Trashfilme: Goutierte Geschmacklosigkeit

von | 29.08.2025

Trashfilme sind laut, überzogen und schräg. Doch warum haben die schlechtesten Filme aller Zeiten so viele Fans? Über die Faszination und Vielfalt eines Genres, das mehr hergibt, als man zunächst annehmen könnte.

Titel und Plakat des Filmhits „Sharknado“ sprechen für sich selbst – enttäuschte Erwartungen vonseiten des trash-affinen Publikums dürfte es wohl seit dem Release im Jahr 2013 kaum gegeben haben. (© The Asylum)

In „Attack of the Killer Tomatoes!“ aus dem Jahr 1978 terrorisieren mutierte Riesentomaten eine US-amerikanische Kleinstadt, bis sie zu einer nationalen Bedrohung werden. Bei Peter Jacksons Splatter-Horrorfilm „Braindead“ (1992) beißt eine Kreatur, die eine Kreuzung zwischen Affe und Ratte darstellt, eine Frau, die sich daraufhin mit einem Zombievirus infiziert. In dem gehypten Katastrophenfilm „Sharknado“ (2013) werden Haie in einem Tornado durch die Straßen von Los Angeles gewirbelt, Menschen verteidigen sich gegen sie mit Kettensägen und improvisierten Waffen. Drei Filme, die mittlerweile Kultstatus erreicht haben – dabei lässt ihre jeweilige Prämisse keinen anderen Schluss zu: Sie sind Trash.

„Wenn man über Trash spricht, spricht man über sehr viele Dinge“, sagt Yves Steichen, Verantwortlicher des für Recherchen zuständigen „Service Film“ des Centre national de l’audiovisuel (CNA). „Man spricht über Low-budget-Filme, die trotz ihres geringen Budgets eine künstlerische Vision besitzen. Man spricht über Filme, die einfach schlecht sind. Man spricht über harmlose Komödien oder durchaus problematische Exploitation-Filme, das heißt reißerische Filme, welche die Sensationslust des Publikums befriedigen.“ Dann gibt es noch Filme, die nicht unbedingt zum Trashgenre gehören, aber dennoch einen „Trash-Appeal“ besitzen. Sie lehnen sich an den sogenannten „Schundfilmen“ an und nutzen deren Ideen-Reservoir, um eine gewisse Ästhetik oder Atmosphäre zu erzeugen. Selbst Star-Regisseure wie Quentin Tarantino oder Robert Rodriguez orientieren sich gerne am Trash und haben diesen damit mainstreamfähig gemacht.

Fehlschlag oder Strategie

Das Lexikon der Filmbegriffe definiert Trashfilme als „unfreiwillig schlechte Produktionen“, wobei deren „Minderwertigkeit auf fehlende finanzielle Mittel, fehlendes Talent oder eine missratene Intention, einen bedeutungsvollen Film zu schaffen, oder das Desinteresse an konventioneller Qualität zurückzuführen ist.“ Bemerkenswerterweise werden hier ebenjene Filme ausgeklammert, die bewusst als Trash konzipiert wurden, um einen bestimmten Markt zu bedienen. Diesen gebe es immerhin schon seit den 1930er-Jahren, als die sogenannten B-Filme, also filmische Billigproduktionen, Verbreitung fanden, schreibt Filmwissenschaftler Guy Barefoot in seinem Sachbuch „Trash Cinema: The Lure of the Low“.

Julia Rock, wissenschaftliche Mitarbeiterin des CNA, erklärt weiter: „Es gibt Trashfilme, die sich ursprünglich wirklich ernst genommen haben. Hier wurde versucht, etwas qualitativ Hochwertiges auf die Beine zu stellen, und dabei sind die Filmemacher unabsichtlich gescheitert – zum Beispiel, weil nicht genug Geld da war.“ Mustergültigkeit hat in diesem Kontext das Werk des Regisseurs Ed Wood erlangt, dessen Film „Plan 9 aus dem Weltall“ (1959) von Filmkritiker*innen zum „schlechtesten Film aller Zeiten“ gekürt wurde. Ed Wood ist mittlerweile zum Kultregisseur avanciert und gilt – wider sein Bestreben – als Vorreiter des Trash.

„Schon in den 1950er-Jahren wurde erkannt, dass Filme mit einem relativ kleinen Budget doch von einer gewissen Masse gesehen werden“, sagt Steichen. Das leistete dem intentionalen Trashfilm als Genre Vorschub. Produktionsfirmen wie „The Asylum“ machten hieraus gleich ein eigenes Geschäftsmodell: Kam ein Film wie zum Beispiel Steven Spielbergs „Krieg der Welten“ heraus, erschien kurz davor oder danach ein sogenannter „Mockbuster“, also eine gewollt dürftige Nachahmung. Damit wollten sich die Produzent*innen den Hype um den eigentlichen Blockbuster zunutze machen und mit relativ geringem Aufwand Gewinne generieren.

Trashiger Charme

Doch worin liegt eigentlich die Faszination von Trashfilmen? Warum sind sie so beliebt? Auf gewisse Weise seien diese Filme besonders inklusiv, sagt Rock. Von den Zuschauer*innen werde weder erwartet, dass sie filmhistorisches Hintergrundwissen mitbrächten, noch dass sie sich nach dem Screening in eine Filmanalyse vertieften. „Das braucht man alles nicht, um allein oder gemeinsam beim Sehen Spaß zu haben.“ Steichen ergänzt: „Das Publikum möchte sich vielleicht auch mit dem sogenannten Underdog identifizieren.“ Es könne sich in den scheiternden Regisseur hineinversetzen und zugleich auch würdigen, dass der Film womöglich nicht unter klassischen Produktionsbedingungen gedreht wurde. Das erkläre auch, warum um manche Filme ein regelrechter Kult entstanden sei.

In der einschlägigen Literatur finden sich teils abweichende Begründungen für den Erfolg von Trashfilmen. So sei der Rezeptionsmodus von Trash in erster Linie ein ironisch-distanzierter, die Zuschauer*innen nähmen die Filme nicht nur nicht ernst, sondern empfänden beim Sehen eine natürliche Schadenfreude, weil das Ergebnis eben dermaßen misslungen sei. Dass genau darin die Absicht der Produzent*innen liege, mildere interessanterweise nicht den Genuss beim Konsum von den sogenannten „Schundfilmen“. Dies liege auch daran, dass Trashfilme Ekel und Unterhaltung auf einzigartige Weise miteinander verbänden. Mehr als eine intellektuelle Reaktion provozierten Trashfilme eine körperliche. Ihr Erfolg beruhe auf der Fähigkeit, das Publikum zu erschrecken, zu ekeln und zu erregen.

Trashfilme brechen also gesellschaftliche Tabus und setzen sich bewusst über die etablierten Konventionen des realistischen Filmemachens hinweg, die durch das klassische Hollywoodkino geprägt wurden. Durch ihre objektive Schlechtheit transzendieren sie sowohl die Kluft zwischen Hoch- und Populärkultur als auch die Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst, da sie die „herkömmliche Vorstellung davon, was ein Film ist und leisten kann, […] erweitern und gar […] sprengen“, wie der Wissenschaftler Keyvan Sarkhosh in „Trash, Boom, Bang: Ein Forschungsüberblick“ festhält. Ihnen werden deswegen sogar avantgardistische Qualitäten zugeschrieben – in diesem Sinne ist Trash auch ein Sujet, das filmwissenschaftliche Relevanz besitzt.

Der männliche Blick

Sarkhosh führte auch die erste umfassende empirische Studie zu Trash- filmen und ihrem Publikum durch. Die Untersuchung, die 2016 vom Max-Planck-Institut veröffentlicht wurde, lieferte zwei besondere Erkenntnisse: Trash-Fans sind überwiegend gut gebildete Kino-Enthusiast*innen – und zu 90 Prozent männlich. Dies lasse sich darauf zurückführen, dass viele Trashfilme eine voyeuristische Komponente aufwiesen, die eng mit der männlichen Perspektive, dem sogenannten „male gaze“, verknüpft sei, sagt Rock. „Die Filme sind von Männern für Männer gemacht.“ Bei „Rape-and-Revenge“-Filmen, einem Trash-Subgenre, werde das weibliche Opfer zum Beispiel häufig erotisch in Szene gesetzt und als Femme fatale gezeichnet.

Grundlegend außer Frage steht, dass Trashfilme über subversives Potenzial verfügen und mittels ihres parodistischen Charakters eine politische Botschaft vermitteln können. Zu nennen wäre an dieser Stelle zum Beispiel die Science-Fiction-Produktion „Soylent Green“ (1973), inszeniert von Richard Fleischer. In dieser düsteren Zukunftsvision ernährt sich die Mehrheit der in Armut lebenden New Yorker Bevölkerung von künstlichen Lebensmitteln – die schockierende Enthüllung: Diese werden in Wirklichkeit aus menschlichen Überresten produziert. Durch diese drastische Überzeichnung übt der Film nicht nur radikale Kapitalismuskritik, sondern thematisiert auch dringliche Themen wie die Übernutzung von Ressourcen. „Letzten Endes können Trashfilme einen interessanten Kommentar zu politischen oder gesellschaftlichen Gegebenheiten liefern, auch wenn sie nicht gewöhnlichen Qualitätsstandards entsprechen“ sagt Steichen. „Wer sich auf sie einlässt, wird entdecken, dass sie einen bestimmten Reiz besitzen – nicht zuletzt wegen ihrer Radikalität.“

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