ELEKTRO: Trash 3.0

„The Toten Crackhuren im Kofferraum“ sind nicht unbedingt die weibliche Antwort auf „Die Toten Hosen“, sondern die konsequente Weiterführung der Trash-Glamour-Rebellinnen à la „Chicks on Speed“.

„The Toten Crackhuren im Kofferraum“ – hier eher halbtot.

Zugegeben, Fans von ausgefeilter Musik sollten bei „The Toten Crackhuren im Kofferraum“ besser weghören und schnell die Flucht ergreifen. Denn was die neun Mädchen und drei Jungs auf Platte pressen bewegt sich am untersten Niveau der Unterhaltungsmusik und kann höchstens als Beweis dafür dienen, dass heutzutage sogar bekiffte Orang-Utans einen Platinhit schreiben könnten. Aber schließlich kriegt ein Dieter Bohlen das auch immer wieder hin und auch dem Musikantenstadl scheint die Reserve nicht ausgehen zu wollen.

Die Musik – oder besser gesagt das Phänomen – der „The Toten Crackhuren im Kofferraum“ ist eher situationistisch zu verstehen, denn es stellt die Frage, wie weit man gehen kann, mit wieviel schlechter Musik man trotzdem erfolgreich sein kann. Die Legenden um die Bandgründung verstecken sich hinter einem Schleier von übermäßigem Alkohol- und Drogenkonsum. So konnte man einer, natürlich nicht ernst gemeinten, „Home-Story“ in der deutschen Zeitschrift Jungle-World entnehmen, dass „The Toten Crackhuren im Kofferraum“ überhaupt nicht als Band bestehen sollte. Es war ein Phantasiename, erfunden von einer Mädchenclique, die sich mittels der erlogenen Band an ein paar Jungs ranschmeißen wollte – die allerdings wirklich in einer Band spielten. Aber es sollte anders kommen, getreu dem Phänomen der „Self-Fulfilling-Prophecy“ – denn irgendwann war wirklich jemand naiv oder mutig genug die Band zu buchen.

Da half dann auch kein langes Rumdrucksen. Die Mädels mussten auf die Bühne und gaben ein dilettantisches Feuerwerk zum Besten, das dem Publikum noch lange in Erinnerung blieb. Einer jener magischen Momente also, an dem die Grenzen zwischen Mut, Verzweiflung und Draufloshauen verschwimmen. Wahrscheinlich besaßen die ersten Konzerte der Sex Pistols eine ganz ähnliche Aura. Nämlich solche, die entsteht wenn Attitüde auf einmal alles ist und musikalisches wie lyrisches Können im Nirvana entschwinden. Die brutale Demokratisierung der Musik – jeder kann, aber nicht jeder traut sich.

Nun ist es so, dass die ersten Auftritte der Urpunks schon weit über 30 Jahre zurückliegen, die Welt aber anscheinend immer noch Gefallen an ihrem dilettantischem Gestus findet. Und nicht nur das Publikum, sondern auch das Musikbusiness hat es seit dem immer wieder verstanden solche Acts gezielt zu fördern und sich daran zu bereichern. Es ist ja an sich egal wie es klingt, Hauptsache es klingelt in der Kasse.

Und so kommt es, dass auch „The Toten Crackhuren im Kofferraum“ inzwischen bei einem Major-Label gelandet sind – auch wenn die diversen Mitglieder sich dies nur schwer erklären können und auch sonst keine Anstrengungen unternehmen das Pop-Business zu erobern. Denn, im Gegensatz zu „Chicks on Speed“ – die mit einem ähnlichen Konzept große Erfolge erzielten – spielen die verblichenen Cracknutten nicht in Kunstgalerien, sondern scheinen sich auf Dorfdiscos spezialisiert zu haben. Orte an denen nicht die Elite das neueste Pop-Phänomen semantisch seziert, sondern wo noch ordentlich gefeiert werden kann. In dem Sinne haben „The Toten Crackhuren im Kofferraum“ vielleicht nicht die besten Zukunftsperspektiven, bleiben aber allemal sympathischer und realistischer als ihre „großen Schwestern“.

Im Exhaus, am 18. Januar.


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