JAFAR PANAHI: Mullahs ausgetanzt

Zahmes Wunschdenken oder unbequeme Kritik? In „Offside“ lässt Jafar Panahi iranische Sittenwächter sehr alt aussehen

Frauen und Fußball: In der westlichen Welt immer noch belächelt, wird diese Problematik im Iran zum Politikum.

„Es lebe Iran! Nieder mit Bahrain!“ skandiert die aufgeputschte Menge bereits lange vor dem Anpfiff. Ganz Teheran fiebert der WM-Qualifikation der iranischen Fußballelf entgegen. Doch abseits des Spielfeldes hat eine ganz andere Partie längst begonnen.

Stadionbesuche gehören, wie so vieles, nicht zu dem, was sich für iranische Frauen ziemt. Wüst fluchende Fans und nackte Fußballeroberschenkel können die Mullahs ihnen beim besten Willen nicht zumuten. Weiblichen Fans bleibt demnach nichts anderes übrig als sich mit Fahnen und Kappen zu vermummen und ihre Stimmen eine Oktave tiefer zu schrauben, um die Posten an den Stadiontoren zu umdribbeln. Wer an der Abwehrkette hängen bleibt, landet in einem provisorisch aufgestellten Gatter, unmittelbar hinter den Tribünen, auf denen die Fans toben, zittern und feiern.

Im iranischen Kino ist Jafar Panahi eine feste Größe. Seine Filme werden meistens gleich doppelt ausgezeichnet: Auf internationalen Festivals werden sie mit Preisen überschüttet während man sie im Iran immerhin für relevant genug hält, um ihre Aufführung zu unterbinden. Zusammen mit Altmeister Abbas Kiarostami, für den Pandahi einst als Regieassistent arbeitete und dessen Einfluss unverkennbar ist, gilt er als Hauptvertreter eines poetischen und humanistischen Neorealismus.

Typisch für dessen Ästhetik ist ein semidokumentarisches Flair. Tatsächlich wurde „Offside“ teilweise während des Spiels zwischen Iran und Bahrain und an den Originalschauplätzen gedreht. Der Einsatz von Handkameras und Laiendarstellern verstärkt den Effekt zusätzlich.

Auch wenn Pandahi sich nicht als politischer Regisseur versteht, nimmt er sich in seinen Filmen mit Vorliebe sozialer Missstände an. Bereits „The Circle“ (2000, in Venedig mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet und natürlich im Iran verboten) handelte von Restriktionen gegen Frauen und zeichnete ein sehr düsteres Bild um Abtreibung, Prostitution und alltägliche Schikanen.

„Offside“ nähert sich einer ähnlichen Problematik über den Weg der Komödie. Der Film ist zum Bersten voll mit witzigen Dialogen und regelrechter Situationskomik. Die Frauen haben dieses Mal ihre Tschadors zu Hause gelassen und sind nicht auf den Mund gefallen. Sie drängen ihre Wächter in die Defensive, bis diese bereitwillig das Fußballspiel für sie kommentieren, und schnell wird klar, dass die jungen Soldaten auf ihrer Seite stehen. Nur unwillig tun sie ihren Job. Eigentlich wären sie lieber selbst im Stadion oder bei ihrer Familie auf dem Land.

Von der gegnerischen Mannschaft bekommen wir nur zwei Spieler vors Gesicht: Einen Polizeichef und einen prügelnden Familienvater, beides alte, graubärtige Männer. Spätestens als die Teheraner Jugend in den Straßen wild und ausgelassen ihren Sieg feiert und Panahi die Nationalhymne einspielt, ist klar, wer triumphiert und wer sich ins gesellschaftliche Abseits manövriert hat.

Manchen ist das zu wenig. Im Vorfeld der Berlinale 2006, bei der „Offside“ mit einem Silbernen Bären gewürdigt wurde, warf eine Gruppe oppositioneller Exiliraner den Regisseuren der iranischen Beiträge vor, sich von ihrer Regierung instrumentalisieren zu lassen. Die Zensur der Mullahs lasse gerade genug Kritik zu, um die Filme für ein ausländisches Publikum interessant zu machen und um der Regierung zu ermöglichen, sich im Ausland als relativ tolerant zu profilieren.

Tatsächlich wirken der Optimismus und die gute Laune, die von „Offside“ ausgehen, ein wenig befremdend, angesichts der Berichte über zusammengestauchte Demonstrantinnen. Und doch tut Panahi genau das Richtige, indem er dem in Nachrichtenblocks propagierten Bild eines von bärtigen Eiferern und antisemitischen Ayatollahs dominierten Iran eine Realität entgegenhält, die dem Selbstverständnis der jungen Stadtbevölkerung eher entspricht. Entscheidend ist eben nicht nur das Spiel auf dem Platz, sondern auch der Kommentar im Kino.

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Offside, im Utopia.


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