Alexander Supertramp

SEAN PENNSean Penns vierter Kinofilm ist eine Hommage an das Außenseitertum, die nichts verklärt, aber auch nichts erklärt. Und das ist auch gut so.

Diplomüberreichung an der renommierten Emory University in Atlanta. Ein Student stolpert unbeholfen auf die Bühne, um den begehrten Schein entgegen zu nehmen. Im Publikum hält seine Mutter kurz den Atem an und verdreht die Augen. Die ganze Welt scheint diesem Jungen zu Füßen zu liegen: Ein gesicherter Platz an der Jurafakultät Harvard, ein üppiges Sparkonto, Eltern mit der nötigen Finanzspritze und ein brandneues Auto. Was mehr könnte sich ein 22-Jähriger an diesem großen Tag wünschen?

Doch langsam zerplatzt jene Luftblase amerikanischer Mittelklasse-Idylle. Christopher McCandless (Emile Hirsch) ist nicht wie die andern. Er wird ein kurzes, intensives Leben führen, das zu dem Moment noch keiner erahnen kann.

Die nächste Einstellung zeigt die gespannten Gesichter mehrerer Diplomierter, die, ausgerüstet mit Robe und Hut, hoffnungsvoll nach vorne schauen und einer viel versprechenden Karriere entgegenblicken. Unter ihnen der junge McCandless.

Sean Penn, der mit „Into the Wild“ seinen vierten Spielfilm gedreht hat, schenkt seiner Hauptfigur keine Nahaufnahme. Er platziert ihn inmitten all der anderen. Diese Einstellung unterstreicht die subtile Nachricht: McCandless unterscheidet sich auf den ersten Blick keineswegs von seinem Umfeld. Er ist ein unbedeutendes Rädchen in der Maschinerie des westlichen Karrieredenkens. Die Hüte fliegen in die Luft, und das Abenteuer Leben beginnt.

McCandless entscheidet sich gegen die Erwartungen seiner Eltern und der Gesellschaft. Seine Ersparnisse verschenkt er an eine Wohltätigkeitsorganisation. Mit wenigen Habseligkeiten und einigen Meisterwerken der Weltliteratur im Rucksack zieht er los, lässt die Familie hinter sich und macht sich auf nach Alaska. Er will kein Knecht der Konsumgesellschaft sein, sondern einsam und allein zu sich und seinem Glück finden. Autoren wie Thoreau, Tolstoi und vor allem Jack London haben ihn in seiner Studienzeit geprägt und ihre Zitate werden ihn auf dem Weg in die Wildnis begleiten.

Auf seiner Reise wird er vielen schrägen und sympathischen Gestalten begegnen, die er naiv und besserwisserisch mit Sätzen aus seinen Büchern belehrt. Jede Nebenfigur zeichnet Sean Penn auf berührende Weise. McCandless ist ein romantischer Idealist, der in der Natur das sucht, was er in der Zivilisation und den zwischenmenschlichen Beziehungen vermisst. Führerschein, Ausweis und Kreditkarte zerschnippelt er. Sein Auto lässt er in der Wüste Arizonas zurück und verbrennt seine letzten Dollars. Damit vernichtet er die letzten Spuren, die ihn mit seinem früheren Leben in Verbindung bringen. Ab jetzt heißt er Alexander Supertramp.

Sean Penn erzählt die wahre Geschichte des jungen Queraussteigers mit viel Liebe und Verständnis. Er idealisiert nicht den Mythos eines radikalen Träumers, sondern zeigt einen jungen Menschen mit all seinen Fehlern und Tugenden. Zusammen mit dem französischen Kameramann Eric Gautier zaubert er beeindruckende Naturbilder, die – von Eddie Vedders Soundtrack untermalt -, direkt aus McCandless Unterbewusstsein zu stammen scheinen.

Mit Hilfe der Tagebucheinträgen und den Kommentaren der Schwester (Jena Malone) schafft er einen filmischen Entwicklungsroman, einen Reifeprozess, der McCandless neue Vagabundenexistenz über die Spanne von zwei Jahren in mehrere Kapitel einteilt und schließlich mit der Erkenntnis endet, dass das Glück nur Wert erhält, wenn man es mit jemandem teilt. „Into the Wild“ ist ein sehr einprägsamer, teilweise langatmiger Film.

„Into The Wild“, im Utopolis.


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