolgreichsten Netflix-Produktionen aller Zeiten.

Der wohl bekannteste Fakt zur Serie ist, dass sie die reale Geschichte des britischen Stand-up-Comedians Richard Gadd erzählt, der über Jahre hinweg von einer Frau gestalkt und mit dem titelgebenden „Kosenamen“ Baby Reindeer versehen wurde. Dass diese Prämisse lose an Produktionen wie „You“ oder diverse Ausprägungen innerhalb des „True-Crime“-Genres erinnert, erklärt aber noch nicht den Reiz der Serie. Tatsächlich sind Filme und Serien, die uns die Lebensrealität echter oder fiktiver Krimineller näherbringen, derart omnipräsent, dass es quasi unmöglich geworden ist, positiv aus der Masse herauszustechen. Wieso das „Baby Reindeer“ trotzdem gelungen ist? Der Stalker-Erzählstrang ist lediglich der Ausgangspunkt für eine Charakterstudie des psychisch labilen Protagonisten Donny (Richard Gadd).

Bruch mit Erwartungen

Es ist nicht das erste Mal, dass Gadd seine Erfahrungen fiktionalisiert. Bereits 2019 war seine One-Man-Show „Baby Reindeer“ auf dem Fringe Festival in Edinburgh zu sehen. Auch für die Netflix-Produktion ist er wieder als Autor und Hauptdarsteller aktiv. Wurde Stalkerin Martha im Theaterstück lediglich von einem Barhocker repräsentiert, so wird sie in der Serie von der durchweg beeindruckenden Jessica Gunning verkörpert. Donny lernt Martha in der Kneipe kennen, in der er als Barmann arbeitet, wenn er nicht gerade auf der Bühne steht. Der offensichtlich angeschlagenen Kundin bietet er eine gratis Diätcola an – Stein des Anstoßes für Marthas krankhafte Obsession mit dem Komiker.

Was „Baby Reindeer“ von ähnlichen Produktionen unterscheidet, ist, dass die Serie mit den Erwartungen und Sympathien der Zuschauer*innen spielt. Die ersten drei Folgen handeln von Marthas zunehmend rücksichtslosen Methoden, Donny und dessen soziales Umfeld zu drangsalieren. Die Serie ist dabei weit davon entfernt, Stalking zu romantisieren. Nachdem Donny seinen anfänglichen Widerwillen, die Polizei einzuschalten, überwunden hat, wird er darauf hingewiesen, dass Martha noch keine strafrelevante Tat begangen hat. Selbst der Umstand, dass Martha eine angeklagte Stalkerin ist, hilft ihm nicht weiter. Um die Unzulänglichkeiten des Justizapparats geht es in „Baby Reindeer“ aber nur am Rande.

Obwohl die Serie durchweg aus Donnys Perspektive erzählt wird, geht der Künstler auch mit sich selbst hart ins Gericht. Schon in diesen ersten Folgen soll der Protagonist keine Identifikationsfigur darstellen. Immer wieder bringt er im Voiceover seine Faszination für Martha zur Sprache. Dass diese täglich in der Kneipe, in der er arbeitet, vorbeischaut, ihm tausende E-Mails schreibt und irgendwann Tag und Nacht im Bushäuschen gegenüber seiner Wohnung verbringt, ist ihm zwar unangenehm, aber irgendetwas intrigiert ihn auch an Martha. Das Mindeste, was man sagen kann, ist, dass er Mitleid mit ihr empfindet. Ihr Grenzen zu setzen, fällt ihm schwer, er will sie nicht enttäuschen. Zur Polizei geht er letztendlich nicht, seiner selbst willen, sondern weil er er sich um die Sicherheit seiner Eltern sorgt.

„Baby Reindeer“ ist sicherlich nicht die erste Serie, die sich mit der Frage beschäftigt, wieso es Missbrauchsopfern schwerfallen kann, über ihre Erfahrungen zu sprechen und sich von ihren Peiniger*innen zu lösen. Anders als etwa in „Big Little Lies“ oder „Bad Sisters“ ist das Opfer diesmal allerdings erstens männlich und zweitens ist Donny bei seiner Analyse der Dynamik zwischen ihm und Menschen, die ihm nicht guttun, weitaus fortgeschrittener, als es die Figuren aus den eben genannten Serien sind.

Was zunächst nur angedeutet wird, ist spätestens nach der vierten Folge explizit. Eine frühere Missbrauchserfahrung hat Donny nachhaltig traumatisiert, sein Selbstwertgefühl zutiefst erschüttert. Für den Missbrauch macht er sich mitverantwortlich, bezüglich seiner sexuellen Orientierung ist er zutiefst verwirrt. Marthas Belästigungen empfindet er als überraschend besänftigend. Der Gedanke drängt sich ihm auf, dass sie und er sich vielleicht gar nicht so unähnlich sind.

Er selbst wird zunehmend besessen von Martha, beginnt seinen Job und seine Beziehungen zu vernachlässigen. Unablässig hört er Marthas Sprachnachrichten in der Hoffnung sie zu verstehen. Damit versucht er wohl auch indirekt sich selbst besser zu verstehen. Auf jede gute Entscheidung, die Donny trifft, folgt eine schlechte; nach jeder Besserung seiner mentalen Gesundheit kommt es wieder zu einem Rückschritt. Es gibt keinen Moment, in dem Donny nicht emotional überfordert ist. Dabei lässt die Serie nie einen Zweifel daran, dass Gadd ein Opfer ist. Dass er sich nicht immer so verhält, wie man es von einem Stalkingopfer erwarten könnte, ändert nichts daran.

Nach der siebten und letzten Folge weiß man nicht, um wen es schlechter bestellt ist, Martha oder Donny. Die Serie liefert auch keine klaren Antworten darauf, weshalb die beiden so sind, wie sie sind. Das macht die Handlung dieser Serie zwar frustrierend, dafür aber umso authentischer.

Dass die Serie so erfolgreich ist, ist vor allem deshalb überraschend, weil es sich nicht um einen True-Crime-Blockbuster à la „Monster: The Jeffrey Dahmer Story“ handelt. Im Fokus steht weder eine Mordserie noch die nervenaufreibende Suche nach einem Killer. Stattdessen geht es um das selbstdestruktive Verhalten eines recht durchschnittlichen Mannes, der trotz seiner guten Fähigkeiten zur Selbstreflexion und trotz eines unterstützenden Umfelds nicht aus seinen toxischen Verhaltensmustern auszubrechen vermag. Das Resultat ist absolut sehenswert.

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