OSKAR ROEHLER: Elementarteilchen

Die unerträgliche Leichtigkeit der Romanverfilmung: Elementarteilchen liefert – auf ein Neues – den Beweis dafür, dass nicht jedes interessante Buch auch einen guten Film abgibt.

Warum braucht man Houellebecq, wenn man so gute Schauspieler haben kann? Moritz Bleibtreu und Christian Ulmen gehören zu den Lichtblicken, in der eher enttäuschenden Adaptation von Elementarteilchen.

Buchverfilmungen sind ein Minenfeld, dem sich ein Regisseur nur mit äußerster Vorsicht nähern sollte. Insbesondere wenn die Buchvorlage a) ein publizistischer Erfolg war und b) einen mittelschweren Skandal auslöste. Oskar Roehler hat wohl nicht aus purer Faulheit drei Jahre gebraucht um das Drehbuch zu seinen Elementarteilchen fertig zu stellen. Michel Houellebecqs „Les particules élémentaires“ dienten jedoch „nur“ als Vorlage: Dem Macher ging es nicht um eine eins zu eins Adaptation, sondern um eine eigene Interpretation des Stoffes.

Bruno und Michael, zwei Halbbrüder, so verschieden wie es nur geht, stehen im Mittelpunkt dieses Films. Bruno (Moritz Bleibtreu) ist ein sexuell frustrierter, unglücklich verheirateter Lehrer, den seine Schülerinnen mit minimalistischen Röcken in den Wahnsinn treiben. Michael (Christian Ulmen) ist Genetik-Forscher, schüchtern, gar verklemmt, ganz nach dem Motto „Hoch begabt aber weltfremd“. Sie wuchsen getrennt voneinander bei ihren respektiven Großeltern auf. Ihre Mutter bevorzugte es, in Indien in einer Hippie-Gemeinde zu leben, statt die aufopfernde Erzieherin zu geben. Schnell wird dem Zuschauer klar, dass die Abwesenheit der Mutter sich als Quell allen Übels erweisen wird. Bruno ist der Unglücklichste der beiden, ein verkorkster Schriftsteller, voller Zynismus und Bitterkeit. Ein recht unangenehmer Zeitgenosse, würde Moritz Bleibtreu ihm nicht soviel Menschlichkeit einflößen. Nach einem Nervenzusammenbruch und dem Tod der Mutter ändert sich sein Leben; er lernt Christiane (Martina Gedeck) kennen und verliebt sich in sie. Zusammen gehen sie, im wahrsten Sinn des Wortes, ihren Leidenschaften in Swinger-Clubs nach. Doch das Glück hält nicht lang, Krankheit und Tod brechen in Brunos Leben ein und treiben ihn endgültig in die Verzweiflung. Michaels Geschichte nimmt einen weniger tragischen Lauf. Von Anfang an ist er als die eindeutig sympathischere Figur konzipiert; sympathischer da harmloser … fast zu harmlos. Diese Rolle wirkt unscharf und undankbar gezeichnet; würde Christian Ulmen nicht wieder einmal sein – unterschätztes – schauspielerisches Talent beweisen, könnte man Michael für das Klischee eines emotionslosen und tumben Wissenschaftlers halten. Dazu kommt, dass man sich aus bedeutungsschwangeren Andeutungen zusammenreimen muss, dass er nach der Formel für menschliches Klonen forscht. Auch er verliebt sich, besser gesagt trifft er seine Jugendliebe Annabelle (Franka Potente) wieder und nach Jahren versteckter Liebe, leben die beiden endlich ihre Gefühle aus. Auch hier kommt eine mysteriöse (da ungenannte) Krankheit das Glück trüben, die beiden schlittern jedoch an der Katastrophe vorbei.

Am Ende steht der Zuschauer ziemlich allein mit einer Frage im Raum da: So what? Wer waren eigentlich diese Leute auf der Leinwand und was war die Botschaft hinter ihren schicksalhaften Geschichten? Der Film an sich ist leider mittelmäßig, da der Plot nur wenige fesselnde Momente bietet und im großen Ganzen keine Überraschungen enthält. Ein weiteres Beziehungsdrama, über das weniger diskutiert werden würde wenn die SchauspielerInnen nicht so brillant spielen würden und der Name Houellebecq nicht die Zuschauer anlocken würde. Eigentlich hat sich Oskar Roehler ja nur Figuren eines Autors ausgeliehen und durch Entschärfung ihres Lebens- und Leidensweges, durch das Herausfiltrieren verschiedener Themen – zum Beispiel die ganze Klon-Polemik, die dem Originalroman eine fragwürdige ethische Dimension verlieh – seine eigene Philosophie ausdrücken wollen. Dass man Houellebecqs nicht gerade positive Einstellung zum Leben und der Liebe nicht unbedingt teilen muss, ist verständlich. Aber wieso dann überhaupt eine Interpretation wagen und nicht gleich eine völlig andere Geschichte erzählen?


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