Theater: Es geht in die heiße Phase

von | 13.06.2024

Die Klimakrise trifft die Welt immer hĂ€rter, die Menschheit steht mit dem RĂŒcken zur Wand. Wie verar- beitet man das kĂŒnstlerisch? Auf diese Frage versucht „Alphabet. 26 Theater-Miniaturen fĂŒr eine sich erwĂ€rmende Welt“ eine originelle Antwort zu geben.

Die Schauspieler*innen von links nach rechts: Laura Talenti, Alexander Wanat, Pitt Simon und Eugénie Anselin (Copyright: Antoine de St Phalle)

Liefe die Gegenwart wie ein Film ab, wĂŒrde der Klimawandel den dazugehörigen Soundtrack liefern, der jede Szene grundiert: allgegenwĂ€rtig, bedrohlich, aber auch viel weniger fassbar als die Handlungen auf der Leinwand. Der Philosoph Timothy Morton, der auch in der BegleitbroschĂŒre von „Alphabet“ erwĂ€hnt wird, erfand deswegen den Begriff des „Hyperobject“: In ihrer Tragweite ĂŒbersteigt die Klimakrise unser aller Vorstellungsvermögen, deswegen wirkt sie zugleich so abstrakt und fern unserer Lebenswirklichkeit. Weil sie als ĂŒbermĂ€chtiges und unabĂ€nderliches Problem in Erscheinung tritt, fallen wir entmutigt einem Zustand der LĂ€hmung anheim.

Wie nĂ€hert man sich nun als ErzĂ€hler*in einem solchen Sujet an? Entgegen der archetypischen Struktur des Monomythos, der Held*innenreise also, die formal auf LinearitĂ€t und KohĂ€renz und inhaltlich auf Konflikt und Entwicklung beruht, entschied sich der Autor und Theaterregisseur Calle Fuhr fĂŒr „26 Theater-Miniaturen fĂŒr eine sich erwĂ€rmende Welt“, kleine Szenen beziehungsweise Szenenfolgen, die in alphabetischer Reihenfolge jeweils um einen oder mehrere Buchstaben kreisen. Schlagwörter, die verhandelt werden, sind (um einige wenige herauszupicken): CO2, Exxon Mobile, fossile Lobby, Greenwashing, Protest, Trauerweide, Visual Utopias und Xenophobie.

Mit der Entscheidung, das Publikum anhand des ABCs an den allmĂ€hlichen Klimakollaps heranzufĂŒhren, beruft sich Fuhr auf die Journalistin und Pulitzer-Preis-TrĂ€gerin Elizabeth Kolbert. Im „New Yorker“ veröffentlichte sie 2022 den Essay „Climate Change from A to Z. The stories we tell ourselves about the future“, den sie nach demselben Strukturprinzip entwarf. Aus ihrem KalamitĂ€ten-Alphabet wurde schließlich das Buch „H is for Hope“. Und hier sei gleich eine kritische Bemerkung geĂ€ußert: Zwar werden Kolberts Werk in der TheaterbroschĂŒre anderthalb Abschnitte gewidmet, doch in der Kurzbeschreibung des StĂŒcks auf der Website des Kasemattentheaters wird nicht einmal ihr Name erwĂ€hnt. Dort wird ausschließlich in einem halben Satz auf die „Story des New Yorker ‚Climate Change from A to Z‘“ Bezug genommen – fair wĂ€re es gewesen, auch hier die Autorin, deren Text als Grundlage fĂŒr die Miniaturen benutzt wurde, wenigstens namentlich zu nennen.

Einzelschicksale und turbulente Weltgeschehnisse

Am Anfang war das Ahrtal: Diesem Thema widmet sich das TheaterstĂŒck als erstes. Christian hat nach einem Streit beim letzten Weihnachtsessen den Kontakt zu seiner Tante Renate abgebrochen, doch dann kommt die Flut. Mit einem Telefonanruf versucht er wieder Kontakt zu seiner Verwandten, die im Katastrophengebiet lebt, herzustellen. Vorne auf der fast leeren BĂŒhne stehen sie dann, die ehemals Zerstrittenen, die Hand wie ein Handy ans Ohr geklemmt, und stolpern durch das mit ungelenken Pausen versetzte, aber doch von leiser Zuneigung getragene GesprĂ€ch.

(Copyright: Antoine de St Phalle)

Renate entschuldigt sich fĂŒr das ZerwĂŒrfnis, Christian fragt, wie es ihr geht. Die Frau, die als freiwillige Helferin am Hubschrauberlandeplatz auf die nĂ€chste Menschengruppe wartet, erzĂ€hlt, dass sie vor Kurzem sechs Leichen, schön aufgereiht, in Empfang genommen habe. Persönliches vermischt sich mit Überpersönlichem, private Dramen werden mit den großen, kollektiv erfahrenen Tragödien verwoben. Die MehrdimensionalitĂ€t dieser Szene gibt den Ton vor fĂŒr das gesamte StĂŒck; das einzelne Lebensnarrativ und die es umspannenden ErzĂ€hlungen von Verlust und Fortbestand, Weiterentwicklung und RĂŒckschritt kreuzen sich immer wieder, sind nicht voneinander zu trennen.

Bei dem Buchstaben „U“ („Unsicherheit“) tauchen die beiden Figuren wieder auf, als die Vorgeschichte zu dieser Szene nachgereicht wird – ĂŒberhaupt kommen verschiedene Figuren mehrmals vor, ihre Geschichten sind die FĂ€den, die wieder aufgegriffen werden, die dem StĂŒck eine gewisse Architektur verleihen. Auf diese Weise rutscht die Produktion nicht ins rein Episodenhafte ab, sie gewinnt eine strukturelle KomplexitĂ€t.

Art meets journalistic research

„Alphabet“ ist ein inhaltlich unglaublich kompaktes StĂŒck, dem umfangreiche Recherchen vorangegangen sein mĂŒssen. Beleuchtet werden, um nur einige Beispiele zu nennen: die Klimaklage des peruanischen Bauern SaĂșl Luciano, der den Energiegiganten RWE verklagte, die Machenschaften des Atlas-Netzwerks, dem fast 500 neoliberale und konservative Thinktanks aus ĂŒber 100 LĂ€ndern angehören, und das historische Ereignis des Pariser Klimaabkommens. Auch wird die Rolle der Medien beleuchtet, denen beim öffentlichen Umgang mit der Klimakatastrophe eine große Verantwortung zukommt.

„Je mehr ich darĂŒber lese, desto weniger Lust habe ich, darĂŒber nachzudenken“, wirft eine Figur in den Raum – und macht damit auf ein großes Problem aufmerksam: Je mehr die Menschen in den Medien mit dem Klimawandel konfrontiert werden, desto eher stumpfen sie ab, werden vielleicht auch trotzig. Und dieses PhĂ€nomen betrifft nicht nur journalistische Erzeugnisse, auch Kunstwerke wie „Alphabet“ selbst mĂŒssen einen Drahtseilakt wagen, wenn sie ein solch ĂŒberwĂ€ltigendes Problem wie die Klimakrise thematisieren. Wie gelingt es Journalist*innen und Kunstschaffenden, Menschen wirklich zu erreichen, eine bleibende Message zu hinterlassen, ohne die Rezipient*innen zu verscheuchen? Indem vielleicht neue ErzĂ€hlformen genutzt werden und auch mal mit Humor gearbeitet wird, ist die Antwort, die „Alphabet“ gibt. Ob das FrĂŒchte trĂ€gt, ob ein Kunsterzeugnis aufrĂŒtteln und in einem zweiten Schritt tatsĂ€chlich VerĂ€nderungen hervorrufen kann, ist eine Frage, die letztlich jedoch offenbleiben muss.

Kunst und Klimaaktivismus

Im TheaterstĂŒck steht „L“ fĂŒr „London“ – diese Szene ist den Klima- aktivist*innen gewidmet, die sich in Museen an verschiedene sehr bekannte GemĂ€lde festzukleben versuchten oder letztere mit unterschiedlichen Substanzen bewarfen: Gustav Klimts GemĂ€lde „Tod und Leben“ mit Öl, Claude Monets „Getreideschober“ mit KartoffelpĂŒree. Kein Bild sei dadurch zu Schaden gekommen; vielmehr eröffneten diese gewaltfreien Aktionsformen einen Interpretationsspielraum, so die BĂŒhnenfigur, welche ĂŒber die aktivistischen Taten spricht. So werde zum Beispiel Klimts ÖlgemĂ€lde durch eine neue Dimension ergĂ€nzt, indem man ihm im buchstĂ€blichen Sinne eine neue Ölschicht hinzufĂŒge. „Nicht beliebig, vielmehr kĂŒnstlerisch“ sei das Vorgehen der Aktivist*innen.

Diese und viele andere spannende Gedanken werden in „Alphabet“ vorgebracht, weiterverfolgt und in ein kĂŒnstlerisches Gewand eingeschlagen. Über die Protesttheorie wird gesprochen, nach der es nur 3,5 Prozent der Bevölkerung brauche, um einen langfristigen gesellschaftlichen Wandel herbeizufĂŒhren, ĂŒber die Forderungen des „civil rights movement“ und ĂŒber neuere „Graswurzelbewegungen“. Als Zuschauer*in nimmt man viele neue Impulse mit und verlĂ€sst, trotz der Schwere der Thematik, das Theater durchaus auch ermutigt, beschwingt. Der Erfolg des Theaterabends beruht nicht zuletzt auf der ĂŒberzeugenden Schauspielleistung der vier involvierten Schauspieler*innen Alexander Wanat, EugĂ©nie Anselin, Laura Talenti und Pitt Simon.

„Alphabet“, noch am heutigen Freitag, dem 14. Juni um 20 Uhr im Kasemattentheater.

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