Fernando Meirelles: Cidade de Deus

Beim Sterben ist jeder der Erste In dem brasilianischen Film „Cidade de Deus“ liefern sich jugendliche Gangs blutige Straßenschlachten. Ein Stück brasilianische Realität mit den Mitteln des Videoclips.Schwer bewaffnet und zum Töten bereit, schwört sich die Gruppe von Jugendlichen mit einem letzten Vaterunser auf die Schlacht gegen die feindliche Gang ein. Auf zum blutigen Showdown in der „Cidade de deus“ (Gottesstadt), einer Favela von Rio de Janeiro.

Zum Töten ist niemand zu jung in „Cidade de Deus“.

Fernando Meirelles‘ Film heißt so wie das Elendsviertel. Bereits zu Beginn werden die Messer gewetzt: Zé Pequeno hat seinen Gangmitgliedern gegrilltes Hähnchen versprochen. Doch ein Federvieh kann entkommen – eine der wenigen wirklich komischen Szenen in dem zweistündigen Streifen. Sonst herrscht die Sprache der Gewalt. Als unberechenbarer Anführer tötet Zé Pequeno und lässt töten. Von der Willkür des Gangchefs hängt das Leben der BewohnerInnen der „Gottesstadt“ ab. Nach dem Tod seines Freundes Benny, der für ihn das Kokain-Geschäft leitete, hat er die Kontrolle über sich selbst und über sein Revier verloren. Benny war sein Spiritus Rector. Doch er hatte eine Freundin und war beliebt, Zé Pequeno hingegen wird nur gefürchtet. Außerdem wollte Benny aussteigen. Unter anderem deshalb musste er sterben.
Ein Leben zählt wahrlich nicht viel in der „Gottesstadt“. Ein kleiner Fehler genügt, und es ist schnell zu Ende. Das galt bereits in den 60er Jahren, als das Viertel aus dem Boden gestampft wurde. Und diesem ungeschriebenen Gesetz ist auch Zé Pequeno unterworfen. Wenn ein Gangsterboss das Zeitliche segnet, tritt schnell ein anderer an seine Stelle. Eine Gang löst die andere ab. Wenn auch die neuen Herrscher noch jünger sind als die alten Skrupel haben sie keine, denn zu verlieren gibt es in der „Gottesstadt“ nur das Leben, und das zählt bekanntlich fast nichts.
Fernando Meirelles und Ko-Regisseurin Kátia Lund beschreiben diesen Zyklus der immer wiederkehrenden Gewalt in einem atemberaubenden Tempo, das an Martin Scorseses „Good Fellas“ erinnert. Die Kamera jagt durch die Gassen der Favela, fängt die Figuren in Standbildern ein, hektische Schnitte bestimmen den Rhythmus. „Cidade de Deus“ sorgte in Brasilien für Furore. Kritische Stimmen verglichen das Werk mit „Soldado de Morro“, einem Videoclip des Rappers MV Bill. Auch „Cidade de Deus“ geht an die Grenze der Ästhetisierung von Gewalt, bricht diese jedoch, indem er die Sinnlosigkeit der Schießwut seiner Protagonisten auf die Spitze treibt. Keine Zeitlupe à la Sam Peckinpah, sondern ein Stakkato aus Schüssen und Worten diktiert das Tempo. Längst vorbei sind die Zeiten romantischer Verklärung der Favelas wie bei Marcel Camus‘ „Orpheo Negro“, aber auch der politisch-sozialen Anklage bei den Filmen des Cinema Novo.
Der neue brasilianische Favela-Film orientiert sich neben der Videoclip-Ästhetik an Dokumentarfilmen wie „Noticias de uma guerra particular“, den Kátia Lund zusammen mit Jo°o Moreira Salles drehte. Seinen Stoff findet er in der grausamen Realität auf den Morros (Hügeln) Rios und S°o Paulos. „Cidade de Deus“ basiert auf einer wahren Begebenheit und auf dem gleichnamigem Roman von Autor Paulo Lins, der selbst in der „Gottesstadt“ lebte. Wie Luis Buñuel in seinem Klassiker „Los Olvidados“ über die hoffnungslosen Kinder in den Elendsvierteln von Mexiko, drehte Meirelles mit LaiendarstellerInnen. Und wie in dem Meisterwerk von 1950 sowie Murillo Salles‘ „Como nascem os anjos“ (1996), in dem drei Favela-Bewohner in das Haus einer reichen Familie eindringen und sich am Ende gegenseitig auslöschen, gibt es auch für Meirelles‘ Protagonisten so gut wie keine Perspektive.
Einen Lichtblick bietet nur der Erzähler Buscapé, der davon träumt, Fotograf zu werden. Die Gang-Mitglieder posieren bis an die Zähne bewaffnet für seine Fotos. Als diese per Zufall in eine große Tageszeitung gelangen, erlebt Buscapé seinen Durchbruch. Derweil wird Zé Pequeno in der Sensationspresse berühmt, das Fernsehen macht ihn zum Medienhelden, fast so wie Fernandinho Beira-Mar, den legendären brasilianischen Drogenboss aus Rio.
Die Realität am Zuckerhut, wo in den 90er Jahren tausende Kinder erschossen wurden, liefert derweil neue Schlagzeilen. In den vergangenen Monaten brach in der Millionenmetropole erneut ein Bandenkrieg aus – wie immer, wenn das Gleichgewicht zwischen den Gangs aus den Fugen gerät, und wenn ein König der Favelas auf den anderen folgt.

Stefan Kunzmann


Cet article vous a plu ?
Nous offrons gratuitement nos articles avec leur regard résolument écologique, féministe et progressif sur le monde. Sans pub ni offre premium ou paywall. Nous avons en effet la conviction que l’accès à l’information doit rester libre. Afin de pouvoir garantir qu’à l’avenir nos articles seront accessibles à quiconque s’y intéresse, nous avons besoin de votre soutien – à travers un abonnement ou un don : woxx.lu/support.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Wir stellen unsere Artikel mit unserem einzigartigen, ökologischen, feministischen, gesellschaftskritischen und linkem Blick auf die Welt allen kostenlos zur Verfügung – ohne Werbung, ohne „Plus“-, „Premium“-Angebot oder eine Paywall. Denn wir sind der Meinung, dass der Zugang zu Informationen frei sein sollte. Um das auch in Zukunft gewährleisten zu können, benötigen wir Ihre Unterstützung; mit einem Abonnement oder einer Spende: woxx.lu/support.
Tagged , .Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Kommentare sind geschlossen.