ABBAS KIAROSTAMI: Langatmige Kopien

Der erste Film des iranischen Großmeisters Abbas Kiarostami (Le goût de la cerise, Shirin), der außerhalb seines Heimatlandes spielt, erzählt nur auf den ersten Blick die einfache Geschichte einer Begegnung zweier Menschen in der Toskana.

Will doch nur eine warme, starke Schulter: Juliette Binoche in „Copie Conforme“.

Copie conforme will die Grenzen der Realität und der Fiktion ausloten, die sogenannte Wahrheit in Frage stellen. Das Resultat ist jedoch, trotz ausgezeichneter Darbietungen der Darsteller, langatmig und teilweise bemüht.

James Miller (William Shimell), englischer Autor und Kunstexperte, ist mit einer Antiquitätenhändlerin (Juliette Binoche) zu einem Gespräch verabredet. Sie machen einen Ausflug von Arezzo nach Lucignano. Anfangs kreisen die Gespräche noch um Millers Buch – die Legitimation von Kunstkopien als ebenbürtige Symbole des Schönen, die durch den Betrachter zum Besonderen erhoben werden. Sie diskutieren : Er intellektuell und immer „very british“ korrekt, sie eher spontan und frech. Die Gespräche erhalten mitunter sehr persönliche Züge, da – die namenlose von Binoche gespielte Frau – gerne Beispiele aus ihrem Leben als Quelle nimmt. Interessant ist hier, wie im Zuschauer eine Erwartungshaltung geschaffen wird, nämlich dass sich eine Romanze zwischen den beiden anbahnen muss, die alsbald gebrochen wird. Denn der Film nimmt eine Wendung, die an Narrationsbrüche à la David Lynch erinnert.

In einem kleinen Café werden die beiden von der Bardame für ein Ehepaar gehalten. Daraufhin scheinen sie sich nun einem Rollenspiel hinzugeben und inszenieren sich als Ehepaar, das seine besten Jahre hinter sich hat und die eingerostete Liebe durch die Rekonstruktion ihrer Hochzeitsreise im pittoresken Lucignano auffrischen will. Vielleicht ist es aber auch ganz anders und das Vorherige war gespielt. Die Wahrheit liegt selbstverständlich im Auge des Betrachters. Das klingt nicht nur kompliziert, es wirkt leider auch sehr bemüht und konstruiert. Denn, obwohl hier postmoderne Realitätskritik betrieben wird, driftet der Film in ein doch langatmiges Beziehungsdrama. Man erfährt, dass sie eigentlich nur ihren Kopf auf seine starken Schulter legen möchte. Er sieht aber nicht mal, dass sie sich extra für ihn schön gemacht hat. Sie will ein romantisches Essen mit ihm, er beschwert sich über den Wein.

Gutmütige Kritiker sehen in den „typischen“ Streitereien eine gewollte Überspitzung. Doch leider verliert sich der Zuschauer in den leeren Sätzen – seien sie auch intentional „falsch“ – und fühlt sich ganz wahrhaftig gelangweilt. Man kann sich nun über die Absichten des Regisseurs und Drehbuchautors Kiarostami streiten. Er ist immerhin ein Meister seines Fachs, ein Virtuose, dessen Werk sich gewiss nicht leicht erschließen lässt. Es ist ebenfalls nachvollziehbar, dass Juliette Binoche in Cannes für ihre schauspielerische Leistung ausgezeichnet wurde. Und es ist nicht zu bestreiten, dass sie diese seltsame Rolle sehr intensiv spielt. Man schaut mit Bewunderung zu, wie sie immer wieder ihre natürliche Sanftheit durch einen gewissen neurotischen Schlag bricht.

Bei allen Beanstandungen ist es nichtsdestotrotz empörend, dass dieser Film im Iran nicht gezeigt werden darf, offiziell auf Grund der „Art der Kleidung“ von Madame Binoche. Abbas Kiarostamis regimekritische Haltung und das öffentliche Engagement des Regisseurs für die Freilassung seines Landmanns und Kollegen Jafar Panahi, der monatelang in Teheran wegen vermeintlich regimekritischer Filmarbeit inhaftiert war und deswegen in Cannes seinen Jurorposten nicht antreten durfte, dürfte wohl eher ausschlaggebend gewesen sein für dieses Verbot.

Im Utopolis.


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