Transmediales Projekt: Minettsdäpp in Brasilien

Das Medienprojekt „A Colônia Luxemburguesa“ über die Stahlindustrie entführt in den Süden – und zwar nicht in die Minette-Region, sondern nach Brasilien, wo die Arbed in den 1920er-Jahren ihre Zelte aufschlug.

1921 expandierte die Arbed nach Brasilien – der Beginn einer Geschichte von Erfolgen, Konflikten und Familienglück, die das Medienprojekt „A Colônia Luxemburguesa“ nacherzählt. (Fotos: Amandine Klee/Samsa Film)

Wer in Luxemburg Stahlindustrie und Hochöfen sagt, denkt dabei vermutlich zunächst an den Süden des Landes, an die Minette-Region. Die Historikerin Dominique Santana hingegen denkt an Brasilien: Ihr Medienprojekt „A Colônia Luxemburguesa“ beschäftigt sich mit der Companhia siderùrgica belgo mineira – dem brasilianischen Standort der Arbed, heute ArcelorMittal.

Im Jahr 1921, zehn Jahre nach der Gründung der Arbed, weihte das luxemburgische Unternehmen seine Filiale in Minas Gerais, einem Bundesstaat im Südosten Brasiliens ein. Vor Ort mangelte es an qualifiziertem Personal, sodass schon bald luxemburgische Arbeiter und ihre Familien nach Brasilien auswanderten, um in der Belgo-Mineira mit anzupacken. Im Zentrum der Ereignisse stand der Ingenieur Louis Ensch, der 1927 die Leitung des Standorts übernahm.

Dominique Santana rekonstruiert seine Geschichte: Sie spricht mit ehemaligen Mitarbeitern, mit Angehörigen und Wissenschaftler*innen über Ensch, durchforstet Film- und Firmenarchive. Der Ingenieur kommt in den meisten Erzählungen gut weg, tritt als Pionier und liebenswerte Figur auf. In den Gesprächen werden aber auch Ressentiments gegen Ensch angesprochen, der 1953 angeblich an einem Herzinfarkt verstarb. Santanas Gesprächspartner*innen zweifeln an der Todesursache: Es gibt Gerüchte, nach denen Ensch Suizid begangen haben soll, weil die Arbed ihn entlassen hatte und ihm krumme Geschäfte in Brasilien nachgesagt wurden. Aufgeklärt wurden diese Umstände bis heute nicht.

Nostalgie und düstere Erinnerungen

„A Colônia Luxemburguesa“ ist jedoch mehr als die kritische Aufarbeitung von Louis Enschs Biografie. Santana interessiert sich gleichzeitig für das Gesamtbild und für die Details: Während eines der sieben Kapitel auf der Website colonia.lu die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges auf die Belgo-Mineira und auf das Zusammenleben zwischen Brasilianer*innen und Luxemburger*innen thematisiert, haben andere den Besuch vom ehemaligen Grand-Duc Jean zum Gegenstand oder die Kindheitserinnerungen von Menschen, die in Minas Gerais groß geworden sind.

Erwähnenswert ist auch ein Unterkapitel, das sich mit den europäischen Frauen in Minas Gerais auseinandersetzt. Zeitzeug*innen berichten in Interviews, dass diese in der Regel nicht gearbeitet haben. In Monlevade, der Gemeinde in dem der erste Standort der Belgo-Mineira angesiedelt war, gab es ihren Aussagen nach keine Stellen für Frauen. Einer der ehemaligen Arbeiter sagt, Louis Ensch habe keine Frauen in den Büros der Belgo-Mineira beschäftigen wollen. Dafür habe es sicherlich Gründe gegeben. Die Frauen halfen sich derweil gegenseitig aus und übernahmen die Hausarbeit.

Ein weiteres interessantes Unterkapitel ist das über Rassismus und Klassizismus. Die Meinungen der Interviewpartner*innen gehen hierzu auseinander. Einige kontrastieren die Zusammenarbeit in der Belgo-Mineira mit jener in amerikanischen oder britischen Unternehmen: In der Belgo-Mineira soll es weniger zur Trennung zwischen kulturellen und sozialen Klassen gekommen sein als in anderen extern geführten Betrieben. Andere erinnern sich an den Ausschluss aus bestimmten Kreisen, die nur den Ingenieuren und ihren Familien vorbehalten waren, oder erwähnen den kolonialen Charakter der luxemburgischen Präsenz. Im Kontext vom Zweiten Weltkrieg ist außerdem die Rede von Aggressionen der Brasilianer*innen gegenüber der Luxemburger*innen, weil diese als Europäer*innen pauschal mit Nazis gleichgestellt wurden. Auch die Rolle der Arbed unter der Besetzung der Nazis wird dort kurz angerissen.

Neben den Inhalten selbst überzeugt auch ihre Aufarbeitung: Die Plattform ist eine Fundgrube für Menschen, die sich für Geschichte begeistern und gerne in Archiven stöbern. Einerseits gibt es die Filmausschnitte zu entdecken, die eine Mischung aus Interviews und Archivmaterial sind. Sie wurden in der jeweiligen Originalsprache vertont und sind wahlweise mit englischen, französischen, portugiesischen oder deutschen Untertiteln versehen. Schade ist hier, dass die Unterkapitel nicht einzeln aufrufbar und deswegen schwer wiederzufinden sind. Andererseits hält die Website eine Landkarte bereit, auf der wichtige Orte im Zusammenhang mit der Geschichte der Belgo-Mineira vermerkt sind, mitsamt weiterführenden Erklärungen.

An einer anderen Stelle gibt es ein Personenverzeichnis, in dem alle Figuren zu finden sind, die physisch oder durch Erzählungen in dem Dokumentarfilm auftauchen. Zu allen gibt es Bildmaterial und biografische Angaben. Des Weiteren enthält die Seite ein partizipatives Archiv und gibt Menschen, die eine Verbindung zur Belgo-Mineira haben, die Möglichkeit, sich weiterhin an dem Projekt zu beteiligen, sei es durch die Weitergabe von Kontakten oder das Teilen ihrer Geschichte.

Im Zusammenhang mit dem Medienprojekt schloss die Stadt Esch am 4. März eine Partnerschaft mit Monlevade. In der brasilianischen Gemeinde wurde zudem ein interaktiver Pavillon eingerichtet, in dem man die Geschichte der Belgo-Mineira erkunden kann. Vier Freiwillige des Service national de la jeunesse kümmern sich bis Ende des Jahres vor Ort um die Kulturvermittlung.

„A Colônia Luxemburguesa“ ist übrigens nicht das erste Filmprojekt, das sich die Tätigkeiten der Arbed in Brasilien vorknüpft: Guy W. Stoos, der kürzlich verstorbene Karikaturist der woxx, drehte bereits 1985 zusammen mit Markus Franz einen Film über die prekären Arbeitsverhältnisse der Angestellten vor Ort. Stoos und Franz deckten unter anderem auf, mit welchen Machenschaften die Arbed sich Grundbesitz verschaffte.

Auf colonia.lu


Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit Samsa Film, dem Film Fund Luxembourg, dem Centre for Contemporary and Digital History und dem Centre national de l’audiovisuel sowie mit Unterstützung von Esch2022, der Fondation Emile Metz-Tesch und dem Rotary Club Esch Bassin-Minier.

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