WONG KAR-WAI: Von Blaubeertorten und wandernden Frauen

Mit „My Blueberry Nights“ transponiert Wong Kar-Wai das für ihn so typisch überschwängliche Melodrama in den amerikanischen Kontext, in das Reich der endlosen Landschaft, der blinkenden Neonlichter und jener einsamen Seelen, die sich auf den Weg machen, um sich selbst zu finden.

Verschwimmen zu emotionalen Potpourris: Norah Jones und Natalie Portman in „My Blueberry Nights“.

Der Film ist Wong Kar-Wais englischsprachiges Debüt. Im Mai eröffnete er mit „My Blueberry Nights“ die Filmfestspiele in Cannes und stieß dort auf sehr unterschiedliche Meinungen. Wie gewohnt schwelgt der asiatische Regisseur im Überdruss seiner poetischen Bilder. Er schafft grobgepixelte Einstellungen, in denen die Menschen und Gegenstände zu abstrakten Farbkompositionen verschwimmen, nimmt den Fokus meisterhaft aus der Mitte in die oberste Ecke des Bildschirms und filmt seine Darsteller durch beschriebene Fenster und aus ungewöhnlichen Perspektiven. So schafft er ein Innen-Außen-Gefühl, das die Einsamkeit der Figuren und deren Versuch, diese zu durchbrechen, kunstvoll unterstreicht.

Kar-Wais Figuren sind immer in Bewegung. Man erinnert sich an „In the Mood for Love“, an die zahlreichen Ein- und Abgänge in den Korridoren eines dunklen Hong-Konger Wohnblocks, an die Darsteller, die sich über den Weg laufen oder knapp verpassen. Und alles ist immer wieder untermalt mit melancholischer Hintergrundmusik.

In „My Blueberry Nights“ sind es lediglich die Frauen, die sich bewegen, die reisen. Die Männer bleiben traurig am Tresen hinter mehreren Gläsern Whisky sitzen oder backen jeden Tag eine Blaubeertorte, obwohl diese doch kein Gast wirklich zu genießen scheint. Die Frauen jedoch machen sich auf in die großen Weiten der amerikanischen Landschaft. Sie begeben sich auf einen Selbstfindungstrip durch ganz Amerika, von New York über Memphis bis nach Las Vegas, nur um zu vergessen. Sie sitzen in sportlichen Cabriolets und verspielen ihr Geld in düsteren Spelunken. Und doch kehren sie dahin zurück, von wo sie eigentlich wegwollten: Zur verrauchten Spelunke, in welcher der verstorbene Ex-Ehemann die Trennung in Alkohol zu ertränken pflegte, zum Sterbebett des Vaters oder zu dem Kaffeehaus, in dem der verflossene Liebhaber die Abende mit einer anderen verbrachte.

Die für ein klassisch-amerikanisches Roadmovie typische Bewegung, zersetzt Wong Kar-Wai in stockende Bilder, er verlangsamt den Rhythmus in immer wieder traumhafte Slow-Motion-Szenen und schafft so eine Anzahl an Variationen auf die seelischen Unsicherheiten seiner Hauptpersonen. Der Regisseur konzentriert sich ganz auf seine Darsteller. Wenn der Blick der Kamera sich nicht in schwelgenden Lichtern und Farbmosaiken verliert, ruht er geduldig auf dem Gesicht der Schauspieler und erzählt in einfachster Weise Hunderte von Geschichten.

Die Landschaftsaufnahmen dagegen, in denen kein Mensch zu sehen ist, sind überraschend einfach. Sie sind, anders als in vielen westlichen Roadmovies, keine pathetischen Seelenbilder, sondern illustrieren lediglich Weg und Ort. Wenn jedoch ein Darsteller im Bild ist, verfließen die Farben zu prachtvollen Emotionskompositionen. Wong Kar-Wai fängt so die augenblickliche Erregung ein, verlangsamt sie und intensiviert dadurch die Atmosphäre in herrlich melancholischen Einstellungen.

„My Blueberry Nights“, im Utopolis


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