FATIH AKIN: In beide Richtungen

Das Rauschen von Blättern. Die Kamera schwenkt langsam von links nach rechts, über den ausladenden Schatten eines Baumes hinweg, vorbei an einem Mann, der den Motor eines Busses repariert, hin zu den Zapfsäulen einer Tankstelle. Ein weißes Auto fährt ins Bild, in Gegenrichtung zum Kameraschwenk.

Auf der Straße.
Vertrieben aus der Türkei als politische Aktivistin.
Und in Deutschland als Asylantin nicht geduldet.

Schon diese erste Filmeinstellung veranschaulicht – auch formal – den Blick von Fatih Akin in seinem neuen Film „Auf der anderen Seite“.

„Es geht um Bewegung und Weite, um ‚Identity in Motion‘. Es geht in beide Richtungen …“, so Akin über seinen Film, der 2007 beim Filmfestival in Cannes für das von ihm selbst stammende Drehbuch ausgezeichnet wurde. Thema von „Auf der anderen Seite“ sind das Wechselspiel und die Bewegung zwischen den Kulturen, die verschiedenen Blickwinkel – mal deutsch, mal türkisch. Denn der Film spielt in Deutschland und in der Türkei – wobei Zufälle sechs unterschiedliche Biografien verbinden oder sich kreuzen lassen. Angenehm dabei ist, dass Akin, selber Deutscher türkischer Abstammung, nicht moralisch daherkommt. Er stellt einfach die unterschiedlichen Lebensgeschichten und Blickwinkel episodisch nebeneinander und beobachtet, fordert sozusagen den Zuschauer auf, sich selbst ein Bild von den Geschehnissen zu machen.

Dabei schwelgt der Film nicht gerade in üppigen Bildern. Schlichtheit ist die stilistische Grundhaltung. Dies ermöglicht es Akin, die doch recht überladene Plotkonstruktion zu meistern und sich auf behutsame Weise dem Thema zu nähern: Denn in „Auf der anderen Seite“, dem zweiten Teil seiner Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“, geht es um das Thema Tod. So ist es auch kein Wunder, dass der Erzählduktus im Vergleich zu dem vorangegangenen emotionalen und intuitiven Drama „Gegen die Wand“, sehr viel nachdenklicher daherkommt.

Zwei Hauptfiguren sterben: Eine Türkin kommt in Deutschland ums Leben, eine Deutsche in der Türkei, einmal sieht man einen Sarg auf einem Transportband auf dem Istanbuler Flughafen herausrollen und später einen anderen hinein. Dass es Tote geben wird, haben zwei Zwischentitel angekündigt: „Yeters Tod“ und „Lottes Tod“. Auch wenn das Drehbuch durch diese Spiegelbildlichkeit ein Stück weit konstruiert wirkt, gelingt es Akin trotzdem seine Geschichte lebensnah zu erzählen. Gerade, weil er seinen Figuren Zeit lässt – so die Filmszene, in der Lottes Mutter (Hannah Schygulla) trauert – und er es versteht, einfache und beiläufige Gesten zu filmen. Beiläufig wird so auch das politische Klima in der Türkei oder Deutschland skizziert: Etwa wenn Aktivistinnen von der Polizei abtransportiert werden und auf dem Weg zum Polizeiwagen immer wieder ihre Namen rufen, damit sie nicht anonym in den türkischen Gefängnissen verschwinden.

Der Film spricht etliche „Tabus“ an:
Er beschreibt die Situation einer türkischen Prostituierten in Deutschland, erzählt die Liebesgeschichte zwischen einer Deutschen und einer Türkin und problematisiert das Engagement einer politischen Aktivistin in der Türkei. Im Mittelpunkt steht dabei jeweils die einzelne Person. Akins Filme sind Schauspieler-Filme, die Entwicklung der einzelnen Charaktere steht im Vordergrund. So auch die Figur des türkischstämmigen Germanistikprofessors Nejat (Baki Davrak): Von der ersten Filmeinstellung bis zur letzten, ist diese Figur präsent und scheint als eine Art Bindeglied zwischen den zwei Kulturen zu fungieren. Er, der Bildungsträger, vermag noch am ehesten auf die andere Seite zu schauen, indem er versucht, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Letztlich jedoch lässt Fatih Akin mal wieder alles offen: Die Schlusseinstellung ist der Blick aufs offene Meer. Gerade diese Zurückhaltung ist die Stärke des Films.

Auch wenn seine Langatmigkeit sicher nichts für Actionfans ist, und einige Szenen wie etwa eine Straßendemonstration leicht gestellt wirken – so ist es dennoch ein Film, der sozialen und interkulturellen Konflikten auf seine Weise nachspürt, die ZuschauerInnen implizit auffordert, doch auf die andere Seite zu schauen.

 


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