FATIH ATKINS: Provokation ist Programm

„Gegen die Wand« ist eine radikale Geschichte von Liebe und Rebellion. Und nicht nur das: Fatih Akins Film ist ein Stück deutsch-türkischer Realität, ausgezeichnet mit dem „Goldenen Bären“.

„Willst du mich heiraten?“, fragt Sibel den Alkoholiker Cahit in der Psychiatrie. Mit Liebe hat das nichts zu tun.

„Warum ich? Ich bin ein Penner«, brüllt der heruntergekommene Alkoholiker Cahit (Birol Ünel) durch den Bus. „Weil meine Eltern dich akzeptieren würden. Du bist Türke.“ Die wesentlich jüngere Sibel (Sibel Kekilli) sitzt ihm schräg gegenüber, heulend und Blut verschmiert. Zum zweiten Mal hat sie sich die Pulsader aufgeschnitten.

Sibel meint es Ernst. Sie will raus aus dem Gefängnis ihres traditionsbewussten Elternhauses, einer türkischen Enklave in Hamburg. Deshalb versucht sie sich umzubringen. Aber sie überlebt ebenso wie Cahit. Volltrunken fährt der desillusionierte Deutsch-Türke ein Auto gegen die Wand. In der geschlossenen Abteilung eines Krankenhauses wacht er auf und trifft Sibel, die ihn bittet, sie zu heiraten.

„Beenden Sie doch Ihr Leben. Aber dafür müssen Sie sich doch nicht umbringen“, hat ihm wenige Minuten zuvor der Psychiater geraten. Genau das ist es, was Sibel mit der Scheinehe bezweckt: Ihr Leben verändern. „Ich will leben. Ich will tanzen. Ich will ficken.« Letztlich willigt Cahit ein. Seine Beweggründe bleiben im Dunkeln, ebenso wie seine Vergangenheit.

Regisseur Fatih Akin greift eigentlich einen klassischen Filmstoff auf, hat so etwas aber selbst auch schon einmal erlebt: ein Angebot zu einer Pro-Forma-Heirat. Der Hamburger, Sohn türkischer Einwanderer lehnte ab, verlegte die Handlung auf die Leinwand und gewann damit bei der diesjährigen Berlinale den „Goldenen Bären«, als erster deutscher Preisträger seit 18 Jahren.

Der Aufbau des Films erinnert an eine griechische Tragödie, deren Handlung ein Chor kommentiert. Akin bettet sein raues Liebesdrama in eine Postkarten-Idylle am Bospurus, an dessen Ufer eine Roma-Band traditionelle Volkslieder singt. Dabei verzichtet er in der eigentlichen Geschichte weder auf düsteren Rock noch auf radikale Dialoge und Bilder.

Ein Türke, auf einem Familiensofa, der kaum Türkisch spricht. Die Szene, in der Cahit traditionell bei den Eltern um Sibel wirbt, ist komisch und tragisch zugleich. Eine solch bittere Süße serviert Akin mehrfach, übertreibt aber, als er Cahit mit Sibels Cousine plötzlich Englisch sprechen lässt.

Sibel und Cahit heiraten – ohne Verpflichtungen. Die junge Türkin kostet ihre Freiheit voll aus, mit Drogen und Affären. Cahits Emotionen finden ihr Ventil im Rausch und den nächtlichen „Kämpfen« mit seiner Bettbekanntschaft Maren, bis er sich langsam in seine eigene Frau verliebt.

Die 22-jährige Sibel Kekilli, die Akins Castingagentur in einer Einkaufspassage entdeckte, entwickelt in dem Liebesdrama als drastische und ordinäre, aber auch zarte und zerbrechliche junge Frau eine erstaunliche Präsenz. Wie der Titel schon andeutet, zeigt der Film „Gegen die Wand« einen Extremzustand, und das mit ungeheurer Wucht, die die ZuschauerInnen zwei Stunden in Atem hält und ihnen ein Stück deutsch-türkischer Realität präsentiert: tabulos, abgründig und authentisch. Birol Ünel verkörpert dabei bravou-
rös den Albtraum aller standesbewussten Schwiegermütter: Cahit wird eifersüchtig, schießt wütend auf leere Bierdosen und sein Hochzeitsfoto, bis er am Ende versehentlich einen von Sibels Liebhabern erschlägt.

Ein Lebkuchenherz vom Rummel mit der Aufschrift „Ich liebe dich“ liegt derweil in seinem Bett. Aber Sibels Gefühle kommen zu spät. Cahit muss ins Gefängnis, Sibel hat die Familienehre verletzt und wird verstoßen. Ihr Vater verbrennt die Fotos seiner Tochter im Spülbecken. Mutter und Bruder folgen nur schwer ihrer Pflicht. Heimlich schleicht sich Sibel später noch einmal zu ihrer Mutter. Diese Bilder treffen direkt in die Herzen der ZuschauerInnen, die so Mitleid und Angst durchleben – ganz im Sinne der aristotelischen Katharsis.

Traurige Realität: Hauptdarstellerin Sibel Kekilli wird auch im wahren Leben von ihrer Familie verstoßen, als die
Boulevardpresse ihre Vergangenheit in der Pornoszene
ausschlachtet.

Nach dem tragischen Familienbruch zerfällt der Film in zwei Teile. Regisseur Fatih Akin beendet die Geschichte der Türkin Sibel in Deutschland und erzählt nun die Geschichte der Türkin in der Türkei. Denn Sibel flieht nach Istanbul. Dort muss sie bei ihrer „schicken« Cousine wohnen und als Zimmermädchen arbeiten. Die junge Türkin rebelliert und zahlt am Ende teuer für ihren Widerstand.

Jahre später wird Cahit aus dem Knast entlassen und fliegt nach Istanbul. Aber für eine gemeinsame Zukunft mit Sibel ist es zu spät.

Überraschend hart setzt Regisseur Fatih Akin der Tragödie ein Ende: Die wilde Sibel zerbricht an ihrem Lauf gegen die Wand türkischer Tradition. Ob der einsame Cahit ein
besseres Leben findet, bleibt offen.

Zurückbleiben nachdenkliche ZuschauerInnnen, bewegt von den grandiosen Leistungen der SchauspielerInnen und dem ungeschminkten Blick auf das Leben türkischer Immigranten in Deutschland.


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