THEATER: Schlagende Verbindung

Am 16. Dezember hat „Pegel der Gerechtigkeit“, das neue Stück von Nico Helminger Premiere in der Kulturfabrik. Die woxx unterhielt sich im Voraus mit der Regisseurin Natalie Ortner und Schauspieler Martin Engler.

Von ihrer Arbeit ganz gefesselt: Für Natalie Ortner ist „Pegel der Gerechtigkeit“ die erste unabhängige Regiearbeit.

Es ist lausig kalt an diesem verschneiten Mittwochmorgen in der Escher Kulturfabrik. Im Hof türmen sich vereinzelt Häufchen vereisten Schnees und im Theaterprobesaal der Kufa, „Graues Lino“ genannt, ist die Temperatur kaum höher als vor der Tür. Deshalb kauern Regisseurin Natalie Ortner und Schauspieler Martin Engler eng zusammen auf einer Sitzbank die ihrerseits beidseitig eingekeilt ist zwischen Holzpaneelen: das Bühnenbild für „Pegel der Gerechtigkeit“.

Hier soll das neueste Stück des luxemburgischen Autors Nico Helminger in den nächsten Wochen Gestalt annehmen. Dass die Theaterleute noch ziemlich am Anfang des Prozesses stehen, den bisher unveröffentlichten Text aufführbar zu machen, kann man ihren noch etwas konfusen Antworten entehmen, wenn es um Inhalt und Sinn des Stücks geht. „Es ist an sich die Zustandsbeschreibung eines Ehelebens“, erklärt Natalie Ortner. „Er ist ein gescheiterter Schlagersänger, der nie den Ruhm erreichte der ihm seiner Meinung nach zustand. Sie, seine frustrierte Ehefrau – ein ehemaliger Fan, damals in den guten und alten Zeiten aus dem Publikum auserkoren“. Dass dies viel Raum für Komik bietet, liegt auf der Hand. Und doch Richtung Klamauk scheint Martin Engler nicht zu tendieren: „Es ist ein bitterernstes Stück, das vielleicht den einen oder anderen Schmunzler erlauben wird. Aber tief drinnen ist es böse, ernst und bedrückend“.

So viel kann gesagt werden: Mann und Frau (übrigens gespielt von Josiane Peiffer) leben in einem Huis Clos und treiben sich gegenseitig in den Wahnsinn. Dabei gehe es, so Ortner, vorrangig nicht nur um Vergangenheitsbewältigung oder sehnsüchtige Nostalgie nach der Zeit, in der man noch träumen konnte. „Treibende Kraft ist vor allem die Angst ausgegrenzt zu werden, das Einsamkeitsrisiko des dritten Alters und des Prekariats gegenüber den Abgründen der Schlagerhalbwelt“, erklärt sie. Dies hat zur Folge, dass der Mann immer tiefer in eine Scheinwelt der Paranoia hineinrutscht, in der er glaubt abgehört zu werden. Aber nicht, dass das ihn stört, im Gegenteil: Er profitiert von seinem imaginären Publikum um „ihnen“ sein Leben zu erzählen. Rechnet man dann noch dazu, dass zu den Requisiten ein Akkordeon aber auch Hammer und Kettensäge gehören, dann kann man sich vorstellen, dass „Pegel der Gerechtigkeit“ alles sein wird, bloß kein langweiliges und abstraktes Autorentheater.

Zumal die Produktion, neben dem Fakt, dass es sich um eine Uraufführung handelt, noch eine weitere Premiere zu bieten hat. Es ist nämlich auch die erste Regiearbeit von Natalie Ortner. „Auf jeden Fall die erste Produktion bei der die Zügel ganz in meinen Händen liegen“, bemerkt sie. Übrigens arbeitet der Berliner Martin Engler viel für die Hörspielszene, was sich perfekt ergibt, da „Pegel der Gerechtigkeit“ vom Autor eigentlich als Hörspiel angedacht war. Und mit solch einem Text und erfahrenen Schauspielern ist die Regisseurin gut aufgehoben. Außer das Team fiele beim Proben in tiefe Depressionen …

In der Kulturfabrik am 16., 17. und 18. Dezember.


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