ELECTROPOP: Na ja

Zu viel Glam, zu viel Gestöhne und zu wenig Inhalt. Kaum überzeugend war das Electro-Duo Goldfrapp in letzter Zeit. Das neue Album verspricht jedoch eine Kehrtwende.

Ein bisschen Kuscheln mit einer riesigen Papiereule kann nicht schaden: Statt reinem Glam-Disco-Geschmachte will Goldfrapp wieder etwas nachdenklicher werden.

In hohen weißen Pumps mit einem Stück Toilettenpapier am Absatz klebend, stöckelt die Sängerin Alison Goldfrapp in einem kurzen weißen Hosenanzug auf eine leere Bühne. Und singt vor eingeblendeten Filmausschnitten verschimmelter Essensreste und synchron tanzenden Männern in weißen Unterhosen „I wanna ride on a white horse“. So das Musikvideo und der banale Refrain zum gleichnamigen Song des Albums „Supernature“.

Irgendwie hat das britische Electro-Duo Goldfrapp über die Jahre an Profil verloren, denkt man sich dabei. Und was soll dieses Rumgestöhne und dieses Glam-Disco-Geschmachte der Sängerin? Langeweile – Überdruss?

Dabei hatte doch alles recht passabel angefangen. Entstanden war die Band 1999 als die Sängerin Alison Goldfrapp, die bis dahin mit Tricky zusammengearbeitet hatte, einige Demos an den Filmkomponisten und Keyboarder Will Gregory weitergab. Dieser war so begeistert vom Material, dass er fortan das Soundgerüst für die gemeinsamen Songs komponierte. Im Jahr 2000 gelang es dem Duo mit ihrem Debütalbum „Felt Mountain“ einen ersten epischen Klangteppich besonderer Art zu schaffen und die Ambient- und Triphop-Szene zu begeistern. Die dunkle, verrauchte Stimme von Alison Goldfrapp kam zu den swingenden Orchestereinlagen sowie zu der insgesamt recht reduzierten Songstruktur wie die Vertonung eines Film Noir daher. Die melancholischen Melodien zusammengesetzt aus Synthie-Pop- und Folkelementen erinnerten musikalisch zuweilen an Portishead.

Eine radikale Kehrtwende vollzog Goldfrapp mit den beiden folgenden Alben: „Black Cherry“ – das zweite Output, das drei Jahre später erschien, war schon wesentlich kantiger und hektischer. Statt dem lasziven Schönklang des Debütalbums beinhaltete „Black Cherry“ nun clubkompatible Songs im Disco-Stil der 70er und 80er, die nicht wirklich überzeugten. Nur einige Songs wie „Hairy Trees“ knüpften noch an die ätherisch vernebelten Melodien an, die Goldfrapp bekannt gemacht hatten. Die Band schien mit einem zunehmend banaleren Stil und belanglosen Texten immer mehr in die Dancepop-Ecke einer Kylie Minogue abzurutschen. Auch die dritte CD „Supernature“ vermochte hier keine Besserung.

Erst das Anfang dieses Jahres erschienene vierte Album „The Seventh Tree“ verspricht eine Kehrtwende. Goldfrapp hat hier wieder ruhigere und psychedelischere Sounds kreiert, bestehend aus Streichersequenzen, akustischem Folk und gedämpfter Elektronik. Reminiszenzen an „Felt Mountain“ werden wach, eine lange vermisste Atmosphäre entsteht, die unter der Discokugel nicht zu finden war. Auf dem Cover von „The Seventh Tree“ ist eine als nachdenklicher Pierrot verkleidete Alison Goldfrapp zu sehen. Auch thematisch ist das Album ernsthafter: Es geht etwa um verlorene, verhängnisvolle oder einseitige Beziehungen wie beim Song „Eat Yourself“: „If you don’t eat yourself, no doubt the pain will instead, if you don’t eat yourself, you will explode instead“, heißt es hier. Insgesamt ist das Album schwarz eingefärbt, gleichzeitig aber seltsam gelassen. Ob die musikalische Kehrtwende von Goldfrapp sich auch in den Bühnenshows widerspiegelt, davon kann man sich demnächst selbst überzeugen. Vielleicht steht Alison Goldfrapp dann statt im ultrakurzen Mini mit Flugbegleiterinnen-Schiffchen auf dem Kopf, im regenbogenfarbenen Clown-Overall auf der Bühne und verbreitet ein bisschen Schwermut.

Goldfrapp treten am 16. Juli in der Abbaye de Neumünster auf.


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