LËTZEBUERGER BIOBAUEREN: Bio gegen Bauernsterben?

Auch wenn der Bio-Markt weiterhin boomt: Die Luxemburger Landwirte glauben nicht daran, dass bio ihnen aus der Krise helfen kann. Zumindest wagen es nur wenige, ökologisches Neuland zu betreten.

Zur Rentrée gibt´s mehr „bioplus“:
Ab dem 1. September bekommt der Biobauer im Vergleich zu seinen konventionellen Kollegen nicht mehr nur sieben sondern zehn Cent pro Liter Milch mehr ausbezahlt.

Bio als Ausweg aus der Krise? „Diese Überlegung gibt es bei den Luxemburger Bauern nicht“, sagt Raymond Aendekerk von „Biolabel“. Auch in diesem Jahr haben sich zum Stichdatum für landwirtschaftliche Fördermaßnahmen im August keine neuen Anwärter gemeldet. Lediglich ein neuer Biowinzer kann in die Statistik aufgenommen werden. Insgesamt wirtschaften in Luxemburg 85 Betriebe auf rund 3.500 Hektar ökologisch, heißt es im Bericht des Agrarministeriums. Dazu gehören 12 Gemüsegärtner, vier Winzer, fünf Obstbauern und 12 Imkerbetriebe. Die Zahl der Landwirte, die ihren Hof auf bio umgestellt haben, stagniert seit Jahren. Zwar haben die Mitarbeiter der Beratungsstelle für biologischen Landbau Kontakte zu einigen interessierten Landwirten, so richtig überzeugt ist aber bislang noch keiner von ihnen. „Man hat das Gefühl, dass die Bauern durch die Krise noch mehr als sonst auf das herkömmliche System setzen“, findet Aendekerk, „sie wollen der Realität nicht in die Augen sehen.“ Zum Beispiel der Tatsache, dass in Luxemburg doppelt so viel Milch produziert wie verbraucht wird.

Anders sieht das bei Bioprodukten aus: Immer noch werden 70 bis 80 Prozent der Produkte importiert. Die Nachfrage steigt weiterhin, das bestätigt der Geschäftsleiter der Biobauerengenossenschaft BioG. „Der Markt wächst etwas langsamer als in den vergangenen Jahren, doch er wächst“, sagt Änder Schanck, der in Munsbach das Zentrum „Oikopolis“ mit aufgebaut hat. Dass weiteres Potenzial vorhanden ist, zeigen die Umsätze in neuen Naturkostläden. Als etwa in Erpeldingen ein Laden eröffnet wurde, dessen Verkaufsfläche weitaus größer war, als die seines Vorgängers in Ettelbrück, verdoppelte sich der Umsatz.

Doch dieser positive Trend scheint die Bauern nicht groß zu beeindrucken. „Das Argument kommt bei den Bauern nicht an“, sagt Raymond Aendekerk. Nicht bei denen, die schon einen Betrieb leiten und auch nicht bei jungen Unternehmern, die sich gerade in der Berufswelt orientieren. „Es gibt konventionelle Bauern, die sagen, sie würden lieber aufhören als auf bio umzusteigen“, weiß Aendekerk. Im bäuerlichen Milieu, so scheint es, hat sich die Stimmung nicht geändert. Bio wird skeptisch beäugt, jedoch selten als reale Alternative angesehen.

Bioplus bringt 10 Cent pro Liter

Das ist umso erstaunlicher, als so manchem Landwirt das Wasser bis zum Hals steht. Immer noch spielt die Milchwirtschaft die wichtigste Rolle in der Luxemburger Landwirtschaft. Dass gerade sie alles andere als zukunftssicher ist, zeichnet sich schon seit Jahren ab. Bereits vor der weltweiten Finanzkrise fielen die Preise stetig in den Keller, was die Milchbauern auf die Barrikaden und vor die Molkereien trieb. Doch die Forderung „mindestens 43 Cent pro Liter!“, die noch während der Streiks und Demonstrationen vor zwei Jahren erhoben wurde, ist inzwischen längst verhallt. Heute beruhen „realistische“ Betriebspläne von staatlichen Wirtschaftsberatern auf einem Milchpreis von 30 Cent pro Liter. Einem Preis also, den real derzeit nur Luxlait bezahlt, ausländische Molkereien wie die deutsche MUH liegen bei 23 Cent. Geht es so weiter, ist das wirtschaftliche Aus für viele vorprogrammiert. Zudem sagt die Perspektive, dass ab 2015 die Milchquoten EU-weit abgeschafft werden, eine Verschärfung der Konkurrenzbedingungen voraus.

Ist denn nun „bio“ für Milchbauern eine krisensichere Alternative? „Auch die Öko-Milchbauern bekommen die Krise momentan zu spüren“, betont Änder Schanck. Im Vergleich zu ihren konventionellen Kollegen, stehen sie jedoch seit dem 1. September noch besser da. „bioplus“, der Mehrpreis pro Liter Milch, den Biobauern einkassieren, wurde von sieben auf zehn Cent erhöht. Die Änderung wurde am Donnerstag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz von Luxlait und BioG präsentiert. Der Aufpreis bezieht sich auf die verkaufte Milch, bleibt sie im Regal stehen, bekommt der Bauer nicht mehr ausbezahlt. „Im Sommer, wenn viele Kunden im Urlaub sind, haben wir tatsächlich zu viel Milch“, erklärt Änder Schanck. Die Menge genau dem Markt anzupassen, sei wegen der kurzen Haltbarkeit des Produkts nicht möglich. „Montags haben wir immer zuviel und freitags zu wenig“, so Schanck.

Um diese Schwankungen auszugleichen, müssten neue Produkte, etwa länger haltbare Milch wie UHT, produziert werden. Doch dazu reicht die Gesamtmenge der Luxemburger Biomilch nicht aus. Und Luxlait schreibt aus marktrechtlichen Gründen vor, dass die BioG keine Milch aus dem Ausland importieren darf. Fazit: „Wir haben zu wenig, um die Produktion auszuweiten und zuviel, um den Bonus immer auszuzahlen“, beschreibt Änder Schanck das derzeitige Dilemma.

Frischer Wind im Ministerium?

Auch bio muss sich den Regeln des Marktes beugen. Ein Grund, wieso der überzeugte Pionier des ökologischen Landbaus nicht unzufrieden mit der Entwicklung der Biobranche in Luxemburg ist. „Es wäre für uns nicht unbedingt gesund, schneller zu wachsen“, so Schanck. Er setzt auf ordentlich aufgebaute Strukturen und weist zudem auf die Grenzen der ökologischen Perspektive unter den derzeitigen Bedingungen hin: „Ich sage nicht, dass alles so weiterlaufen soll wie bisher, ich sage nur: Durch Biolandbau können die sozialen Probleme der Luxemburger Landwirtschaft nicht gelöst werden“, so seine Überzeugung. Würde die gesamte Branche auf bio umgestellt, könnten sich zum einen die Mehrpreise auf Dauer nicht halten. Zum andern vermag die ökologische Landwirtschaft die Entwicklung der letzten Jahre nicht aufzuhalten. Zunehmende Intensivierung, sowie die Subventionierung der Infrastrukturen und Maschinen haben zwangsläufig zu einem Personalabbau und zur Konzentration auf weniger und dafür größere Betriebe geführt.

Diesen Trend gibt es natürlich auch in der Ökobranche. Schon jetzt spüren ausländische Biovermarkter den Druck der Discounter, die zunehmend auf das Angebot preiswerter Bioprodukte setzen, sehr deutlich. In Luxemburg setzte nicht zuletzt deswegen die BioG schon früh auf die Zusammenarbeit mit Supermärkten, um diesen Teil des Marktes ebenfalls zu erschließen.

Die Forderung, die Politik müsse den Bioanbau mehr fördern, erheben die Ökoverbände seit Jahren. Während der langjährigen Amtszeit des CSV-Ministers Fernand Boden übte sich das Ministerium diesbezüglich in vornehmer Zurückhaltung. Weil Brüssel es vorgab, wurde im vergangenen Jahr in einer eher zähen Prozedur ein Aktionsplan zur Förderung biologischer Landwirtschaft ausgearbeitet. Bis einschließlich 2011 will der Staat entsprechende Maßnahmen unterstützen. Das neu gegründete Institut für Biologische Landwirtschaft bekam in diesem Jahr 290.000 Euro und finanzierte damit fünf Projekte. Dazu gehören Versuchsfelder, Demonstrationsbetriebe und eine Selbst-Bewertung der bestehenden Bio-Betriebe. Für 2010 sind noch einmal rund 280.000 und für 2011 rund 200.000 Euro vorgesehen. Es sei davon auszugehen, dass das Budget gekürzt wird, so Raymond Aendekerks Befürchtung.

Das Regierungsprogramm verrät, dass Bodens Nachfolger vorerst keine grundlegenden Änderungen in der Luxemburger Agrarpolitik plant. Auch nicht in Sachen Biolandwirtschaft. „Wir wollen das Förder-Programm, das aufgestellt wurde, weiter umsetzen“, sagt der neue Landwirtschaftsminister Romain Schneider gegenüber der woxx. Es gebe eine ganze Reihe Fördermaßnahmen für Biolandwirte und es gehe in einem ersten Schritt darum, die Bauern darüber zu informieren. Das im Agrargesetz gesteckte Ziel von 6.000 Hektar Land, die bis 2013 biologisch bewirtschaftet werden, ist für den neuen Agrarminister nicht unerreichbar. Details über die konkreten Mittel, durch die die Verdoppelung der Fläche in nur drei Jahren in die Tat umgesetzt werden soll, verrät er noch keine. Der LSAP-Politiker verweist stattdessen auf laufende Programme wie „sou schmaacht Lëtzebuerg“, in denen die regionalen Produkte angepriesen werden. „Das können natürlich auch biologische Produkte sein, wir müssen auf die Förderung von Qualitätsprodukten setzen“, sagt Schneider. „Bio kann hier eine Nische sein.“ Immerhin sei das Angebot hier bisher sehr klein und der Konsument offensichtlich bereit, mehr zu bezahlen.

Dass hauptsächlich konventionelle Landwirte von Marketing-Programmen für regionale Produkte profitieren, ist den Biobauern nicht selten ein Dorn im Auge. Wird die Ware hier doch öfters als besonders „gut und gesund“ angepriesen, obwohl den Bauern keine mit der Biolandwirtschaft vergleichbaren strengen Auflagen in der Produktion vorgegeben werden. So lange die Fördermaßnahmen für die konventionelle Landwirtschaft so wie bisher organisiert sind, werde sich nur wenig ändern, findet Raymond Aendekerk: „Die Politik muss einige Dinge beim Namen nennen: den Verbrauch der Pestizide und Düngemittel – sprich die Umweltbelastung der konventionellen Landwirtschaft.“ Immerhin von einer positiven Entwicklung kann der Agraringenieur und Bio-Obstbauer berichten: Mit der Zusammenarbeit mit der Ackerbauverwaltung (ASTA), die sich um die Umsetzung des Aktionsplans kümmert, ist man zufrieden. „Da hat sich einiges getan“, so Raymond Aendekerk, der nun auf eine konstruktive Verbindung zwischen dem neuen Landwirtschafts- und Umweltminister hofft. Auch sein Verband hat bereits einen Termin beim neuen Agrarminister angefragt.


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