SAM RAIMI: Spider-Man

Kein übermenschlicher Superheld, sondern unsicherer, sympathischer Verlierertyp mit Brille und Brain: In „Spider-Man“ geht es um Liebe und männliche Selbstfindung.

(ik) – „Wie jede Geschichte, die es sich zu erzählen lohnt, handelt auch diese von einem Mädchen.“ Mit diesen banalen Worten beginnt die Geschichte eines Nobodys, der über Nacht zum Superhelden avanciert. Der früh verwaiste Teenager Peter Parker (hervorragend: Tobey Maguire) ist so etwas wie ein Loser. Er ist zwar blitzgescheit, hat aber kaum Freunde. Seine Mitschüler hänseln ihn, und sein Schwarm, die hübsche Nachbarstochter Mary Jane (Kirsten Dunst), hat keine Augen für ihn. Erst bei einer Exkursion in ein Genlabor traut sich Peter seine Angehimmelte anzusprechen – und wird kurz darauf von einer genetisch manipulierten Spinne gebissen (in der Comic-Vorlage explodierte das Labor). Am Tag darauf entdeckt er, dass er über spinnenartige Eigenschaften verfügt und unter anderem problemlos Wände hinauflaufen kann. Nachdem sein Onkel Ben (Cliff Robertson) von einem Verbrecher umgebracht wird, den Peter tragischerweise selbst hat laufen lassen, beschließt dieser unter der Maske des Spider-Man seine Kräfte zum Schutz der Menschen einzusetzen. Spider-Man trifft auf den „grünen Kobold“ (Willem Dafoe), ein im verunglückten Selbstversuch zum Fiesling mutierter Forscher und im bürgerlichen Leben zudem ausgerechnet der Vater von Peters einzigem Freund Harry Osborn (James Franco). Es kommt zum Showdown zwischen Gut und Böse.

Das ist nicht sonderlich originell und dennoch: Dieser Film besticht durch seinen naiven Charme. „Spider-Man“ vom amerikanischen Regisseur Sam Raimi („The Evil Dead“) ist der lustigste und wohl auch der intelligenteste Superhelden-Film aus Hollywood. Das liegt zum einen daran, dass sich die Comic-Verfilmung eng am Original orientiert. Anders als Superman und Batman, die bereits Ende der 30er Jahre als das verkörperte „Gute“ auf Verbrecherjagd gingen und dabei vor allem patriotische Ideale wie den bedingungslosen Dienst für die Nation und unfehlbare US-amerikanische Werte an männliche Pubertierende brachten, war Spider-Man von Anfang an ein Held mit Zweifeln. Manche sehen in ihm gar den ersten „linken“ Superhelden. Tatsächlich geht es beim Spinnenmann, der 1962 von dem Zeichnergespann Stan Lee und Steve Ditko erfunden wurde, ganz banal menschlich, äh, männlich, um die Selbstfindung: Hier ist der Körper eines männlichen Heranwachsenden, der sich selber sucht und der versucht, mit zufällig erlangten übermenschlichen Kräften verantwortungsvoll umzugehen. „Mit großer Kraft kommt große Verantwortung“ ist einer der letzten Sätze, die Peter von seinem geliebten Onkel und Ziehvater mit auf den Weg bekommt. Er ist zugleich Leitidee der Story. Dass das erst gelernt werden will, zeigen mitunter recht schmerzhafte Lektionen, wie der Angriff des „grünen Kobolds“ auf Peters Tante oder die Entführung seiner – auf starke Männerarme angewiesenen – Angebeteten.

Es darf auch herzhaft gelacht werden: Bei den ersten Springübungen etwa stürzt der neu geborene Held ab, und das Zielen mit der klebrigen Netz-Flüssigkeit gelingt ihm auch nicht sofort. Hier übrigens weicht der Film ein weiteres Mal von der Comic-Vorlage ab. Spritzten dort die Netze per Knopfdruck aus selbst gebastelten Düsen hervor, sind es jetzt, ganz im Sinne der postmodernen Machbarkeit, durch den Spinnenbiss gewachsene Drüsen am Handgelenk.

Zum Brüllen komisch ist auch der erste öffentliche Auftritt Spider-Mans. Um Mary Jane mit einem (gebrauchten) Sportwagen beeindrucken zu können, meldet sich Peter bei einem mit 3.000 Dollar Preisgeld dotierten Wrestling-Kampf an: Mit selbst gemaltem Sweatshirt und in schlabberiger Jogginghose hat er zunächst nur die Lacher auf seiner Seite, bis die Spinne in ihm hervorkrabbelt.

Es ist diese Verbindung von Witz und Action, die den besonderen Reiz des Filmes ausmacht. Sehenswerte, aufwendige Spezialeffekte gibt es erst in der zweiten Hälfte des Films. Davor hat man es eher mit einer Teenage-Romanze zu tun. Was nicht weiter stört, schließlich sind Tobey Maguires verträumter Augenaufschlag und Kirsten Dunsts verschmitztes Lächeln doch schon (fast) das Eintrittsgeld wert.

Im Utopolis.


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