DAVID FINCHER: Aus Alt mach Neu

Auch wenn David Finchers neues Werk „The Curious Case of Benjamin Button“ preisgekrönt wurde, heißt dies nicht, dass ihm die Fabel über den sich verjüngenden Greis gelungen ist.

Der Alte … bei der Kinderbuchlektüre.

Hat man mehr vom Leben wenn man alt geboren wird? Benjamin Button (Brad Pitt) kommt im Jahr 1918 als 80jähriger Greis in New Orleans zur Welt und altert fortan rückwärts, wird Jahr für Jahr jünger, bis er schließlich als Säugling stirbt. Im Laufe seines Lebens begegnet er zwar seiner großen Liebe Daisy (Cate Blanchett), doch durch die unterschiedlichen Alterungsprozesse wird beiden nur eine kurze Zeitspanne des Glücks gewährt. Aus dieser ebenso simplen wie äußerst spannenden Ausgangsidee haben Regisseur David Fincher und Drehbuchautor Eric Roth – basierend auf einer Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald aus dem Jahr 1921 – einen fast dreistündigen Film über die Liebe, das Leben und den Tod inszeniert, der jedoch trotz seiner 13 Oscarnominierungen (davon drei Auszeichnungen) stellenweise etwas zu leblos und tricktechnisch zu perfekt daherkommt, um den Zuschauer wirklich zu berühren.

Es erscheint zunächst schon fraglich, ob David Fincher überhaupt der richtige Mann für die Umsetzung eines derart sentimentalen Stoffs ist. Bekannt wurde Fincher vor allem durch den abgründigen Psychothriller „Seven“, doch auch seine übrigen Werke – darunter „Fight Club“ und „Panic Room“ – waren visuell wie inhaltlich überaus düster und verstörend. Autor Eric Roth war 1995 bereits für das Skript von Robert Zemeckis‘ „Forrest Gump“ zuständig und Kenner dieses modernen Klassikers erleben leider auch das eine oder andere Déjà-Vu. Benjamin Button wird nach seiner Geburt von seiner herzensguten Adoptivmutter Queenie (Taraji P. Henson) aufgezogen, und leidet dabei unter derselben Gehschwäche wie einst Tom Hanks. Darüber hinaus heuert Benjamin auf einem Fischkutter mitsamt trinkfreudigem Kapitän an, segelt um die halbe Welt und erlebt fortan mehrere Episoden der amerikanischen Geschichte, während seine Jugendliebe Daisy – genau wie einst Forrests Freundin Jenny – parallel dazu die ausschweifenderen Seiten des Lebens kennenlernt, bis beide irgendwann entdecken, dass sie füreinander bestimmt sind.

Doch wo „Forrest Gump“ diese Episoden virtuos miteinander verknüpfte und seinen Antihelden auf eine bewegende und unfreiwillige Reise durch die amerikanische Geschichte schickte, wirkt Finchers Film über weite Strecken leider viel zu kühl, visuell zu perfekt und traut sich nicht vollends das zu sein, was er eigentlich sein möchte, nämlich ein phantastisches Märchen. Störend dabei wirken vor allem die Sequenzen, in denen die im Sterben liegende Daisy mit ihren Erzählungen quasi die Rahmenhandlung für die Geschichte Buttons liefert. Was hier als Orientierungshilfe gedacht war, reißt den Zuschauer jedesmal unvermittelt aus der märchenhaften Atmosphäre der eigentlichen Story. Zudem wirkt diese Rahmenhandlung so, als wäre sie in letzter Sekunde dazugeschustert worden. A propos Zugeständnisse an das Mainstreampublikum: Gerüchten zufolge dauerte eine erste Schnittfassung des Films etwa 200 Minuten. Vergleicht man dies nun mit der Laufzeit der Kinoversion, so könnte das eventuell eine Erklärung für die Unausgewogenheit des Erzähltempos liefern.

Trotzdem, es ist sicher nicht alles schlecht an des Benjamin Button seltsamen Fall. Abgesehen von den erzählerischen Längen und Finchers allzu oft durchschimmernder Selbstverliebtheit in Bezug auf Optik und Tricktechnik, kann der Film jedoch durch eine detailverliebte Ausstattung und Make-Up Effekte, Darsteller in absoluter Bestform, sowie mit vielen rührenden Momenten punkten. Hält die alternde Daisy am Ende die Liebe ihres Lebens als Kleinkind beim Spazierengehen an der Hand, dann ist das eine Szene die man als Zuschauer so schnell nicht mehr vergisst.

„The Curious Case of Benjamin Button“, im Utopolis, CinéBelval und Cinémaacher.


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