TIERSCHUTZ: Fortgeschrittene Fäulnis

von | 16.08.2002

Seit Jahren schwelt in der Ösling-Gemeinde Binsfeld ein Streit um Tierquälerei: Der beschuldigte Bauer sieht sich als Opfer einer Verschwörung, während die TierschützerInnen das zuständige Gericht der Untätigkeit bezichtigen.

Der starke Leichengeruch stieg Armand Diederich bereits in die Nase, als er die AutotĂĽr öffnete. Wieder einmal war der Veterinärinspektor nach Binsfeld gerufen worden, um auf dem Hof des Bauern K. nach dem Rechten zu schauen. Und wieder bestätigte sich sein Verdacht: Im Stall lagen drei tote Rinder. Drei bis vier Wochen mussten sie dort schon gelegen haben, vermutet Diederich und fĂĽgt hinzu: „Der Fäulnisprozess war weit fortgeschritten. Die Tiere waren fast nur noch Haut und Knochen.“

Der Fall hat eine Vorgeschichte, die exemplarisch den Niedergang eines Bauernhofs zeigt, und wie hilflos die Luxemburger Justiz auf jahrelange Tierquälerei reagierte. Denn es war nicht zum ersten Mal, dass der landwirtschaftliche Betrieb in der Ösling-Gemeinde negativ aufgefallen war.

Dabei galt K.’s Hof vor mehr als zehn Jahren noch als Musterbetrieb. Selbst die SchĂĽler der Agrarschule kamen zur Exkursion auf seinen Bauernhof. „Meine KĂĽhe gaben Milch bester Qualität“, sagt der heute 53-Jährige. Doch nach dem Tod seiner Mutter brach fĂĽr den Bauer eine ganze Welt zusammen. Fortan fĂĽhrte er den Hof allein. Ohne Hilfe machte er weiter, selbst in den fĂĽr die Landwirtschaft schwierigen Zeiten.

Die Beschwerden ĂĽber angebliche Tierquälereien und fehlende Hygiene auf dem Hof häuften sich unterdessen. K.’s Nachbarn beklagten sich, der Bauer wĂĽrde sich nicht mehr um seine Rinder kĂĽmmern – vorneweg Jean Schu-Thill, der mit seiner Frau als Mieter in K.’s Haus wohnt. „Wir konnten nicht einmal mehr die Fenster öffnen, geschweige denn in den Garten gehen“, sagt er ĂĽber den Gestank, der von den Tierkadavern ausging.

Der Bauer habe ziemlich gleichgĂĽltig reagiert, schildert einer der Zollbeamten, die auf den Hof kamen und dort nach eigenen Worten ein „wahres Desaster“ vorfanden. Veterinärinspektor Diederich reichte es jedenfalls, zum wiederholten Mal verendete Tiere auf K.’s Hof gefunden zu haben, die der Bauer noch nach Tagen nicht beseitigt hatte. Daraufhin wurde die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Nicht nur wegen der Kadaver, auch die noch lebenden Tiere waren in einem erbärmlichen Zustand, bestätigt Staatsanwältin Paulette Klein. „Viele von ihnen waren abgemagert und hatten ein struppiges Fell, einige von ihnen litten unter GelenkentzĂĽndungen und lahmten“, schildert der Veterinärinspektor die Zustände im Stall.

Bereits drei Mal habe K. wegen Tierquälerei und mangelnder Hygiene im Umgang mit Tierkadavern vor Gericht gestanden. „Einmal verbrannte er ein Rind“, empört sich sein Nachbar. Doch der Bauer kam immer mit einer Geldstrafe davon. Im zweiten und dritten Verfahren wurden zwar Tierhaltungsverbote verhängt. Doch das Luxemburger Berufungsgericht hatte das Urteil wieder zurĂĽckgenommen: Man könne dem Bauern doch nicht seine Lebensgrundlage entziehen, hieĂź es.

K. sieht sich inzwischen als Opfer eines Komplotts. Sein Nachbar habe in seinen Stallungen herumspioniert und Fotos gemacht, während er drauĂźen auf der Weide war. Und auch der Veterinärinspektor habe es auf ihn abgesehen. „Der will mich kaputt machen“, sagt er. Also doch nur eine Verschwörung gegen einen arglosen Landwirt?

FĂĽr jeden einzelnen Fall hat K. eine Erklärung parat. Zuletzt sei ihm der Traktor kaputt gegangen, und weil er allein arbeite, hätte er sich nicht um die toten Tiere kĂĽmmern können. Zudem hätten sie allerhöchstens eine Woche herumgelegen. „Die Tiere waren eingegangen, nachdem sie frisches Heu gefressen hatten“, erklärt K. Sie seien verhungert, sagen andere. Weshalb der Bauer die toten Rinder nicht gleich zur Abdeckerei bringen lieĂź? Der Abholservice sei schlieĂźlich gratis, betont Diederich.

Inzwischen ist der Fall unter Mithilfe der „Association luxembourgeoise pour la protection des animaux“ (ALPA) an die Luxemburger Ă–ffentlichkeit gekommen. RTL-Reporter Marc Thoma machte sich mit einem Kamerateam auf den Weg nach Binsfeld und berichtete fĂĽrs Fernsehen. Die Medien haben ihren Tierskandal, und die ALPA endlich die Gelegenheit, um auf die „Tierquälereien im Ă–sling“ aufmerksam zu machen.

Dass das Fernsehteam ohne seine Erlaubnis gedreht habe, sei eine „ungeheure Frechheit“, empört sich K., der seine Verschwörungstheorie ein weiteres Mal bestätigt sieht. Die Fotos, die in der Presse erschienen, seien zudem Fotomontagen. In der Tat hatte sich Thoma nicht um eine Drehgenehmigung gekĂĽmmert, geschweige denn die Meinung des betroffenen Bauern eingeholt. „Wieso auch“, erklärt Thoma und zieht einen ĂĽberraschenden Vergleich: „Einen Mörder fragt man ja auch nicht, weshalb er den Mord begangen hat.“ Nach Thomas Worten offenbare der Fall zudem die Kluft zwischen den einheimischen Binsfeldern und den Zugezogenen. Die einen stellten sich eher hinter den Bauern, der zudem im Gemeinderat sitzt, die anderen regten sich ĂĽber die Vorkommnisse auf dessen Hof auf.

Unterdessen läuft die ALPA Sturm gegen die Justiz. „Diese Gegebenheiten sprechen jeglicher Menschlichkeit Hohn“, entrĂĽstet sich Anny Eck-Hieff. Die ALPA-Präsidentin kritisiert, „dass das Gericht in Diekirch unsere Anzeigen schlimmster Tierquälereien seit Jahren nicht ahndet“. Ihr Generalangriff gilt dabei sowohl der Staatsanwaltschaft als auch dem Gericht. Zu lange habe man den Ă–sling-Bauern schalten und walten lassen. Dass die Tierhaltungsverbote kassiert worden seien, sei ein gravierender Fehler gewesen.

Staatsanwalt Jean Bour weist die Anschuldigungen zurĂĽck: Wieder einmal seien die StaatsanwältInnen „die Buhmänner“.

FĂĽr K. könnte der jĂĽngste Fall das endgĂĽltige Aus bedeuten. Wenn ihm das Recht entzogen wird, Tiere zu halten, dĂĽrfte sein landwirtschaftlicher Betrieb am Ende sein. „Ich verkaufe die Tiere“, kĂĽndigt er resigniert an. Doch wie geht es weiter fĂĽr den 53-jährigen Bauern, der sich als Opfer sieht? Er werde sich eine andere Arbeit suchen, so K., der auf seinem Standpunkt beharrt: Nie habe er sich etwas zuschulden kommen lassen.

Stefan Kunzmann

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