Weltraum-Journalismus: Times and Galaxy

von | 19.09.2025

Während Journalist*innen vergleichsweise oft die Protagonist*innen von Computerspielen sind, ist das Zeitungmachen an sich eher selten Thema. „Times and Galaxy“ ist da eine Ausnahme – und versetzt das Artikelschreiben sogar in die ewigen Weiten des Weltalls.

Robo-Reporter oder nicht, als Praktikant*in in einer Redaktion bekommt man erst einmal die langweiligeren Jobs wie den Besuch eines Katzen-Schönheitswettbewerbes zugeschustert. (Screenshot: Copychaser Games/Fellow Traveller)

Die „Times and Galaxy“ ist eine renommierte Zeitung, die über Geschehnisse im gesamten „Dorp“-Sonnensystem berichtet. Der*die Spielende schlüpft in die Rolle des ersten Robo-Reporters, der je ein Praktikum bei diesem altehrwürdigen Blatt bekommen hat. Das ist zwar teilweise der Tatsache geschuldet, dass man der allererste Robo-Reporter überhaupt ist, bleibt jedoch dennoch eine große Ehre. Wie das als Praktikant*in im Journalismus nun einmal so ist, darf man nicht erwarten, sich gleich in investigative Recherchen stürzen zu dürfen. Stattdessen stehen die Klassiker der Lokalberichterstattung auf dem Programm: Verkehrsunfälle, Schönheitswettbewerbe für Katzen und die neusten Tourismus-Magneten.

Als journalistischer Roboter im Weltraum ist die Arbeit allerdings nicht so viel anders als im echten Leben: Man spricht mit Menschen und schreibt danach einen Artikel. Deshalb teilt „Times and Galaxy“ jede Episode in zwei Teile: Ein Level, in dem man herumlaufen, sich Dinge anschauen und Quellen interviewen kann – und eine anschließende Passage, in dem alles, was man herausgefunden hat, mit einem Generator zu einem Artikel verarbeitet wird. Dabei kann man aus verschiedenen Möglichkeiten den Titel, das Intro und die unterschiedlichen Teile des Textes auswählen. Je nachdem, welche Informationen man hervorhebt oder unterschlägt, spricht das Endprodukt unterschiedlich viele Leser*innen an. Reißerische Texte verkaufen sich zwar gut, sorgen jedoch auch für einen Knick im Ruf. Hier gilt es, eine Balance zu finden, damit man nicht zu einem ernsten Gespräch ins Büro des Chefredakteurs gebeten wird.

Im Laufe des Spiels erhält man ebenfalls die Möglichkeit, sich selbst mit einem Artikelthema zu beschäftigen, zum Teil gibt es auch Updates zu den Stories, über die man zuvor geschrieben hat. Zwischen den einzelnen „Missionen“ kann man sich mit seinen Arbeitskolleg*innen unterhalten und mehr über die Geschichte und das Arbeitsklima bei der „Times and Galaxy“ erfahren. Deren Redaktionsräume befinden sich praktischerweise in einem Raumschiff namens „Scanner“, sodass die Journalist*innen schnell an die Orte des Geschehens gebracht werden können. Neben Menschen bevölkern zahlreiche Außerirdische und Roboter das Darp-Sonnensystem. Das spiegelt sich auch in der diversen Belegschaft der galaktischen Zeitung wider. In Gesprächen mit Kolleg*innen wird auch die eigene Sonderstellung als Robo-Reporter immer wieder zum Thema – die anderen Robo-Kolleg*innen werden nämlich eher für mondäne Arbeiten eingesetzt und erfahren eine dementsprechende Behandlung.

Der Artikel-Baukasten, mit dem man die zuvor gesammelten Informationen und Zitate in ein fertiges journalistisches Produkt verwandelt, ist sicherlich der interessanteste Teil des Spiels. Wie gewichte ich Information und Unterhaltung, um einen ansprechenden Text zu produzieren? Lege ich den Fokus auf ein kleines, aber pikantes Detail oder betrachte ich eher das große Ganze? Fragen, die sich Journalist*innen überall auf der Welt tagtäglich stellen. Dieses Herzstück des Spiels bekommt man allerdings nicht sehr oft zu sehen – die meiste Zeit ist man damit beschäftigt, auf dem Raumschiff herumzulaufen oder sich auf einer „Mission“ mit Interviewpartner*innen zu unterhalten. Dabei beschleicht eine*n das Gefühl, dem Spiel sei viel Füllmaterial zugesetzt worden, damit es länger wirkt, als es eigentlich ist. Leider ist kein Charakter so interessant, dass man unbedingt viel Zeit darauf verwenden will, seine Meinung zu einer fiktiven Science-Fiction-Sportart zu erfahren. Dass die Autor*innen des Spiels sowohl im Journalismus gearbeitet als auch für bekannte Spiele geschrieben haben, scheint in diesem Fall nicht geholfen zu haben.

Gute Idee, holprige Umsetzung

Hinzu kommt eine unangenehme Steuerung: Langsam und ungenau schleicht man sich durch die – zum Glück meist nicht sehr großen – Spielelandschaften. Dem Robo-Reporter wird bereits in den ersten Spielminuten ein „Upgrade“ geschenkt, mithilfe dessen er laufen kann, was man als eine Art Schuldeingeständnis der Entwickler*innen deuten kann, denn ohne wäre die Fortbewegung in der Spielewelt noch mühsamer. Angesichts der interessanten Prämisse sind diese technischen Mängel ärgerlich. Dabei scheint es nicht einmal an einem zu kleinen Budget gelegen zu haben, beginnt das Spiel doch sehr ungewöhnlich mit einem aufwändig animierten Intro, bei dem sogar gesungen wird.

Die Simulation von Journalismus in Spielen ist nicht völlig neu. So zeigte der Indie-Entwickler Lucas Pope („Papers Please“, „Return of the Obra Dinn“, siehe woxx 1667) bereits 2012 mit seinem Onlinegame „The Republia Times“ wie die Gestaltung eines Mediums in einer Diktatur vonstattengeht. Dabei werden zwar keine Artikel, dafür aber die Titelseite einer Zeitung gestaltet – die Auswahl soll natürlich den fiktiven Staat Republia in einem guten Licht erscheinen lassen. In dem britischen „Not For Broadcast“ übernimmt man die Rolle einer*eines Regisseur*in in einem Fernsehstudio und muss sowohl das zeitgemäße Einspielen der richtigen Werbeclips als auch das Zensieren von Schimpfwörtern übernehmen. Beide Spiele bieten einen interessanten Einblick in die Medienbranche, wobei sie je in einem totalitären Staat spielen. Die Rolle von Journalist*innen unterscheidet sich also stark von der in liberalen Demokratien. „Times and Galaxy“ fokussiert sich außerdem stärker auf den tatsächlichen Entstehungsprozess eines Mediums und nicht so sehr auf das Kuratieren. Insofern hätte es aktuell ein Alleinstellungsmerkmal – gehört jedoch leider nicht zu den Spielen, die lange in Erinnerung bleiben und einen hohen Wiederspiel-Faktor haben.

Für PC, Max, Xbox, Playstation und Nintendo Switch, ca 19,50 Euro.

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