MARTIN SCORSESE: Die Insel des Dr. Scorsese

„Shutter Island“ – die vierte gelungene Zusammenarbeit des Großmeisters des amerikanischen Films und des Nicht-mehr-ganz-so-Jungstars Leonardo DiCaprio gefiel schon bei der Weltpremiere in Berlin und soll nun das große Publikum überzeugen.

Sich selbst auf der Spur : Leonardo DiCaprio und Mark Ruffalo in „Shutter Island“.

Die Staaten in der Nachkriegszeit : Marshal Teddy Daniels (DiCaprio) und sein Partner Chuck Aule (Mark Ruffalo) sind auf dem Weg nach Shutter Island, einer Art Alcatraz für psychisch gestörte Kriminelle. Das Ashecliffe Hospital auf der Insel ist eine Mischung aus Klinik und Hochsicherheitstrakt, in dem die Insassen zwischen Festungsmauern und bewaffneten Wachleuten mehr oder minder Freigang haben. Der Anstaltsleiter Dr. Cawley (Ben Kingsley) hat eine für die 50er Jahre eher avantgardistische Auffassung der Psychiatrie und will diese Menschen als Kranke behandeln, die ein klinisch- therapeutisches Umfeld brauchen und keine Elektroschocks oder Schläge. Die Marshals Daniels und Cole sind nun auf Shutter Island beordert worden, um den Fall einer verschwundenen Patientin zu untersuchen. Das Mysteriöse: Sie ist aus einer abgeschlossenen Zelle verschwunden. Dr. Cawley und sein Personal geben sich hilfsbereit, machen jedoch von Anfang an deutlich, dass auf dieser Insel eigene Regeln gelten, denen sich jeder zu fügen hat, auch Bundesbeamte. Dann ist da noch der berüchtigte Block C, zu dem fast niemand Zugang hat und der wohl so manch ein Geheimnis birgt. Teddy Daniels hatte schon länger Shutter Island im Auge, denn er hegt einen hochbrisanten Verdacht gegenüber der Institution Ashecliffe : CIA- Verstrickungen und geheime Psycho-Versuche an Menschen inklusive. Ob der versehrte Anti-Held dem Kampf gewachsen sein wird?

Denn der scheinbar toughe Ermittler scheint nicht so seefest zu sein. Der Film beginnt auch bezeichnenderweise mit Daniels, der sich auf der Fähre zur Insel die Seele aus dem Leib kotzt. Er ist in vielerlei Hinsicht der klassische „hard-boiled“ Detektiv: Im Auftreten abgebrüht und rau aber im Inneren eine verletzte, leidende Seele, die von vielen Geistern geplagt ist. Er fühlt sich schuldig am Tod seiner Frau, die bei einem Wohnungsbrand ums Leben kam. Auch haben seine Kriegserlebnisse tiefe Narben hinterlassen: Als Soldat im Zweiten Weltkrieg war Daniels bei der Befreiung von Dachau dabei – so haben geschlossene Anstalten eine sehr zwiespältige Wirkung auf ihn. Als hätte die Insel einen inneren Damm gebrochen, wird Daniels mit verstörenden Träumen konfrontiert. Scorsese scheut sich nicht diese Traumsequenzen gewollt überzeichnet zu inszenieren mit emotionaler Musik, hoch aufgelösten Farben – im Gegensatz zu dem allgemein vorherrschenden grobkörnigen Ton der Haupthandlung – und einer gewissen Ähnlichkeit zu David Lynchs Bildern. Leonardo DiCaprio kriegt seinen Daniels recht überzeugend hin – er liefert nicht unbedingt eine Jahrhundert-Leistung, es gelingt ihm aber eine glaubhaft zerrissene Person darzustellen.

Zwischen Wirklichkeit und Traum, Klarsicht und Wahn ist viel Raum, den Scorsese ausnutzt, um die Wahrnehmung des Zuschauers herauszufordern. Psychiatrische Abgründe, Mysterien und Geister, gewagte inszenierte Traumsequenzen, Dachau – der Film birgt enorm viele Tretminen, an denen auch so manch routinierter Regisseur scheitern könnte. Doch Scorsese schafft es, die Fäden seines Plots zusammenzuhalten und liefert einen meisterlich inszenierten Film ab, der bis zur sprichwörtlich letzten Minute, die Spannung halten kann.

Im Utopolis.


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