JACO VAN DORMAEL: Herr Flickenteppich

Es gibt Filme die man nicht versteht und solche die man nicht zu verstehen braucht. „Mr Nobody“ gehört in die zweite Kategorie.

Weiß nicht so richtig wer er ist: Mr Nemo Nobody (Jared Leto).

Eins ist sicher: Den Plot von „Mr Nobody“ kann man kaum in einem Artikel verraten. Weil es einfach keinen gibt. Nur so viel: Es geht um einen kleinen Jungen namens Nemo, der sich bei der Scheidung seiner Eltern nicht entscheiden kann mit wem er den Rest seines Lebens verbringen will. Also wählt er beide. Der Film arbeitet sich dann an allen möglichen Versionen von Nemos Leben ab, ohne aber irgendwie eine Logik, geschweige denn Spannung hineinzubringen.

Bleibt Nemo bei seiner Mutter, wird er von England in die Staaten ziehen und später ein Verhältnis mit seiner Stiefschwester Anna anfangen, die – wenn sich seine Mutter auch von deren Vater trennt – in die Brüche geht und Nemos komplettes Leben über den Haufen wirft – oder auch nicht. Denn in einer Version heiratet er die Frau seines Lebens, wird TV-Moderator für ein Wissenschaftsmagazin und stirbt bei einem Autounfall. Ein anderer Handlungsstrang zeigt Nemo der vor Sehnsucht nach Anna zugrunde geht und als manischer Obdachloser noch Jahre lang später am selben Leuchtturm auf das Phantom seiner Geliebten wartet.

Bleibt er stattdessen bei seinem Vater, erwartet ihn ein anderes, zum Teil noch härteres Schicksal. Der Vater – Wetterfrosch beim lokalen TV-Sender – erleidet einen Hirnschlag und muss vom Jugendlichen Nemo gepflegt werden. Von der Mutter hat er niemals mehr gehört. Er verliebt sich schlussendlich in die blonde, kühle Elise, die ihrerseits in einen älteren Typen verschossen ist. Die verschiedenen Möglichkeiten, die der Film für diesen Handlungsstrang durchspielt, gehen von einer depressiven Ehefrau und Mutter von drei Kindern die über Nacht abhaut, hin zu einem tödlichen Autounfall in den Flitterwochen. Aber aus dieser Version entwickelt sich dann noch ein dritter Strang in dem er weder Anna, noch Elise heiratet, sondern Jeanne, seine dritte Wahl – und auch die schwächste von allen Frauen.

Wer glaubt damit sei der Film erklärt, irrt. Regisseur Jaco van Dormael hat um das Ganze noch zwei bis drei Rahmengeschichten gezimmert, die den Zuschauer nur noch mehr verwirren. Eine davon spielt sich vor Nemos Geburt in einer Art kitschigen Limbus ab, in dem Einhörner und Engel herumschweben und die ungeborenen Kinder auf ihr irdisches Leben vorbereiten. Unter anderem sorgen die Engel dafür, dass die Ungeborenen ihr Allwissen verlieren. Nur bei Nemo vergessen sie diesen Schritt. Er ist also zu allem Überfluss auch noch Hellseher. Kein Wunder also, dass er sich nie entscheiden kann. Der andere Rahmen – der narrative von dem aus die Geschichte erzählt wird – spielt im Jahre 2092. Hier ist Nemo eine Sensation, der letzte Sterbliche der an Alter sterben wird. Denn die Menschen der Zukunft altern – dank ständiger Zellerneuerung – nicht mehr. Also gibt es in dieser Welt auch keine Liebe und keinen Sex mehr. Aber das ist eigentlich egal, denn diese wird sowieso verschwinden, wenn die Zeit – als vierte Dimension – sich zusammenziehen und sämtliche Paradigmen auf den Kopf stellen wird. Und dies geschieht um 5 Uhr 50, am 9. Februar des Jahres 2092 – Nemos Todestag.

Ein weiterer Teil der Story spielt auf dem Planeten Mars, aber darüber zu berichten erübrigt sich. Denn das Eigentliche an diesem Film ist nicht so sehr seine Überladenheit die den Zuschauer zwar nervt, aber – hätte der Film Logik und Tiefgang – verzeihbar wäre. Das wirklich Schlimme sind die eigenwilligen und zweifelhaften philosophischen Grundlagen die „Mr Nobody“ zu vermitteln versucht: Erstens geht er von der Existenz eines Limbus der Ungeborenen aus, was eine mehr als katholische Idee ist und eigentlich nicht in einen Film mit philosophischen Ansprüchen gehört. Und zweitens ist es wohl recht interessant wie der Film versucht, die verschiedenen Versionen eines Menschenlebens durchzuspielen, diese aber auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und schlussendlich auf Sex zu reduzieren, ist wenig glaubhaft und doch sehr vereinfachend. Vögeln ist schließlich nicht das Einzige was der Mensch kann.

Fazit: Eigentlich ein zutiefst europäischer Film – was sonst könnte eine franko-belgo-deutsch-kanadische Ko-Produktion eines flämischen Regisseurs mit amerikanischen Schauspielern auch sein? – und somit ein wahrer Flickenteppich mit sehr guten Ideen, die sich leider gegenseitig im Keim ersticken. Wahrer Tiefgang im Science-Fiction-Kino sollte man doch lieber bei Altmeistern wie Kubrick oder Tarkovsky suchen.

„Mr Nobody“, im Utopia.


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