NATURTEXTILIEN: Als Öko outen? Nein Danke!

Schwerpunkt der diesjährigen Oekofoire sind Naturtextilien. Der Branche geht es mäßig, der Markt ist inzwischen den Schwankungen der schnelllebigen Modewelt ausgesetzt. Fest steht: Fundilook ist nicht mehr angesagt.

„Mein Laden selbst ist das Label.“ Lucien Reger, Inhaber des kleinen Naturtextilienhandels „Pimpampel“ in Bonneweg sieht sich als Vorsortierer für seine Kundschaft. Der Pionier der Luxemburger Branche ist seit 1992 im Geschäft und kennt sich aus im dichten Dschungel der mehr oder weniger aussagekräftigen Gütesiegel. „Ich nehme meinen Käufern gewissermaßen diese Arbeit ab und sie vertrauen mir“, erklärt Reger. Er weiß, dass seine Kriterien nicht selten strenger sind als die seiner KundInnen.

Denn die sind längst nicht so kritisch, wie oft angenommen. Im Gegensatz zum wissbegierigen Ökofreak der 80er Jahre wollen sich die heutige KäuferInnen von Naturtextilien nicht mit allzu viel Info rund ums Produkt belasten. Das ergab eine Umfrage der deutschen Initiative Naturtextil, die im Juli auf der Internationalen Natur Textilmesse (InNatex) durchgeführt wurde. „Sparen Sie sich Ihre Reden, ich will nur das T-Shirt kaufen“, erinnert sich Johanna Cochems, Vorstandsmitglied der Initiative und ehemalige Ladenbesitzerin an den schnippischen Kommentar einer Ex-Kundin. „Heute spielt die Mode eine viel größere Rolle“, sagt auch Lucien Reger. Ökoschnitte haben sich im Laufe der vergangenen Jahre der „normalen“ Mode angepasst. Trotz der inzwischen top-aktuellen Öko-Kollektionen auf dem Markt zögert Reger, allzu trendige Modelle in seinem Laden aufzunehmen. „Wir setzen auf etwas zeitlosere Kleidungsstücke in klassischen Schnitten“, präzisiert der Ökohändler.

Der weitaus größte Teil seiner Kundschaft sind Frauen mittleren Alters. „Bei Kindern läuft ab der Pubertät gar nichts mehr“, so Reger, da seien eher prominente Marken angesagt. Ähnlich beschreibt Viviane Schanck die Klientel in der Naturtextilabteilung des Naturata-Ladens im Rollingergrund. „Bei Männern kommt Öko nicht gut an“, sagt sie, „und Baby- oder Kinderkleidung ist vielen zu teuer.“

„Die Zielgruppe hat sich verändert“, erklärt auch Gabriele Kolompar, Geschäftsführerin der Firma Engel, die Unterwäsche und Strümpfe in Naturtextilqualität herstellt. Und mit ihr auch das Angebot. Grobmaschiger Müsli-Chic in matten Tönen ist längst nicht mehr angesagt. Doch nicht nur aus reiner Eitelkeit: Die Ökokundschaft von heute will sich oftmals nicht als solche outen: Den Klamotten soll man ihre ökologische Herkunft am besten nicht ansehen. „Viele Kunden wollen modisch, schicke Kleider tragen und dabei ein gutes Gefühl haben“, so Kolompar, „als Fundi oder Öko zu gelten, ist jedoch out.“

Dennoch: So ganz aufgeben will man den natürlichen Touch nicht. Auf den Katalogseiten der Firma Engel posieren die Kids in ländlicher Idylle und sitzen dabei auf einer Lokomotive aus Massivholz oder ziehen den nostalgieträchtigen Korbkinderwagen hinter sich her. „Irgendwo muss die Nähe zur Natur ja zum Ausdruck kommen“, erklärt die Geschäftsführerin.

Kein Licht im Label-Dickicht in Sicht*-*f

Kolompar sitzt im Vorstand des Internationalen Verbands der Naturtextilwirtschaft (IVN), der sich seit Jahren darum bemüht Licht in das Label-Dickicht zu bringen – vergeblich. „Die Grundzüge für ein internationales Gütesiegel wurden inzwischen verabschiedet“, verkündet Kolompar. Allerdings saßen bei der IVN längst nicht alle Betroffenen mit am Verhandlungstisch. Für VerbraucherInnen gibt es deshalb kaum Hoffnung, dass der Markt bald übersichtlicher wird.

Wer heute etwa unter www.label-online.de das Stichwort Textilien eingibt bekommt 15 Suchergebnisse. Von Ecoproof, dem Europäischen Umweltzeichen über Greencotton oder Naturtextil und Öko-Tex – bei der Vergabe der Label werden zum Teil sehr unterschiedliche Kriterien angewandt. Unter den handelsüblichen Siegel gibt es zum einen solche, die dem ausgezeichneten Kleidungsstück lediglich eine reine Schadstoffprüfung zertifizieren. Bei anderen Labels werden Anbaumethode der Fasern sowie die Produktionsbedingungen mit berücksichtigt.

Weil keine Einigkeit darüber besteht, was genau unter einer politisch korrekten Ökoklamotte zu verstehen ist, gestaltet sich auch präzise Marktforschung schwer. „Weltweit gesehen wächst der Markt“, beschreibt Gabriele Kolompar die aktuelle Lage. In den vergangenen Jahren hätte sich vor allem der Absatz nach Skandinavien, Großbritannien und in asiatische Länder vergrößert. In Deutschland oder Luxemburg allerdings scheinen die fetten Jahre vorerst vorbei zu sein. „Der Markt stagniert“, so Kolompar. In wirtschaftlich angespannteren Zeiten sei „die Ökologie stärker in den Hintergrund getreten“.

Das bekommen vor allem die umsatzschwächeren EinzelhändlerInnen zu spüren. In den vergangenen Jahren ging der Trend zu großen Unternehmen, die sowohl Natur- als auch konventionelle Kleidung im Sortiment haben. So auch im Versandhandel: Noch 1998 verschickte etwa der schwäbische Hersteller Alb Natur immerhin rund 2.500 Kataloge pro Jahr nach Luxemburg. Damals überlegte Geschäftsführer Eberhard Schmid im Gespräch mit der woxx, ob „wir nicht einen Laden in Luxemburg aufmachen sollen“. Zwei Jahre später wurde Alb Natur vom Versandhandel des World-Wildlife- Fonds „Waschbär“ übernommen. Kurze Zeit später drohte auch Waschbär das Aus, den WWF-Handel übernahm schließlich ein Freiburger Investor. Ein ähnliches Schicksal erlitt das lange Zeit marktführende Unternehmen Hess Natur aus Bad Hamburg. Heinz Hess hatte Mitte der 90er Jahre aufgrund der positiven Marktlage auf Expansion gesetzt – im Jahr 2001 wurde seine Firma schließlich von Neckermann geschluckt.

„Bis 2001 hatten wir starke Zuwachsraten“, bestätigt Lucien Reger, „danach ging der Umsatz leicht zurück“. Diese Entwicklung habe jedoch nichts mit dem Produkt Naturtextilien an sich zu tun, erläutert Viviane Schanck. „Die Kaufkraft hat viel mehr insgesamt nachgelassen.“ Hier spielt letztendlich natürlich auch der höhere Preis der ökologisch korrekten Kleidung eine große Rolle. Momentan sei man an „einem schweren Punkt“ angelangt, so Reger. „Es gehört viel Durchhaltevermögen dazu, mein Arbeitspensum habe ich den äußeren Bedingungen angepasst.“


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