MICHAEL HANEKE: Die Farbe der Unschuld

Michael Haneke zeichnet in „Das weiße Band“ ein archaisches Gemälde einer streng protestantischen Dorfgemeinschaft am Vorabend des Ersten Weltkrieges

Wer als Untertan aufwächst, kann sich später nur in einer kranken Beziehung zur Außenwelt ausleben.

Der Film beginnt lautlos. Kursiv wird im Vorspann der programmatische Untertitel eingeblendet: Eine deutsche Kindergeschichte. Später wird den Kindern des Pfarrers ein weißes Band ins Haar gebunden. Als Zeichen der Unschuld soll es ihnen emblematisch als Warnung dienen und sie vor Sünden schützen.

Rätselhafte Unfälle ereignen sich scheinbar zufällig: Eine Schnur wurde zwischen zwei Bäume gespannt, der Dorfarzt fällt bei seinem täglichen Ausritt darüber und verletzt sich schwer. Eine Holzdiele bricht ein, eine Arbeiterin stirbt. Der Sohn des Gutsherrn wird misshandelt. Eine Scheune brennt ab. Ein behinderter Junge wird brutal zusammengeschlagen, an einen Baum gefesselt und kopfüber aufgehängt. Die Verbrechen gleichen rituellen Bestrafungen. Doch neben dieser mysteriösen Ebene erzeugt die über der Dorfgemeinschaft lastende Stimmung, geprägt von Protestantismus und Bigotterie, Rechtschaffenheit und Scheinheiligkeit eine noch belastendere Atmosphäre. Das Leben im Dorf Eichwald gleicht einem hermetisch von der Außenwelt abgeschirmten Mikrokosmos. Der Film spielt im norddeutschen Flachland, die Charaktere sind jedoch so archetypisch, dass es jede beliebige deutsche Provinz sein könnte. Sonntags versammelt sich die Gemeinschaft zum Gottesdienst. In der Kirche wird gesungen, gebetet und einander beobachtet – ein Hort der sozialen Kontrolle.

Haneke zeichnet ein Gemälde einer streng protestantisch lebenden Dorfgemeinschaft am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Seine Erzählung mutet fast märchenhaft an. Auch durch einen allwissenden Erzähler, den ehemaligen Dorflehrer, der Jahrzehnte später zurückblickt und der Geschichte so einen Rahmen bietet.

In altmodischer schwarz-weißer Kontrastierung schafft Haneke dokumentarisch wirkende, archaische Bilder hoher Ästhetik wie das gleichmäßige Pflügen der Felder, die Ruhe und Friedlichkeit einer weißen Winterlandschaft oder die Stille der fallenden Schneeflocken. Allein schon dieser Bilder wegen lohnt der Film. Und er schafft Beklemmung. Ein Unbehagen, das noch lange nach dem Film anhält. Es sind die scheinbar alltäglichen Begebenheiten in einem Umfeld, in dem alles seine vorgegebene rechte und „gottgewollte Ordnung“ hat, die Angst machen und die leise Ahnung einer anrollenden Katastrophe, die sich Schritt für Schritt ankündigt.

Vielleicht ist es diese Vorahnung, vielleicht das Wissen um das Heranreifen fanatischer Jugendlicher, eifriger Denunzianten, die „Das weiße Band“ so großartig macht, denn Hanekes Zoom rückt so nahe an die möglichen Ursachen, dass es fast quälend ist. Auf diese Weise zeichnet er eine Charakterstudie der deutschen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Eingangs wird die schmucklose Tafel der Familie des Pfarrers gezeigt, das Zuspätkommen der Kinder mit Entzug des Abendbrots und dem Ausprügeln eines jeden bestraft. Ungleich perfider ist die Art und Weise, in der der Pfarrer seine Kinder beschuldigt: „Eure Mutter und ich werden heute keine gute Nacht haben, denn wir wissen, dass wir euch morgen sehr werden wehtun müssen.“

Vor dem Hintergrund dieses Klimas der Zucht und Ordnung verwundert es nicht, dass die Kinder zu bösartigen Geschöpfen heranwachsen. Sie sind es, die stets nach den Verbrechen wie kleine Geister mit moralischen Mienen auftauchen. Auf sie wird der Verdacht fortwährend gerichtet. Die Erklärung erscheint nur allzu plausibel: Wir werden bestraft, also strafen wir. Den deutschen Faschismus als unmittelbare Auswirkung dieser Erziehung zu sehen, erscheint gleichwohl eindimensional. Haneke begnügt sich denn auch mit Andeutungen und überlässt es dem intelligenten Zuschauer selbst, (Rück-)Schlüsse zu ziehen.

„Das weiße Band“, im Utopia.


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