GUILLERMO ARRIAGA: Puzzle

„The Burning Plain“ erzählt keine gradlinige Geschichte, sondern setzt sich aus Fragmenten zusammen. Trotzdem vermag er zu begeistern.

Sind auch nur ein Stück des Ganzen : Mariana und Santiago.

Irgendwo in den Great Plains von New Mexico steht ein alter Wohnwagen in Flammen. In flirrender Hitze, mitten in der Wüste, mitten im Nirgendwo, frisst sich dieses Feuer nicht nur durch die übrig gebliebenen Reste aus Plastik und Holz, sondern hinterlässt auch im Leben von mehreren Menschen Narben und Schmerzen. Diese ungewöhnliche Anfangsszene gibt dem Zuschauer Rätsel auf, genau wie die ganze erste Hälfte von „The Burning Plain“. Guillermo Arriaga erzählt in seinem Debüt als Regisseur nicht weniger als fünf parallel verlaufende Geschichten, die erst nach und nach einen zusammenhängenden Sinn ergeben. Bekanntheit erlangte der mexikanische Autor zuvor durch seine Drehbücher von „Amores Perros“, „21 Grams“ und „Babel“. Es ist demnach wenig verwunderlich, dass Arriaga auch in seiner ersten Regiearbeit auf eine verschachtelte Erzählweise setzt, die unterschiedliche Episoden nebeneinander erzählt.

Sylvia (Charlize Theron) betreibt zwar ein erfolgreich laufendes Edelrestaurant in der Küstennähe Oregons, doch scheint sie gleichzeitig unzufrieden mit ihrem Leben zu sein, was sich in emotionslosen Schäferstündchen mit abwechselnden Partnern äussert. In verregneten und grauen Bildern schildert Arriaga Sylvias sexuelle Hemmungslosigkeit und ihre konstante Suche nach einem Sinn in ihrem Dasein. Schnitt. Santiago (J.D. Pardo) und sein Bruder Cristobal (Diego J. Torres) tragen ihren Vater Nick (Joaquim de Almeida) zu Grabe und werden dabei aufs Gröbste von Robert (Brett Cullen) beschimpft, der Nick für den Tod von Roberts Frau und vierfacher Mutter seiner Kinder, Gina (Kim Basinger), verantwortlich macht. Schnitt. Gina und Nick sind beide verheiratet, haben Kinder, und flüchten sich dennoch in eine Affaire, die allerdings von Ginas Tochter Mariana (Jennifer Lawrence) entdeckt wird. Schnitt. Mariana und Santiago beginnen nach dem Ableben ihrer Elternteile eine schicksalhafte Beziehung. Schnitt. Ein mexikanischer Düngemittelpilot und Vater einer zwölfjährigen Tochter wird bei einem Flugzeugabsturz schwer verletzt. Wer jetzt glaubt, diese kurze Inhaltsangabe würde zuviel von „The Burning Plain“ verraten, sei unbesorgt, denn dies alles passiert bereits im ersten Drittel des Films.

Es gibt zur Zeit wahrscheinlich nur wenige Regisseure in Hollywood, die derart unterschiedliche Handlungsstränge so zusammenführen können, dass das Ganze letztlich einen in sich schlüssigen Sinn ergibt. Guillermo Arriaga gehört dazu. Doch ein grosser Anteil an diesem Resultat gebührt sicherlich dem erfahrenen Editor Craig Wood (verantwortlich unter anderem für die „Pirates of the Caribbean“-Trilogie), dessen mit subtilen Andeutungen gespickte Montage es dem Zuschauer erleichtert, sich in den komplexen, parallel verlaufenden Handlungssträngen wiederzufinden, ohne allerdings die finale Auflösung vorzeitig preiszugeben. Auch optisch ist der Film ein Augenschmaus. Kamermann Robert Elswit („There Will Be Blood“) fängt nicht nur die Trostlosigkeit der wüstenähnlichen Plains und heruntergekommenen Siedlungen New Mexicos ein, sondern vermag auch die emotionale Leere in Sylvias Leben mit Hilfe von regengetränkten und kalten Bildern zu unterstreichen.

Doch leider geht Arriagas Konzept nicht immer hundertprozentig auf. Trotz der insgesamt sehr guten schauspielerischen Leistungen (mit einer herausragenden Newcomerin Jennifer Lawrence als kratzbürstige und kühle Mariana) griff Autor und Regisseur Guillermo Arriaga zu oft und zu tief in die hollywoodsche Mottenkiste der Klischees. Die frustrierte Sylvia hat nicht nur unverbindlichen Geschlechtsverkehr, sie raucht auch noch fortwährend und blickt sehnsüchtig auf das tobende Meer. Dabei hätte der Film derart abgedroschene Klischees, und sich zu aufdringlich wiederholende Leitmotive, aufgrund seiner an sich originellen und cleveren narrativen Struktur gar nicht nötig. Zudem erscheint die Auflösung der Geschichte letztlich leider nicht ganz so schlüssig und nachvollziehbar, wie sich der Regisseur das vielleicht erhofft hätte.

„The Burning Plain“ ist davon abgesehen jedoch ein intelligenter und anspruchsvoller Film mit tollen Darstellern, der vom Zuschauer zwar stets Aufmerksamkeit fordert, dies aber mit berührenden Szenen und einer ungewöhnlichen Erzählweise belohnt.

The Burning Plain, im Utopia.


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