ROCK: Wer’s hört, wird selig

Mit ihrem vierten Album „Und endlich unendlich“ meldet sich Selig nach zwölf Jahren Funkstille wieder zurück. Am kommenden Freitag spielen die Hamburger Hippie-Metaller in der Rockhal.

Zwölf Jahre weg und doch wieder in den 90ern angekommen : Selig sind zurück.

Das Jahr 1994 ist schon ein äußerst sonderbares. Während Kurt Cobain mit einer dreifachen Überdosis Heroin und einem Kopfschuss sein Leben beendet, dröhnt aus deutschen Radios Helge Schneiders Katzenklo. Und mit Blick auf die Charts und die darin enthaltenen Produktionen des Nachbarlandes scheint so einiges diesem Katzenklo entsprungen zu sein. Die neue Deutsche Welle ist längst vorbei, kaum einer außer Nena hat sie überlebt und die Musikszene ist geprägt von einem Einheitsbrei aus Techno, Euro-Dance und Weichmachern US-amerikanischer Fließband-Produzenten. Daneben bedienen wenige deutsch singende Bands und Musiker wie Pur, die Prinzen oder Stefan Raab die Ansprüche eines anspruchslosen Publikums. Und den Klang elektrischer Gitarren gibt es nur in Verbindung mit englischen Texten. Bis auf wenige Ausnahmen. Und eine dieser wenigen Ausnahmen kommt – wie die meisten der anderen wenigen auch – aus dem Norden. Nämlich aus Hamburg. Die Rettung ist da, und wer’s glaubt, hört Selig.

Bereits zwei Jahre zuvor haben Jan Plewka (Gesang), Christian Neander (Gitarre), Leo Schmidthals (Bass), Stephan Eggert (Schlagzeug) und Malte Neumann (Keyboard) die Band Selig gegründet. Ein Jahr später stehen sie bei Sony Music unter Vertrag. Im April 1994 erscheint dann das erste Album. Das heißt ebenfalls schlichtweg „Selig“, schafft es auf Platz 40 der deutschen Album-Charts und ist bereits wenige Monate zuvor mit der ersten Single „Sie hat geschrien“ entsprechend angekündigt worden. Wer jetzt noch mit Pur ins Abenteuerland will, kommt am besten nicht mehr zurück.

„Der Doktor sagt, es ist ok, doch hier klebt Blut auf diesem Kissen. Ich weiß von nix, doch ich weiß, es tut weh. Bitte schrei nur leise, denn Mama darf´s nicht wissen“, singt Plewka und beendet damit den Jungfernschlaf dessen, was wenig später von Selig selbst als Hippie-Metal bezeichnet wird. Es folgen zwei weitere Single-Auskoppelungen, „Wenn ich wollte“ sowie die Ballade „Ohne Dich“, und bereits ein Jahr darauf das zweite Album. „Hier“ ist etwas härter und dunkler als das Debüt, knüpft aber an den Erfolg der ersten Scheibe nahtlos an und platziert sich in den deutschen Album-Charts unter den ersten 20. Bei fast allen nahmhaften Open-Airs stehen die fünf Jungs aus Hamburg auf der Bühne.

Zwei Jahre später liefert Selig den gleichnamigen Soundtrack zu Til Schweigers Film „Knockin‘ on Heaven’s Door“. Im gleichen Jahr erscheint das dritte Album „Blender“. Es erinnert mehr an die möglicherweise letzen Gedankengänge in Kurt Cobains Kopf als an eine Fortsetzung dessen, was Selig bis dahin ausgemacht hat. Das in New York produzierte Album ist deutlich poppiger, ein wechselhaftes Sammelsurium aus psychedelisch angehauchten Experimenten, von denen längst nicht alle geglückt sind. Und dann ist Schluss. Die fünf Musiker trennen sich, versuchen sich auf weitaus weniger erfolgreichen Solopfaden und geraten in Vergessenheit. Und wie das so ist mit längst Vergessenem, tauchen sie zwölf Jahre später wieder auf.

Nach drei Studioalben sowie einem Best-Of erscheint im März 2009 „Und endlich unendlich“. Die erste Single „Schau Schau“ hat es wenige Wochen zuvor bereits angekündigt, nun folgt mit dem dazu gehörenden Album die Bestätigung: Selig ist wieder in den frühen 90er angekommen. Die Stimme von Sänger Jan Plewka ist charismatisch wie eh und je, das Werk insgesamt nicht ganz so hart wie das zweite Album, aber wieder näher am Ursprung und die Texte gewohnt bodenständig. Voller Melancholie und Sehnsucht aber auch voller Optimismus. Welcher Teufel auch immer Jan Plewka & Co vor zwölf Jahren geritten hat: Das vierte Studioalbum klingt so, als hätte es das dritte nie gegeben. Selig ist zurück. Mag sein, dass diese Rückkehr nicht nur auf die Liebe zur Musik, sondern auch auf die Entwicklung des Kontostands zurückzuführen ist. Sollte letzteres der Fall sein, so haben die Hamburger dieses Geld auch verdient. Nur: Bitte nicht wieder für psychedelische Pop-Experimente in New-York ausgeben!

Selig, am 18. September in der Rockhal.


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