Wiederbewaldung: Nicht immer gut

Der globale Waldverlust hat sich zwar verlangsamt, hält aber nach wie vor an. Um dem entgegenzuwirken, bietet sich die Wiederbewaldung an. Damit diese Methode Erfolg hat, muss jedoch die Land- und Energienutzung umgestellt werden.

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Die globalen Waldflächen nehmen stark ab. Seit Jahrzehnten geht das schon so. Doch immerhin hat das Tempo der Entwaldung nachgelassen. Während in den 1990er-Jahren noch 7,3 Millionen Hektar jährlich oder 0,18 Prozent der Gesamtfläche verloren gingen, verschwanden zwischen 2010 und 2015 laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Uno, FAO „nur“ 3,3 Millionen Hektar pro Jahr. 3,3 Millionen Hektar entspricht 0,08 Prozent des gesamten Waldbestandes. In den fünf Jahren erwischte es vor allem die Wälder in den Tropen, vorneweg Brasilien und Indonesien. Dagegen nahmen die Waldflächen in den gemäßigten Klimazonen zu. Und in den borealen und subtropischen Gebieten blieben sie annähernd konstant.

Dass sich der globale Waldverlust zumindest verlangsamt, lässt sich, wenn man will, als gute Nachricht fürs Klima werten. Denn Wälder binden Kohlenstoff, dessen Freisetzung hauptsächlich den Treibhauseffekt verursacht. Am besten wäre es natürlich, Wälder nicht nur nicht mehr zu zerstören, sondern sie wieder aufzubauen. Denn mehr Wälder können wieder mehr Kohlendioxid binden.

Für Simone Gingrich vom Institut für Soziale Ökologie an der Universität für Bodenkultur Wien ist die Sache aber komplizierter: „Für sich genommen trägt Wiederbewaldung zwar zum Klimaschutz bei. Wir wissen aber, dass Wälder bei wachsender Bevölkerung und steigendem Wohlstand nur dann großflächig wachsen, wenn die Gesellschaft ihre Land- und Energienutzung umstellt.“ Zum Beispiel wird die Landwirtschaft industrialisiert und intensiviert. Oder Importe von Holz und landwirtschaftlicher Biomasse steigen, was manchmal allerdings auch dazu beiträgt, dass Wiederbewaldung in einem Land zu Lasten von Entwaldung in einem anderen Land geht.

Drittes Beispiel: Die Gesellschaft steigt von Brennholz auf Kohle und Erdöl um. Langzeitanalysen aus Österreich zeigen, was dabei passiert. Im 19. Jahrhundert waren die Wälder wegen der Brennholznutzung schütterer und die Bäume kümmerlicher als heute. Es stand also weniger Biomasse pro Fläche, was weniger Kohlenstoffspeicher bedeutete. Dann kam der großflächige Umstieg von Biomasse auf fossile Energieträger. Der hatte einen Nebeneffekt: Die Ökosysteme speicherten allmählich wieder mehr Kohlenstoff. Heute haben die Wälder in Österreich flächenmäßig zugenommen und es gibt pro Fläche wieder mehr Biomasse. Jedoch auch Klimagasbelastungen durch Kohle und Erdöl. Gingrich: „Diese Prozesse verursachen ihrerseits Emissionen, die bei der Beurteilung der Kohlenstoffsenken in Wäldern berücksichtigt werden müssen.“ Denn die Emissionen verlagern sich nur. Das Problem wird verschoben, nicht gelöst.

Gingrich leitet das Forschungsprojekt „Versteckte Emissionen bei Forest Transitions“. Es wurde mit 1,4 Millionen Euro EU-Fördermitteln bedacht und läuft von April 2018 bis März 2023. Der Begriff „Forest Transitions“ stammt aus der Geografie und beschreibt einen Übergangsprozess: den von der Verringerung zur Ausweitung von Waldflächen. Zuerst wird Wald großflächig abgeholzt, um Platz zu schaffen für landwirtschaftliche Nutzflächen, dann kommt die Forest Transition, eingeleitet durch gezielte Aufforstung oder „spontane“ Sukzessionen. Wo Ackerflächen aufgegeben werden, kann Wald wieder wachsen.

Im Rahmen des Projekts führt man Fallstudien durch, in Österreich, den USA und Südostasien. In Laos etwa untersucht man regional unterschiedliche gesellschaftliche Prozesse wie Investitionen in die industrielle Landnutzung. Bei jeder Fallstudie geht der Blick weit zurück in der Zeit. In Österreich fand die Forest Transition schon im 19. Jahrhundert statt, in den USA im frühen 20. Jahrhundert. In Südostasien ist es noch gar nicht so lange her. „Dort haben in den letzten 30 Jahren fünf Länder den Übergang von der Ent- zur Wiederbewaldung durchgemacht“, so Gingrich. Untersucht wird immer der Zeitraum um die Forest Transition herum bis zur Gegenwart. Ziel ist es, eine Treib-
hausgasbilanzierung zu bekommen, die den ganzen Zeitraum abdeckt. Dazu werden unterschiedliche Methoden kombiniert und neu entwickelt. Derzeit ist Gingrich dabei, Daten zu Landnutzung, Waldbestockung, Außenhandel und Energieverwendung zusammenzustellen.

Es mag etwas seltsam klingen, aber tatsächlich gibt es gute und schlechte Wiederbewaldungen. Gingrich: „Klimafreundlich sind jene, die ohne große Problemverlagerungen auskommen. Etwa wenn die Landwirtschaft auf ökologisch nachhaltige Weise intensiviert und damit die Entwaldung gestoppt wird.“ Gar nicht klimafreundlich sind dagegen Prozesse mit starken Problemverlagerungen. Wenn die Wiederbewaldung passiert, während die Gesellschaft auf fossile Energieträger umsteigt. Wenn die Landwirtschaft immer mehr Emissionen verursacht und im schlimmsten Fall auch noch Wälder im Ausland gerodet werden, um Fleisch oder Futtermittel bereitzustellen.

Weil hinter Wiederbewaldung indirekt auch Emissionen stecken, müsse Klimaschutzpolitik neu gedacht werden, findet Gingrich. „Der Zusammenhang zwischen Kohlenstoffspeicherung in Ökosystemen und Energieverwendung der Gesellschaft wird bisher nicht ausreichend beachtet. Auch nicht, wenn es um die Bereitstellung von Bioenergie geht.“ Sollten wir Holz künftig wieder intensiver verwenden, besonders als Bioenergie, dann könnte es sein, dass der Wald insgesamt nicht mehr älter wird und so weniger Kohlenstoff akkumulieren kann. Erste Anzeichen für eine Stagnation der Holzbestände in Österreich gibt es schon. „Wir könnten eine Kohlenstoffsenke verlieren. Und im schlimmsten Fall sogar Kohlenstoff aus Wäldern in die Atmosphäre emittieren.“ Eine Entwicklung, die es zu verhindern gilt.

Gerade diese unerwünschte Entwicklung könnte aber ausgerechnet die neue EU-Direktive zu erneuerbaren Energien fördern. Die Direktive, so eine im September im Fachblatt Nature erschienene Studie, stuft die Abholzung und anschließende Verbrennung von Holz zwecks Energiegewinnung als klimaneutral ein. Es brauche aber eine große Menge Holz, um einen kleinen Teil des europäischen Energieverbrauchs abzudecken, warnen die Wissenschaftler. Zudem könnte die EU-Direktive dem Rest der Welt als Vorbild dienen, weswegen sie eine Bedrohung für die globalen Waldbestände darstelle.


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