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THEATER
Wahnsinn Web 2.0
Anina Valle Thiele
Was für jüngere Generationen längst "Kult" ist können Neugierige dieser Tage im Kasemattentheater erfahren. Entschlüsselt wird der ganz alltägliche Wahnsinn virtueller Welten des Web 2.0 und seiner Inszenierungsgesetze. Basierend auf einem Stück von Falk Richter, setzt die junge Luxemburger Regisseurin Anne Simon die Abhängigkeiten der Internet-Communities kunstfertig in Szene.

So nah und doch so fern: Das Web 2.0 stellt unser eigenes Menschenbild in Frage.

Ein unkonventionelles Bühnenbild, in dem ein transparenter Kasten bereits die Durchlässigkeit des Internets andeutet, dient dem Stück als Kulisse. Giftgrün, die hippe Frühjahrsmodefarbe von C&A und IKEA, dominiert. Kissen liegen im Raum verstreut, junge Menschen in schicken Klamotten tummeln sich darin wie in einem der vielen Szene-Clubs in Berlin-Prenzlauer Berg. Vor dem Hintergrund dieser postmodernen Kulisse entfaltet sich rasch eine Dynamik, die die Zuschauer wie durch einen Sog in das Geschehen hineinzieht. Wir befinden uns nicht mehr vor der Bühne, sondern im World Wide Web, wo geliebt, betrogen und gelebt wird. Über Facebook, Twitter oder Chatroulette werden unbedarft beliebige Details ausgetauscht. Die Grenze zwischen banalen Mitteilungen und hoch privaten Bekenntnissen verschwimmt. Es wird wild durcheinander geplappert. Denn die Hauptsache ist, dass man miteinander chattet, sich austauscht und übers Netz verbunden, also "up-to-date" bleibt. Die SchauspielerInnen jagen immer auf der Suche nach dem echten Gefühl verzweifelt einer Authentizität nach und bekennen ekstatisch einer Grenzerfahrung gleich: "Ich hatte das erste Mal im Leben das Gefühl 'live' zu sein".

Dabei hat Richter die Monologe bisweilen großartig entlarvend angelegt: "Schaut mich an, sucht, was ihr braucht und dann schaut mich an und nehmt, was ihr gebrauchen könnt." Denn "alles, was hier gesagt wird, ist wichtig, dass es gesagt wird." Fast bedrohlich ertönt verzerrt die Wikipedia-Gottheit aus dem Off. Eine artifizielle Stimme meldet mit einem Bling: "Johnny is now Friend with Nora." Die Schauspieler werden durch ihre exzentrische Überzeichnung der Vorlage des Stücks gerecht. Hysterisch fordern sie ein "Instant-Gedächtnis".

Die Maxime ist die optimale Selbstvermarktung. Über eine Digi-Cam kann der User sich selbst abfilmen und verschmilzt mit der virtuellen Welt. Im direkten Duell entscheiden die restlichen User wer besser im Twittern ist. Eine junge Frau zeigt vor der Kamera ihren dicken Bauch und spricht mit ihrem Baby.

Doch das Netz kennt keine Gnade. Es merkt sich alles. Nach einer atemlosen Schlammschlacht ist auch der letzte User mal erschöpft und sehnt sich dann doch mal nach "so 'nem bisschen Privatsphäre". Sprach sie und loggte sich aus. Lakonisch bleibt die Erkenntnis zurück, dass in dieser Welt nur Erfolg haben kann, wer ein Konzept annimmt, das schon mal erfolgreich war. Der Mensch wird damit zum Abziehbild, zu seiner eigenen Testperson und verschmilzt scheinbar mit dem Bild, das er von sich gezeichnet hat. Was schon Walter Benjamin geahnt hatte, wird "im Zeitalter der Reproduzierbarkeit" wahr. Denn "der Darsteller weiß, während er vor der Apparatur steht, hat er es in letzter Instanz mit dem Publikum zu tun: dem Publikum der Abnehmer, die den Markt bilden."

"Kult" ist ein Geniestreich, eine Dokumentation über den alltäglichen Wahnsinn der virtuellen Welt und ein Muss für Eltern, die die Lebensrealität ihrer Kinder im 21. Jahrhundert verstehen wollen.

"Kult", im Kasemattentheater, noch am 19. 20. 24. 25. 26. März, und am 10. 14. 15. 16. 21. 22. 23. April.