SÖNKE WORTMANN: Viel Mittelalter-Piefigkeit

Die grobschlächtige Verfilmung des Bestsellers „Die Päpstin“ ist ein Reinfall.

Johanna Wokalek und David Wenham: Johannas Geliebter Graf Gerold wird zu ihrem väterlichen Beschützer.

Dem deutschen Film wird gerne vorgeworfen, dass er zurückhaltend sei und doch mal nach Hollywood blicken müsste. Ab und zu gelingt es einem deutschen Film eine gute europäische Großproduktion zu werden. Dabei sind enorme Summen leider keine Garantie für ein gutes Resultat. Von über 20 Millionen Euro ist die Rede, die die neueste Produktion des Filmverleihs Constantin „Die Päpstin“ verschlun-gen haben soll. Das würde diesen Film zu einer der teuersten deutschen Produktionen überhaupt machen. Die Dreharbeiten fanden in Sachsen-Anhalt, der Eifel und in Marokko statt. Pompöse Kulissen und Kostüme waren Teil der Ausstattung. Und doch ist das Ergebnis eher desaströs: Dem deutschen Regisseur Sönke Wortmann, der in den letzten Jahren vor allem durch seine Fußballfilme „Das Wunder von Bern“ und „Deutschland, ein Sommermärchen“ von sich reden machte, ist mit „Die Päpstin“ nicht mehr als ein naives, Klischee überladenes Leinwandspektakel konventioneller Machart gelungen.

An psychologischer Tiefe fehlt es diesem nach allen Regeln der Kunst ausgestatteten Historiendrama komplett. Dabei hätte die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Donna Woolfolk Cross eine differenzierte Herangehensweise angeboten. Sönke Wortmann jedoch hat die Geschichte eines antiklerikalen Verschwörungsromans – nach heutigem Standpunkt wird die Geschichte der ehrgeizigen Priestertochter, die es auf den Papstthron schaffte, als Legende eingestuft – mit dem Eifer eines Messdieners verfilmt.

Der Film erzählt die Geschichte eines Mädchens namens Johanna (Johanna Wokalek), das 814 in Sachsen als Tochter eines Dorfpriesters zur Welt kommt, wissbegierig ist und heimlich lesen und schreiben lernt. Hauptinhalt des Films ist das Aufbegehren gegen den brutalen Vater (Iain Glen), der mit dem Stock eine fundamentalistische Bibellektüre predigt. Nebenbei ist es die Geschichte der Revolte gegen ein finsteres Frauenbild, das weibliche Bildung mit Teufelswerk gleichsetzt. Verkleidet als Mann, landet Johanna unter dem Namen Bruder Johannes Angelicus im Benediktinerkloster in Fulda, wo sie sich Achtung als Heiler erwirbt. Doch als sie entdeckt zu werden droht, muss sie fliehen – nach Rom, wo sie zum Leibarzt des Papstes aufsteigt – und dessen Nachfolger wird.

Insgesamt ist „Die Päpstin“ die Geschichte einer Emanzipation, die von Sönke Wortmann auch auf emotionaler Ebene durchgespielt wird – schließlich verliebt sich Johanna in den Grafen Gerold (David Wenham), der zu ihrem väterlichen Beschützer wird.

Wortmann lässt sich viel Zeit für diese Vorgeschichte – Rom selbst bekommt man erst in der letzten Dreiviertelstunde zu sehen. Zwar erfüllt Johanna Wokalek ihre Rolle als Päpstin schauspielerisch recht gut – doch agieren fast alle Figuren wie Typen vom Reißbrett. Das auch, weil letztlich nicht klar wird, was den Regisseur überhaupt am Stoff interessiert: Geht es um das Wissen als Weg zur Befreiung? Religiöse Frauenfeindlichkeit? Oder Johannas Liebesgeschichte mit einem Ritter? Stattdessen gibt es die übliche Einordnung in Gut und Böse – Wortmann zeigt das 9. Jahrhundert wie man es sich vorstellt: Mit sorgfältig verdreckten Kindergesichtern, liebevoll modellierten Pestbeulen, finster grinsenden Klerikern und Jahrmärkten mit ekelhaften Wunderdingen. In einer anderen Szene wird durch eine Kerze ein Furz angezündet. Die Bilder sind zum Teil einfach zu penetrant inszeniert, alles wird erklärt, nichts bleibt der Fantasie überlassen. Und so will, trotz bombastischer Tonspur mit zirpenden Geigen, der Funke einfach nicht überspringen. Nicht einmal das Entertainement gelingt wirklich. Eher fühlt man sich auf einem Karnevalsball.

Zu sehen im Utopolis, Le Paris und Sura.


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