Allzu schwer fällt er nicht, der Abschied von der Serie „And Just Like That“ – sie hat den Charme des Anfangs eingebüßt. Interessanter ist ein Blick auf die Ursprünge: Mit Mary McCarthys Buch „The Group“ fing alles an.

Vorbehaltslose Freundschaft: Mary McCarthy und Hannah Arendt. (Fotos: Mary McCarthy: Library of Congress/Public Domain; Hannah Arendt: Barbara Niggl Radloff – sammlungonline.muenchner-stadtmuseum.de, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=127246587)
Und einfach so ist alles vorbei: Mit dem Staffelfinale des „Sex and the City“-Sequel „And Just Like That“ schließt das Manhattan-Epos um die New Yorker Kolumnistin Carrie Bradshaw endgültig. Wehmut kommt nicht auf, der lebensgeschichtlich zwischen „Girls“ und „Golden Girls“ lavierenden Miniserie fehlt alles, was die originale Serienerzählung anfangs ausmachte: der Indie-Charme, die Stilbrüche, der weibliche Aufbruch.
Anlass genug, auf die vergessenen Vorläufer der Serie zu schauen, die zu einer gigantischen Bildmaschine geworden ist. Innovation, Intellektualität und Emanzipation sind dieser Vorgeschichte genauso eingeschrieben wie die Gesetze der Kulturindustrie, die „Sex and the City“ (SATC) zuletzt zu einer betäubenden Karikatur entstellten.
1963 erschien ein Roman, der zum Generationenklassiker aufbegehrender Frauen wurde: „The Group“ der US-amerikanischen Schriftstellerin, Aktivistin und Freundin Hannah Arendts, Mary McCarthy. Der Roman (deutschsprachiger Titel „Die Clique“) wirft einen Blick auf die amerikanische Ober- und Mittelschicht durch das Leben von acht Absolventinnen des elitären Vassar College, die sich mit der Komplexität von Identität und den Widersprüchen gesellschaftlicher Erwartungen in den Jahren 1933 bis 1940 konfrontiert sehen.
Weil das Buch Sexualität aus einer weiblichen, aufklärerischen Perspektive behandelt, wird es zum Skandal. Dass ehelicher Sex darin als oft freudlos dargestellt wird, war ein Aufreger von vielen. Der Roman, der von einer cleveren Marketingkampagne begleitet zum Bestseller wurde, ist das erklärte Vorbild der SATC-Serie, seine Matrix.
Es brauchte allerdings noch die Steilvorlage durch die verkaufstüchtige Kolumnistin Candace Bushnell, um daraus die Serie zu entwickeln. McCarthys Roman war schon vergessen, als Bushnell 1996 gemeinsam mit ihrer Redakteurin beim britischen „Observer“ die Idee hatte, die moderne Version von „The Group“ auf den Markt zu werfen. Die Rechte an dem Bändchen „Sex and the City“, eine auf angesagte Locations und Dating-Trends bauende Ensemblekomödie, schnappte sich der auf frische Formate abonnierte Fernsehsender „HBO“.
Bushnell will McCarthys Roman bereits aus dem Bücherregal ihrer Mutter gekannt haben. Ihn auf die 1990er-Jahre upzudaten ist kaum möglich, dazu ist er zu komplex und zu eng mit den Ideen seiner Zeit verbunden. Viel mehr als die intimen Gespräche und die Vorstellung, dass nicht die Ehe, sondern die Clique die wichtigste Institution im Leben einer Frau ist, übernimmt Bushnell von McCarthy dann auch nicht.
1912 in Seattle geboren, war McCarthy wie ihre Protagonistinnen eine hoffnungsvolle Absolventin des Vassar College. „The Group“ ist nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit ihren eigenen Enttäuschungen – über die Ehe, den Sozialismus (dessen trotzkistischer Variante McCarthy zeitweilig anhing), die Massengesellschaft und den Faschismus in Europa.
McCarthys kompromisslos offene Rede über Sexualität hat nicht nur eine Serie, sondern ganz allgemein Literatur, Film und Journalismus inspiriert.
Der Roman eröffnet mit einer pompösen Hochzeit und schließt mit einem lesbischen Paar (wobei es die Jahrgangsschönheit ist, die sich als queer outet), dazwischen Geschlechtsverkehr, häusliche Gewalt, Psychoanalyse, Mutterschaft, Scheidung, Suizid; ein Mann, der das Einmaleins aufsagt, um den Samenerguss zu verzögern, und die Schilderung, wie ein Pessar eingesetzt wird.
Niemand Geringeres als ihre Freundin Hannah Arendt hat McCarthy bei der Arbeit an „The Group“ über Jahre mit liebevollem Interesse begleitet. 1944 hatte die Freundschaft stilgerecht in einer Bar in Manhattan ihren initialen Moment. Dabei waren die Frauen keine Freundinnen auf den ersten Blick, sie verstritten sich über einer sarkastische Bemerkung, die McCarthy über Hitler machte und vertrugen sich wieder. Ab diesem Moment „gedieh ihre Freundschaft in einem Ausmaß, das unter modernen Intellektuellen unerreicht ist“, schreibt Carol Brightman im Vorwort des 1995 von ihr herausgegebenen Briefwechsels. Anhand dieser in ihrer gedanklichen Kühnheit, philosophischen Tiefe und unbedingten Verbundenheit einzigartigen Korrespondenz, lässt sich ausschnitthaft die Entstehung von McCarthys Roman „The Group“ nachvollziehen.
Arendt erkundigt sich regelmäßig nach dem Fortschritt am Buch im selben vertraulichen Ton, in dem man nach dem Befinden von Angehörigen fragt: „Wie geht es dem Roman?“ Der Roman ging McCarthy nicht leicht von der Hand. Dauernd kam anderes dazwischen, Privates, ein weiterer Roman, Umzüge, Reisen. Elf Jahre dauerte die von langen Pausen unterbrochene Arbeit. Für den entscheidenden Kick sorgte 1959 ein Stipendium der Guggenheim-Stiftung, das McCarthy auf Vermittlung von Arendt erhielt. „Danke für alles, was du in New York für mich getan hast“, schreibt sie an Arendt.
Die deutsch-jüdische Philosophin, die in New York wohnte, und ihre US-amerikanische Freundin, die in verschiedenen europäischen Städten lebte, trafen sich so oft es ging. Dass sie über „The Group“ redeten, kann man aus den Briefen schlussfolgern. Beide schätzten die Kritik der anderen. Uneinig waren sie sich in Bezug auf die Direktheit von Bettszenen. McCarthy bekennt an einer Stelle, dass sie sich von ihrer Freundin „am Ärmel gezupft“ fühlt, „sobald Sex auftaucht“. „Meine Bedenken, dass der Roman (gemeint ist hier „A Charmed Life“) geschmacklos sein könnte, kreisen um die Reaktion, die ich von dir erwarte oder befürchte.“
Als „The Group“ 1963 erschien, lobte Arendt es als „schön geschrieben“ und „auf erfrischende Weise komisch“. Sie war aber längst nicht so überschwänglich, wie man es angesichts der Bedeutung des Buchs erwarten würde. Wenn Arendt bemerkt, „Du bist an einem Punkt angelangt, der so weit entfernt ist von Deinem früheren Leben, dass nun alles seinen Platz hat“ wirkt es so, als weiche Arendt dem literarischen Urteil aus.
Vorbehaltlos dagegen unterstützte sie die Freundin, als diese in einen von der harschen Kritik Norman Mailers losgetretenen Shitstorm geriet. Dies ist umso bemerkenswerter in einer Zeit, in der Arendt es mit dem, wie sie schreibt, „Eichmann-Ärger“ zu tun bekam.
Allerdings – die Aufmerksamkeitsökonomie wirft ihre Schatten voraus – sorgte der Wirbel um „The Group“ für Publicity, steigende Verkaufszahlen sowie für einen Filmvertrag. Sidney Lumet adaptierte den Roman 1966 auf kongeniale Weise. McCarthy schrieb das Drehbuch. Wie der Film Innenarchitektur und Innenleben der Figuren zusammenbringt und vom beunruhigenden Teppichmuster auf bizarre Paar-Situationen hinüberschwenkt, erinnert deutlich an die frühen SATC-Folgen. Die Serienschöpfer von HBO haben sich von Lumet bei Setting, Stilmitteln, Schnittfolgen einiges abgeguckt.
McCarthys kompromisslos offene Rede über Sexualität hat nicht nur eine Serie, sondern ganz allgemein Literatur, Film und Journalismus inspiriert. Das sich um das Pessar drehende, dritte, ebenso amüsante wie nachdenkliche Kapitel von „The Group“ beruhte auf ihrem viel beachteten Artikel, in dem sie über das damals neue Verhütungsmittel für Frauen berichtete. Im Buch baut sie das Stück zu einem literarischen Highlight aus. Es begründete den Mythos des Romans, der einen Prozess sexueller Liberalisierung mit angestoßen hat, der aber auch von ihrer Vermarktung zeugt. Arendt zupfte der Freundin nicht grundlos am Ärmel.

