Theater
: „Was hat dich bloß so ruiniert?“


Absurdes Objekttheater um einen gehobenen Arm und die Schamlosigkeit der durchkapitalisierten Kunstszene – das ist „Mein Arm“, die neue Inszenierung von Linda Bonvini in der Escher Kulturfabrik.

Arme hoch! Für die Kunst und für sich selbst … (Foto: © Bohumil Kostohryz)

Auf der spärlich beleuchteten Bühne der Kulturfabrik agierte am vergangenen Freitag wider Erwarten nicht ein Schauspieler, sondern eine kleine Salamanderfigur in der Hauptrolle des Theaterstücks „Mein Arm“. Dieser Salamander, jüngster Sohn einer Familie, die sich aus einem verdrossenen Zigarettenschachtelvater, einer adretten Parfümflaschenmutter und dem älteren Boxhandschuhbruder zusammensetzt, zerrüttete das gutbürgerliche Familienleben, als er sich dazu entschloss, in den kommenden zwanzig Jahren seinen Arm zu heben und erhoben zu halten und damit die Ruhe und Alltäglichkeit seines Umfelds zu zerstören.

Bereits diese Anfangsszene der Inszenierung von „Mein Arm“ hätte auch in das Werk Franz Kafkas gepasst. Und im weiteren Verlauf des Theaterstücks nimmt die Erzählung immer absurdere Züge an. Der Inhalt wird dabei stets passend unterstrichen durch die dramaturgische Form des Objekttheaters, die den angemessenen Rahmen schafft für diese surreale Geschichte. „My Arm“ des britischen Autors Tim Crouch ist nicht primär als Objekttheater konzipiert, dennoch fand die Luxemburger Spielleiterin Linda Bonvini in diesem Drama die notwendigen Voraussetzungen für ihr Vorhaben, nämlich eine Geschichte mittels Gegenständen zu erzählen. Auch wenn manchem Objekt, das im Stück zum Leben erweckt wird, etwas Plakatives anhaftet – beispielsweise die klischeehafte Repräsentation der Mutter durch die Parfümflasche – so ist doch an Vielem zu erkennen, mit welcher Sorgfalt hier bei der Auswahl der Gegenstände gearbeitet wurde. So tragen die Objekte maßgeblich zum gelungenen 1980er-Setting bei und ermöglichen sowohl den intuitiven Einstieg in die „zwischenmenschlichen“ Beziehungen der unterschiedlichen Rollen als auch einen Einblick in deren Innenleben. Fraglos gelungen sind die Darstellungen der Psychologin als Lampe, die immer nur die Oberfläche beleuchtet, oder des Zigarettenschachtelvaters, der sein Inneres leer raucht. Das Stück überzeugt durch eine Symbolik, die es durch ihre metaphorische Kraft schafft, den Zuschauer zu berühren. Das Offensichtliche muss immer nur angedeutet werden, ohne tatsächlich auf der Bühne stattzufinden.

Personifiziert werden die Objekte durch den einzigen tatsächlichen Schauspieler, Thomas Halle, der gekonnt, mittels der Gegenstände, zwischen den verschiedenen Persönlichkeiten hin und her wechselt und dabei wie ein erfahrener Musiker im vertrauten Umgang mit seinem Instrument wirkt. Aus der Perspektive des mittlerweile 30-jährigen Jungen mit dem Arm führt Halle durch dessen Biographie, aus der Einöde Ostfrieslands in die Kunstszene Berlins, wo er, als Künstler gefeiert, am Ende doch als Kunstobjekt der kapitalistischen Marktwirtschaft zum Opfer fällt.

„Mein Arm“ wirft viele Fragen auf – nach der Essenz der Kunst, der Freiheit des Einzelnen, der gefährlichen Entwicklung einer marktorientierten Gesellschaft. Antworten findet man wenige, vielleicht auch deshalb, weil Kunst keine Antworten geben muss.

Der Zuschauer erlebt eine verdrehte Welt, in der die dualistische Objekt-Subjekt Aufteilung nicht mehr greift, weil die Objekte zum Leben erweckt werden, während das einzige Bühnensubjekt eine Degradierung zum Gegenstand erfährt. Das Heben seines Arms war für den Jungen ein existentieller Akt der Freiheit, der in tragischer Weise zum gegenteiligen Resultat führt, weil seine Mitmenschen in ihm nicht länger einen Menschen, sondern nur noch den Arm sehen. Linda Bonvini inszeniert raffiniert diese Paradoxie. Vielleicht konnte man auch deshalb nach dem Stück noch ein paar Zuschauer leise die Zeilen der Hamburger Rockband „Die Sterne“ singen hören: „Wann fing das an? Was ist passiert? Was hat dich bloß so ruiniert?“

In der Kulturfabrik am 24. März.

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