THEATER: Abgeklärt

Etwas fällt zu Boden und zerbricht. Eine Schale. Eine Beziehung. Ein ganzes Leben… „Zerbrochen“, geht dem Phänomen Gewalt gegen Frauen auf den Grund.

Wie kommt es dazu, dass Frauen sich im Alltag erniedrigen lassen, dass sie sich von ihrem Partner bevormunden, manipulieren, anbrüllen und schlagen lassen? Wie kommt es, dass sie nicht aufschreien, sondern sich im Gegenteil sogar schämen, sich zurückziehen, sich nahezu willig im Alltag erniedrigen lassen?

Die Inszenierung „Zerbrochen“ im Kasemattentheater versucht diesen Fragen auf nüchterne Art auf die Spur zu kommen. Ausgehend von dem Stück „Die zerbrochene Schale“ der finnischen Autorin Merja Repo hat Carole Lorang das Stück mit Textauszügen von Kafka, Gottfried Benn und Heiner Müller angereichert und um wissenschaftliche Texte ausgebaut. Entstanden ist eine bunte Textcollage, ein ständiger Wechsel zwischen subjektiver und objektiver Ebene. Distanziert und kühl berichten die beiden Frauen in dem Zwei-Personen-Stück in einer brutalen Sprache vom Erfahren der Hilflosigkeit und dem langsamen Verlieren ihres Selbstwertgefühls: „Er schälte mich Haut für Haut. Er schnitt mich in Stücke und verschwand bis ich nicht mehr wusste, wer ich war.“

Alles beginnt damit, dass eine Frau einer anderen das Herz herausoperieren will. „Soll ich Ihnen helfen?“ – „Warten Sie. Ich nehme ein Taschenmesser und schneide es Ihnen heraus“, bietet die eine der anderen an. Das Herz herauszuschneiden scheint angesichts der Realität von ständiger Erniedrigung im Alltag die einzige Lösung. Doch ihr Herz ist aus Stein, so wird sich am Ende des Stückes herausstellen. Oder ist es erst durch das erfahrene Leid zu Stein geworden?

Klinisch mutet das Bühnenbild an: Ein breiter, weißer Schreibtisch, eine weiße Tafel, die mit minzgrünem Licht überflutet wird, zwei Frauen in weißen Kitteln. Hinter dem Tisch sitzen beide und berichten wissenschaftlich-sachlich von ihrer Erniedrigung. Dabei sind die Monologe der beiden Schauspielerinnen erschütternd „Mein Mann hat beschlossen, mich zu vernichten“ heißt es etwa oder „Der Aufwand war so groß sie klein zu kriegen, dass, wenn sie ausbricht, sein Lebenswerk zerstört ist.“

Sechzehn Phasen künden vom langsamen Prozess der Selbstaufgabe, Geschichten, die die beiden Schauspielerinnen Tammy Reichling und Sascha Ley abgeklärt vortragen, als handele es sich um einen wissenschaftlichen Vortrag. Die Phasen spiegeln den Prozess wider, wie die Lähmung durch Hilflosigkeit oder die Erziehungsmechanismen des Partners. Mithin schimmert so etwas wie Glück durch, ein kurzweiliges Aufflackern von Hoffnung. Es folgt sexuelle Erniedrigung, der Beschluss, den Partner vor sich selbst zu schützen, immer wieder das Erleiden von körperlicher Gewalt und schließlich, einem Befreiungsschlag gleich, die Verzweiflungstat.

Wenngleich Tammy Reichling nicht überzeugt, gelingt es zumindest Sascha Ley, ihre Rolle als betroffene Hausfrau souverän zu spielen. Ihr nimmt man die „Maske“, unter der sich die Verletzte verbirgt, ab. Dennoch bleiben angesichts der Inszenierung einer ernsten und brutalen Thematik Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Erzählten. Das Publikum glaubt den Frauen ihre Geschichten als Erniedrigte und die Opferrolle, die sie emotionslos und abgeklärt verkörpern, nur bedingt.

„Kein Betroffenheitstheater“ habe Carole Lorang, die die szenische Gestaltung und Textbearbeitung vorgenommen hat, machen wollen. Vielmehr habe sie dem Publikum einen Perspektivenwechsel ermöglichen wollen, um es an das Thema „häusliche Gewalt“ heranzuführen. Gerade bei diesem Thema hätte man sich jedoch einen emotionaleren Zugang gewünscht; eine Umsetzung, die hässliche Szenen der Gewalt zeigt und aufrüttelt. So wird es manchen ZuschauerInnen ergehen, wie beim Lesen einer Reportage: Schnell klappt man das Heft wieder zu, schnell vergessen sind auch die Bilder.

„Zerbrochen“, im Rahmen des Projekts „femmes/violonces“, noch am 8. und 9. Oktober sowie am 13., 14., 15. und 19. Oktober um 20h im Kasemattentheater.


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