GREENPEACE: Einkalkuliertes Risiko

Hat, wer für Robbenbabys spendete, sein Geld am Ende dem Esso-Konzern in den Rachen geschmissen ? Greenpeace-Direktor Paul Delaunois sieht das nicht so.

Fast hunderttausend Euro muss die Umweltorganisation Greenpeace laut einem Urteil von vergangener Woche an den Esso-Konzern und 22 Tankstellenbetreiber zahlen. Da die NGO nicht in Berufung gehen will, dürfte dies der letzte Akt in einem juristischen Drama sein, das im Oktober 2002 mit einer spektakulären Aktion begann. Damals hatten 600 internationale Greenpeace-MilitantInnen es fertiggebracht, sämtliche Esso-Tankstellen in Luxemburg einen Tag lang zu blockieren. Ziel der Aktion war es, die Öffentlichkeit auf den bedrohlichen Einfluss aufmerksam zu machen, den der Ölkonzern insbesondere auf die Klimapolitik der Bush-Regierung und deren Entscheidung ausübte, das Kyoto-Abkommen nicht zu unterzeichnen.

Acht Jahre später kommt Greenpeace Luxemburg diese Aktion, die Teil einer internationalen Anti-Esso-Kampagne war, teuer zu stehen. „Dieses Risiko war uns seit 2002 bekannt. Wir haben für diesen Fall Geld zur Seite gelegt“, erläutert Greenpeace-Direktor Paul Delaunois gegenüber der woxx. In der Tat hatte 2003 der damalige Direktor Pascal Husting Zahlungsverpflichtungen von bis zu 300.000 Euro ins Auge gefasst – was substanzielle Konsequenzen für die Arbeit der NGO gehabt hätte. Die jetzt vom Gericht auferlegte Summe macht „nur“ etwa 13 Prozent des Jahresbudgets aus – und, das versichert die NGO, hat keine Konsequenzen für ihre Aktivitäten.

„Mehr als jeder zehnte gespendete Euro landet also in der Kasse von Rockefellers Exxonmobile. Krass“, liest man in den Leserkommentaren auf „wort.lu“. Ist es nicht hochproblematisch, wenn Spendengelder für Robbenbabys oder Klimaschutz nun in den Taschen des „Klimafeinds Nummer 1“ landen? Für Delaunois ist dies eine Frage der Sichtweise. „Wir sind eine Kampagnen-Organisation. Die Spenden finanzieren an erster Stelle unsere Kampagnen, ob zum Schutz der Walfische, der Regenwälder oder des Klimas.“ Das gebe der Organisation eine große Unabhängigkeit und ermögliche es ihr, sich mit sehr mächtigen Interessen anzulegen. „Aber solche Aktionen sind verbunden mit Risiken und manchmal – wie in diesem Fall – mit Kosten.“

Ein bisschen enttäuscht ist Delaunois über das Urteil aber doch. Er verweist auf den Freispruch von Greenpeace-MilitantInnen, die den Schornstein eines Kohlekraftwerks in Kent besetzt hatten. Das britische Gericht hielt eine solche Aktion angesichts des drohenden Klimawandels für angemessen (siehe woxx 972). Im Luxemburger Fall ist allerdings zu berücksichtigen, dass der ursprüngliche Schuldspruch im Jahre 2003 erging. „Damals war es für den Richter vielleicht nicht so einfach, den Zusammenhang zwischen dem Esso-Lobbying und der weltweiten Bedrohung durch die Erderwärmung zu erkennen“, räumt der Greenpeace-Direktor ein.

Gelernt habe man, dass man noch überzeugender kommunizieren müsse, so Delaunois. Die Aktion an sich sei aber richtig gewesen: „Die Folgen des Esso-Lobbyings von damals haben sogar noch einen Anteil am Scheitern des jüngsten Klimagipfels gehabt. Wenn Greenpeace morgen einen großen Konzern in einer so wichtigen Frage angreift, werden wir wieder unsere Rolle übernehmen.“ Paul Delaunois erinnert an die Prinzipien der spektakulären Aktionen, die Greenpeace berühmt gemacht haben: „Direkt, konfrontativ, gewaltlos, … aber nicht ohne Risiko.“


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