TANZ: Ringen um Selbstbestimmung

„The Job“ bringt professionelle TänzerInnen Seite an Seite mit in Luxemburg lebenden Arbeitsuchenden zusammen. Ziel ist es, ihnen neue Perspektiven zu eröffnen und ihre gesellschaftliche Wahrnehmung zu verändern.

Den alltäglichen Demütigungen tanzend begegnen: Arbeitssuche mal anders.

Arbeitslosigkeit ist ein demütigender Zustand. Neben den stetigen Gängen zum Arbeitsamt, bei denen man seine missliche Situation einem Sachbearbeiter schildern und regelmäßig Nachweise über seine Anstrengungen erbringen muss, gilt es die Monotonie des Alltags, das Zweifeln an seinen Fähigkeiten und das Verzweifeln an einer ausweglos erscheinenden Situation zu bewältigen. Wo man fortwährend gegen verschlossene Türen stößt, kommt jede Absage einem Hieb gleich, nach dem es wieder aufzustehen und neuen Mut zu fassen gilt.

Wie dieses Aufstehen funktionieren kann, zeigt das interdisziplinäre Tanzprojekt „The Job“ auf nachdrückliche Weise. Die Zuschauer werden Zeugen eines energischen Kampfes um Selbstbestimmung. In der von Emanuela Lacopini zusammen mit Rajivan Ayyapan entworfenen Choreographie wird Außenstehenden oder vielmehr den fest im (Berufs-)Leben Stehenden in würdevoller Weise die Situation der Arbeitssuche nahe gebracht. So stehen fünf sich windende und arbeitsuchende TänzerInnen ihren jeweiligen Sachbearbeitern gegenüber, erklären sich, gestikulieren, ringen um ihre Zukunft – jede(r) auf seine Art. Während der Proben ist Emanuela Lacopini, mit den tänzerischen Abläufen auf die Bewegungen jedes einzelnen ihrer Tänzer individuell eingegangen und hat dabei ausgelotet, was am besten zu ihnen passt. Assistiert hat ihr dabei die Choreografin Julie Barthélémy.

„The Job“ ist Bestandteil einer Tanz und Theater-Trilogie, welche die Direktorin des Mierscher Kulturhauses, Karin Kremer, vor drei Jahren ins Leben gerufen hat. Bei dem Projekt ging es darum, soziale und kulturelle Projekte in Zusammenarbeit mit professionellen Künstlern auf die Beine zu stellen. Nach „Mischa…der Fall“ (2008) mit dem CHNP Ettelbrück im Jahr 2007 und „blanContact“, einem Tanzprojekt mit körperlich Behinderten (2009) schließt „The Job“ diese Trilogie ab. Die Idee eines Tanzprojekts mit Arbeitssuchenden hat offenbar Schule gemacht. Eine Choreographie von Armand Gatti mit 90 Arbeitslosen wurde bereits in Straßburg aufgeführt. Kremer hat sich hiervon inspirieren lassen.

An dem mit Gesang und Fotografie kombinierten Luxemburger Tanzprojekt nehmen sowohl professionelle TänzerInnen als auch zehn Personen zwischen 20 und 50 Jahren teil, die bei der Adem arbeitslos gemeldet sind. Nach einem aufwändigen Auswahlverfahren bei dem zunächst Improvisationstalent, Bühnenpräsenz, Ausstrahlung, Rhythmusgefühl, aber auch Disziplin, Verantwortungsbereitschaft, Ausdauer und Anpassungsbereitschaft getestet wurden, wurden von 50 BewerberInnen schließlich zehn ausgewählt. Die unterschiedlichen Charaktere bilden einen repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft. Da ist die in Kommunikationswissenschaften diplomierte 39-jährige Natalie, die in Deutschland geborene Renate oder die 34-jährige, aus Kamerun stammende Schriftstellerin Arlette. Das Stück ist damit nicht nur hinsichtlich des Alters und der unterschiedlichen Berufsprofile der TänzerInnen ein Spiegelbild Luxemburgs. Vier Monate lang haben die TeilnehmerInnen halbtags für das Stück geprobt. Eine Zeitspanne, in der vieles um ihren Körper und dessen Bewegungen kreiste und am Ende des Tages eine Erschöpfung stand, die nicht dem psychischen Stress um die Arbeitssuche, sondern der physischen Anstrengung geschuldet war.

In der etwa einstündigen Choreographie wechseln sich traurige mit hoffnungsvollen Passagen ab, disharmonische Akkordeonklänge verstärken zuweilen die beklemmende Atmosphäre. Die musikalische Begleitung zum Stück hat der Komponist Camille Kerger eigens für das Projekt kreiert.

„The Job“ ist damit keine bloße Unterhaltung, sondern in mehrfacher Hinsicht Erkenntnis bringend: Zum einen wird das Stück den betroffenen Individuen gerecht und verschafft ihnen neue, möglicherweise zukunftsweisende Erfahrungen, zum anderen wird das Klischee des bequemen Arbeitslosen aufgebrochen. Das Tanzprojekt eröffnet einen neuen vorurteilsfreien Blick auf Arbeitsuchende. Was am Ende bleibt, sind Menschen, die ihrer Verzweiflung und ihren Träumen in kreativer Weise tänzerisch Ausdruck verleihen und durch den Tanz und das Überschreiten der eigenen körperlichen Grenzen neuen Mut schöpfen.

Premiere am 30. Juni um 20 Uhr im Mierscher Kulturhaus.


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