SOMMERHITZE: Ab in die Kasematten

Kaum ist er da, der Sommer 2004, schon fängt das große Stöhnen an. Gegen schweißtreibende Hitze helfen kühlende Klimaanlagen – doch die können auch krank machen.

Klimaanlage für Hundetage

Für heiße Tage hat die Stadt Luxemburg coole Tipps parat. Folgende Plätze, teilte die Gemeindeverwaltung jüngst in einem Presse Kommuniqué mit, bleiben auch bei großer Hitze angenehm kühl: Grand Théâtre und Musée d’Histoire de la Ville etwa. Oder aber, für die, die’s lieber nicht klimatisiert mögen: die Kirchen und die Kasematten.

Trotz dieser kostenlosen Abkühlmöglichkeiten ist in Luxemburg wie in vielen anderen Ländern der Bedarf an kältespendenden Klimageräten in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Laut Statec wurden hierzulande im Jahr 2003 über acht Millionen Euro in Klimaanlagen investiert. Das sind 1,4 Millionen mehr als drei Jahre zuvor. „Uns rufen regelmäßig Leute an, die wissen wollen, ob sie bei Temperaturen über 30 Grad kein Recht auf klimatisierte Büroräume haben“, sagt Robert Goerens vom Gesundheitsministerium.

Diese Frage muss der Chef de Service in der Division de la Santé au Travail leider verneinen. Tatsache ist jedoch, dass auch diejenigen, die am Arbeitsplatz über eine Klimaanlage verfügen, häufig unzufrieden sind. Klagen über trockene Nase und Augen, Kopf- und Nackenschmerzen oder häufige Erkältungen bekommt auch die Santé regelmäßig zu hören. Daran, dass Klimaanlagen zumindest Teilverursacher des Sick-Building-Syndroms sind, besteht heute kein Zweifel mehr. Bei hoher Sonneneinstrahlung kann die Außen-Luftfeuchtigkeit schon mal unter 30 Prozent sinken – das führt dazu, dass auch die klimatisierte Luft innen extrem trocken wird. Wird sie zu stark befeuchtet, besteht die Gefahr, dass über die Klimaanlage Keime und Sporen in die Räume gepustet werden.

„Vor allem in älteren Gebäude sind die ursprünglich eingebauten Klimageräte oft überfordert“, berichtet Goerens. Ursprünglich ausgelegt für eine kleinere Belegschaft, die etwa an manuellen Schreibmaschinen ihr Tagwerk verrichtet, müssen sie nun die Luft von Räumen, die mit Computern, Scannern und Druckern vollgestopften sind, kühlen. „Die Anlagen werden zu stark aufgedreht, und dann gibt’s häufig Probleme mit zu starken Luftzügen“, so Goerens.

Doch solche Probleme gehören der Vergangenheit an, betonen die Hersteller und weisen auf den großen technischen Fortschritt der vergangenen Jahre hin. „Den gibt es vor allem im Hygienebereich“, bestätigt Thomas Terhorst, Geschäftsführer von der VDI-Gesellschaft für technische Gebäudeausrüstung und Raumlufttechnik in Köln. Moderne Klimaanlagen könnten heute nicht mehr ohne Weiteres als Bakterienschleuder bezeichnet werden, ihre Filteranlagen seien durchaus in der Lage, für saubere Innenluft zu sorgen. „Durch die inzwischen vorgeschriebene Wartung und Instandhaltung hat sich die Situation erheblich verbessert“, sagt Terhorst.

Auch in Luxemburg schreibt die Condition Type Nr. 53.1 vor, dass Klimaanlagen regelmäßig von Fachleuten gewartet, Filter- und Luftbefeuchter mindestens einmal im Jahr überprüft werden müssen. Im Gegensatz zu den deutschen Behörden prüft weder die Santé noch die Inspection du Travail, ob diese Vorschriften auch tatsächlich eingehalten werden. „Systematische Kontrollen gibt es nicht“, räumt Goerens ein. „Wenn sich Leute bei uns über Probleme mit Klimaanlagen beklagen, überprüfen wir die Geräte und führen gegebenenfalls auch Schadstoffmessungen durch.“ Immerhin bei einem Drittel der Kontrollen seien tatsächlich Mängel zu beklagen.

Ein Problem kann jedoch die beste Überwachungsinstanz nicht beheben: die im Fachjargon als „thermische Behaglichkeit“ bezeichnete optimale Temperatur und Luftfeuchte ist von Mensch zu Mensch sehr verschieden. Die Anlage im Großraumbüro so einzustellen, dass alle zufrieden sind, ist demnach ein schwieriges Unterfangen. Auch wissenschaftlich ist die Frage nach der optimalen Luftfeuchtigkeit umstritten. Nicht unter 30 Prozent, empfiehlt die Luxemburger Richtlinie des Arbeitsministeriums. „Wir befürworten jedoch eher eine Einstellung zwischen 40 und 60 Prozent“, sagt Robert Goerens von der Santé. Problematisch sei allerdings, dass viele Anlagen gar nicht über Befeuchtungsmöglichkeiten verfügen. Liegt also die Außenluft unter dem empfohlenen Minimalwert, ist auch innen nicht mehr drin.

Krank durch Kälteschock

Ebenfalls individuell sehr verschieden sind die Schwitz- und Fröstelschwellen. Der Temperaturunterschied zu draußen sollte nicht mehr als acht Grad betragen, schreibt die Inspection du Travail vor. Experten sehen gerade in den Temperaturschwankungen zwischen brütender Außenhitze und kalten Innenräumen die größte Gefahr für die Gesundheit. Wenn beispielsweise von 30 auf 19 Grad runtergekühlt wird, droht ein Kälteschock. Dadurch wird das Immunsystem kurzfristig geschwächt und der Mensch anfälliger für Krankheiten. „Wer sich viel zwischen klimatisierten Räumen und draußen hin und her bewegt, setzt seinen Körper einer großen Belastung aus“, sagt auch Kay Lachmann vom Katalyse-Institut für angewandte Umweltforschung in Köln.

Dasselbe Problem gilt für die inzwischen ebenfalls häufig klimatisierten Autokabinen. Kfz-Klimaanlagen liegen auch in Luxemburg sehr im Trend. Im vergangenen Jahr wurden sechs Mal so viele Autoklimaanlagen verkauft als vor drei Jahren, in diesem Bereich hat der Bedarf hierzulande am stärksten zugenommen. Eine Entwicklung, die ökologisch nicht unbedenklich ist: Zum einen treibt die Klimaanlage den Spritverbrauch um rund zehn Prozent in die Höhe. Zum anderen gelangen während des Betriebs und bei der Entsorgung große Mengen des klimaschädlichen Kältemittels Tetrafluorethan in die Atmosphäre.

Darüber, ob solche Kältespender im Automobil in unseren Breitengraden überhaupt notwendig sind, lässt sich streiten. Fest steht: Die Investition Klimaanlage im Büro zahlt sich aus. Denn bei einer Temperatur von über 22 Grad Celsius ist mit einem Abfall der Leistungsfähigkeit um fünf Prozent pro zusätzlichem Grad zu rechnen. Künftig könnte es jedoch energiesparendere Lösungen geben. US-amerikanische Materialforscher haben eine Fensterbeschichtung entwickelt, die zwar das sichtbare Sonnenlicht durchlässt, aber die infrarote Wärmestrahlung ab einer Temperatur von 29 Grad aussperrt. Nur an der Farbe der Beschichtung muss noch gearbeitet werden. Zur Zeit ist sie gelblich-grün – was dazu führen könnte, dass sich Mitarbeiter zwar nicht krank fühlen, aber vielleicht so aussehen.


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