MEDIEN: Die Genetik des Hypes

Thilo Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ ist zwar nicht das Papier wert, auf dem er gedruckt wurde, trotzdem sollte man dem irren Bundesbanker dankbar sein – für die Lektion in Sachen Macht medialer Mechanismen.

Es scheint wieder in zu sein: Um von den Problemen der Wirtschaft und Skandalen in der Politik abzulenken, wird einfach eine Minderheit aus der Schublade geholt und medial weichgeprügelt bis es nur so spritzt. Was für Frankreich die Roma und Sinti sind, sind in Deutschland die Muslime. Zwar ist noch keiner der mediengeilen französischen „Philosophen“ auf die Idee gekommen, die Roma und Sinti als genetisch minderwertig abzustempeln, aber was noch nicht ist, kann ja noch werden.

Das Faszinierende am Phänomen Thilo Sarrazin ist die einmalige Kombination aus abgrundtiefer Dummheit seiner Thesen einerseits und genialer Strategie, mit der er seine braune Brühe an den kleinen Mann bringt. Denn es gibt bei seinen Thesen überhaupt nichts Neues, keine weltbewegenden Erkenntnisse sind im Bestseller enthalten. Sogar, dass Sarrazin spinnt, ist nicht neu: vor einem Jahr hat er es in einem Interview im Magazin „Lettre International“ eindrucksvoll bewiesen, indem er gegen „Kopftuchmädchen“ stänkerte.

Dass seine Aussagen ein breites Echo in der Boulevardpresse fanden und immer noch finden werden, sollte keinen verwundern. Die Leitlinien solcher Publikationen richten sich immer nach den niedrigsten Instinkten der Menschen, die sie kaufen sollen. An sich ein Teufelskreis: Das Boulevardblatt – das sich verkaufen muss, im wahrsten Sinne des Wortes – senkt also kontinuierlich sein Niveau und damit auch das seiner Leser, deren Niveau mit dem „ihrer“ Zeitung mitsinkt. Das Skandalöse am Fall Sarrazin ist, dass sich auch „seriöse“ Medien mit seinem Buch beschäftigen – wie der Hamburger „Spiegel“ an vorderster Front bewies.

Nun ist es eigentlich egal, ob diese Presse die Sarrazin-Thesen gutheißt oder verdammt, es reicht, dass sie ihn für voll nehmen und der Schaden ist angerichtet. Das Argument, man müsse darüber sprechen, denn schließlich sei der Mann im Bundesbankvorstand und SPD-Politiker ist ein Schuss in den Ofen. Denn: Wenn es reicht irgendwelche öffentlichen Ämter innezuhaben, um die Selbstkontrolle der Presse auszuschalten, dann leben wir wahrhaft in gefährlichen Zeiten.

Nur so kann es dazu kommen, dass ganz Deutschland im Jahre 2010 wieder ernsthaft über Thesen debattiert, die eigentlich seit Kriegsende keiner Diskussion mehr würdig sein sollten, ja, die eigentlich tabu sein sollten. Hätte man Sarrazin ignoriert oder wenigstens für irre erklärt – der Schaden, den das Land genommen hat, wäre größtenteils abgewendet worden. Denn auch die Integrationsdebatte kommt durch solch groben Unfug keinen Schritt weiter: Sarrazin klagt nur an, nimmt die deutsche Gesellschaft – mittels seiner genetischen „Thesen“ – aus der Verantwortung und präsentiert keine Lösungsansätze. An sich produziert er lediglich populistischen Fatalismus.

Aber dies geht in der medialen Machinerie, die Sarrazin in Gang gesetzt hat, komplett unter. Diese Diskursmaschine funktioniert eben nur, wenn sie sich um sich selbst drehen kann. Sarrazin hat sie angestoßen. Frei nach dem Motto: Ich sage die Wahrheit, mir ist nichts peinlich. Peinlich sollte es freilich nur denjenigen sein, die blöd genug waren, Sarrazin auf den Leim zu gehen. Denn die einzigen richtigen Gewinner bei der Sache sind Sarrazins Verlag und die rechten Stammtisch-Philosophen.


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