BRITE STEPHEN FRY: Schampuslaune und Katerstimmung

Der Brite Stephen Fry verfilmt den Roman „Vile Bodies“ von Evelyn Waugh und zeigt dabei sowohl Exzesse als auch böses Aufwachen.

Schon die ersten Szenen von „Bright Young Things“ gewähren einen Einblick in das nächtliche Treiben der jungen Londoner Upperclass: Auf einer Party trinkt und kokst sich die maskierte High-Society ins Delirium, spekuliert über die neuesten Gerüchte und schlägt nebenbei einen Journalisten, der sich unbemerkt unter die Menge mischte, in die Flucht. Skandale sind verkaufsträchtig: Die Schlagzeilen über die Eskapaden der glamourösen Party-Gänger verhelfen den verschiedenen Londoner Blätter zu Rekordauflagen – das wilde Leben der Schönen und Reichen fasziniert die Aussenstehenden.

Der Schriftsteller Adam Symes (Stephen Campbell Moore) gehört auch zu den von der Presse gejagten Bright Young Things. Als er in eine missliche finanzielle Lage gerät, wird er aus der feinen Gesellschaft ausgeschlossen. Als das britische Zollamt auch noch seinen gerade erst fertig gestellten Roman beschlagnahmt, wird ihm auch seine anspruchsvolle Geliebte Nina Blount (Emily Mortimer) abtrünnig. Liebe und Glück als scheinbar käufliche Güter – dieses Motiv taucht in „Bright Young Things“ immer wieder auf.

In dem Moment als der schöne Schein zu schwinden beginnt, gewinnt der Film gleichermaßen an Tiefe: Die Bilder sind weniger grell, die Schnitte nicht so hektisch. Die Sektlaune verpufft und Schicksalsschläge holen die jungen Wilden um Adam Symes zurück in die graue Wirklichkeit. Agatha, gespielt von der wundervollen Fenella Woolgar, wird in eine psychiatrische Heilanstalt eingewiesen nach dem sie auf einem Rennen als Ersatzfahrerin das Steuer übernahm, und erst Stunden später mit einem hohlen Lächeln und mit wild zerzausten Haaren wieder gefunden wird. Simon Balcairn (James McAvoy), junger Sensationsreporter, begeht Selbstmord nachdem er von einem der rauschenden Feste ausgeschlossen wird. Miles (Michael Sheen) wird ausgewiesen, Chamberlain erklärt Deutschland den Krieg und Symes muss an die Front. Es ist Stephen Frys schwarzem Humor zu verdanken, dass auch in diesen eigentlich bewegenden Szenen kein falsches Pathos aufkommt.

Erst zum Schluss geht dem ansonsten dichten Sittengemälde ein wenig die Luft aus: Durch einen Zeitsprung von fast einem Jahrzehnt wird der Erzählfluss gebrochen, die Stimmung schlägt abrupt um, ohne dass aber wirklich auf die Umwälzungen im Leben der ehemals Bright Young Things eingegangen wird.

Stephen Frys Film überzeugt dennoch, vor allem durch seine Darstellung des Londons der Zwanziger und Dreißiger Jahre. Der Regisseur kann daneben auf ausgezeichnete Schauspieler zurückgreifen, sowohl Newcomer wie Fenella Woolgar als auch alte Hasen wie Peter O’Toole, in der Rolle eines exzentrischen Aristokraten oder Jim Broadbent als versoffener General. Die Extravaganzen der High Society werden fortwährend durch einen melancholischen Unterton in Frage gestellt. Ähnlichkeiten mit der Upperclass der heutigen Zeit sind übrigens nicht rein zufällig.


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