PISA 2003: Nicht versetzt!

Bloß nichts nachhaltig verändern, war das Motto der DP-Bildungspolitik. Damit sich das Pisa-Debakel nicht ständig wiederholt, muss die neue Regierung die Bildungsreform zur Chefsache machen.

„Luxemburgs Schulsystem kann gute Nachrichten gebrauchen.“ Die Aussage von Michel Lanners aus dem Bildungsministerium, Luxemburgs Vertreter im „Pisa-Governing Board“ dürfte symptomatisch für die aktuelle Pisa-Debatte sein. Denn seitdem die Ergebnisse der zweiten weltweiten Bildungsstudie der OECD am vergangenen Dienstag der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, bestimmt offensichtlich erleichtertes Aufatmen die Szenerie. Luxemburgs 15-Jährige haben sich in allen getesteten Bereichen – Mathe, Lesen und Naturwissenschaften – leicht verbessert. In der Mathematik, Schwerpunktfach des aktuellen Pisa-Zyklus, landeten die SchülerInnen gar auf Platz 23. Drei Jahre zuvor mussten sie sich mit einem 30. Platz im internationalen Ländervergleich zufrieden geben. In der neuen Pisa-Kategorie „Problemlösung“, in der es um die Fähigkeit geht, mit Fragen des Alltags umzugehen, liegt Luxemburg mit Platz 23 ebenfalls nur leicht unter dem OECD-Durchschnitt.

Auch bei den Punktwerten, für BildungsforscherInnen eigentlicher Maßstab der Schülerleistungen, haben sich Luxemburgs Pennäler nach vorn gearbeitet und nähern sich dem OECD-Durchschnitt von 500 Punkten an. Beim Rechnen liegen sie vor Norwegen, Spanien und Italien.

Ein Grund zum Aufatmen ist das allerdings nicht, denn die Ergebnisse von Pisa II lassen sich auch anders lesen. So ist der Abstand zur internationalen Spitze nach wie vor riesengroß. Der erneute Testsieger Finnland liegt teilweise mehr als eine Kompetenzstufe vor Luxemburg. Die so genannten Kompetenzstufen sind Skalen, welche die jeweiligen Schülerleistungen in einem Bereich abbilden und so den Ländervergleich ermöglichen. Liest man die Ergebnisse danach, wie gut Luxemburgs Schule ihrem Bildungsauftrag nachkommt – alle Jugendlichen so gut wie möglich auf Leben und Beruf vorzubereiten -, fällt das Pisa-Zeugnis geradezu miserabel aus. Jeder fünfte Schüler ist mit simplem Rechnen überfordert. Fast ein Viertel der getesteten 3.900 Pennäler hat Schwierigkeiten, einfachste Texte zu verstehen.

Noch drastischer sind die Befunde bei MigrantInnen. „Die Leistungsunterschiede zwischen Schülern aus einheimischen Familien und Schülern aus Familien mit Migrationshintergrund betragen (…) teilweise mehr als eine ganze Kompetenzstufe“, heißt es in dem 150-seitigen Länderbericht. Demnach stagnieren die Kompetenzen von Immigrantenkindern auf niedrigstem Niveau. Die schlechteren Bildungschancen lassen sich auch an den verschiedenen Schultypen ablesen: Im technischen Sekundar- und vor allem im Modularunterricht des Régime préparatoire befinden sich seit Jahren überproportional viele Ausländerkinder.

Dass zudem Kinder aus ärmeren Familien und ohne Bücherschrank im Elternhaus im hiesigen Schulsystem die schlechteren Karten haben, hat schon der erste Pisa-Test bewiesen. Pisa II kommt zum gleichen Ergebnis: „In Luxemburg ist die Wahrscheinlichkeit für Schüler in den unteren Schichten mehr als doppelt so groß, dass ihre Mathematikkompetenz nicht die elementare Stufe eins überschreitet, wie für diejenigen, die in eine Familie mit einem durchschnittlichen Sozialstatus geboren wurden.“

Doch während in anderen Ländern wie Belgien und Deutschland, in denen sozial Schwächere ebenfalls geringere Chancen haben, mit Pisa II die Kritik an den ungerechten Bildungssystemen immer massiver – und fundamentaler – wird, bleibt es in Luxemburg erstaunlich ruhig. Nicht einmal die Ausländerorganisation Asti hat sich bisher geäußert – offensichtlich ist sie es leid, immer wieder dasselbe zu kritisieren, wenn dann doch alles beim Alten bleibt.

Dafür, dass sich in nächster Zeit trotz so dramatischer Befunde in Luxemburgs Schulen wenig ändern wird, spricht einiges. Nicht nur, dass die neue Bildungsministerin Mady Delvaux-Stehres auf der Pisa-Pressekonferenz zu verstehen gab, sie möge „das Wort Bildungsoffensive“ nicht, und sie keinerlei Zugeständnisse in Richtung Strukturreformen machte. In einem Interview äußerten sich sowohl die neue Ministerin als auch ihre Vorgängerin Anne Brasseur (DP) skeptisch bis ablehnend gegenüber einer Gesamtschule. Wer dabei etwa die bereits im Pisa-Test 2000 gescheiterten Gesamtschulen in Bremen oder Hamburg im Sinn hat, liegt falsch. Viele so genannte Gesamtschulen verdienen den Namen nicht: Sie bedeuten lediglich, dass sich Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien unter einem Dach befinden.

Gesamtschule bleibt Tabu …

Dass ein langes Beisammensein aller SchülerInnen in einem Klassenverband sich positiv auf deren Leistungen auswirken kann, beweist das finnische Schulsystem. Und auch wenn PolitikerInnen fast aller Parteien (außer Déi Lénk und Déi Gréng) es offenbar nicht gerne hören: Unter dem Stichwort „schulische und soziale Unterschiede“ empfehlen die OECD-BildungsexpertInnen den Verlierer-Ländern „to create more inclusive school structures that reduce segregation among students“.

Das muss, zugegeben, keine Gesamtschule heißen. Aber selbst die deutsche Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) räumt ein, dass es „ziemlich auffällig ist, dass all jene Länder, die wie Deutschland oder auch Ungarn ein mehrgliedriges Schulsystem haben, es nicht schaffen, gerade den Schülerinnen und Schülern aus bildungsfernen Schichten oder sozialen Brennpunkten deutlich bessere Bildungschancen zu eröffnen“. Obwohl besser platziert als Luxemburg, ist das deutsche dreigliedrige Schulsystem seit den jüngsten Pisa-Resultaten in die Defensive geraten. Schleswig-Holstein plant gar als Konsequenz aus der Bildungsmisere eine Gemeinschaftsschule einzuführen, die Kinder bis Ende der neunten oder zehnten Klasse zusammenlässt. Selbstkritische Töne erklingen auch in Belgien – das im Bereich Mathe 15 Plätze vor Luxemburg liegt. Deren Bildungsministerin Marie Arena hat angekündigt, Maßnahmen gegen das enorme Leistungsgefälle zwischen den verschiedenen Sprachregionen (flämisch, deutsch und wallonisch) ergreifen zu wollen.

… echte Reformen auch

Ihre luxemburgische Kollegin erscheint dagegen seltsam passiv. Delvaux-Stehres verweist auf eine laufende Evaluation der Sprachkompetenzen luxemburgischer SchülerInnen durch den Europäischen Rat. Erste Ergebnisse werden für nächstes Jahr erwartet. Was genau die Studie für Erkenntnisse bringen soll, darüber sagte die Ministerin nichts. Auch beim Stichwort „Suche nach Bildungsstandards“, in vielen Pisa-Verliererländern erklärtermaßen Hausaufgabe Nummer eins, blieb die Ministerin auffällig wortkarg. Die „Motivation als Schlüssel zum Erfolg“ ist alles, was ihr bisher konkret einfällt. Doch wie Luxemburgs SchülerInnen motivieren, wenn sie von übervollen Lehrplänen erdrückt werden und ein rigides Notensystem die vermeintlich Guten nach oben und die Schwachen von Kindesbeinen an nach unten selektiert?

Mit der vorgeschlagenen Vereinfachung der Promotionskriterien, einer besseren Betreuung Leistungsschwacher und einer Reform des Modularunterrichts mag die Selektion für einige weniger scharf ausfallen, am Grund-Dilemma des luxemburgischen Schulsystems ändert sich aber nichts: Die Betroffenen werden genauer und womöglich gerechter bewertet – um nach der Primärschule noch präziser auf die jeweiligen Schulzweige verteilt zu werden. Die frühe Trennung in schwache und starke SchülerInnen bleibt derweil unhinterfragtes Heiligtum, ebenso wie die Leistungsfähigkeit des Primärschulunterrichts. Dass dort vieles im Argen liegt, darauf deuten Klagen von SekundarschullehrerInnen hin: Sie stöhnen häufig über mangelhafte Leistungen ihrer neuen Zöglinge, unter anderem bei den Sprachen. „Die haben selbst einfachste Regeln oft nicht verinnerlicht“, so der Seufzer einer Französischlehrerin aus dem Cycle inférieur.

Delvaux’s Hinweis auf „einen Kern mit äußerst motivierten Lehrern, die Pilotprojekte durchführen“, verspricht da kurzfristig kaum Besserung. Projekte haben eine lange Tradition in Luxemburg: Meist verlaufen sie im Sand und hinterlassen alles andere als motivierte LehrerInnen und SchülerInnen.

Das laufende Pilotprojekt im Cycle inférieur des technischen Sekundarunterricht, bei dem die TeilnehmerInnen nicht mehr ganz so viel Unterrichtsstoff pauken müssen und bis zur neunten Klasse in einem Klassenverband zusammengehalten werden, geht zwar in die richtige Richtung. Mit einer fundierten Auswertung dürfte aber frühestens ab 2006 zu rechnen sein – dann steht auch der dritte Pisa-Test, diesmal mit Schwerpunkt Naturwissenschaften, vor der Tür. Eine erneute Blamage gilt beinahe als sicher. Weil an Luxemburgs Schulen Physik und Chemie erst mit 15 Jahren gelehrt werden, hat die Bildungsministerin die Erwartungen an Pisa 2006 schon mal offiziell gedämpft.

Ähnlich ambitionsarm klingt die Ministerin bei der Geschlechterproblematik. Sowohl Pisa I als auch Pisa II belegen gravierende Leistungsunterschiede bei den Geschlechtern. So schneiden die Mädchen signifikant besser im Lesen ab, in der Mathematik sind die Jungen den Mädchen um mehr als eine Nasenlänge voraus. Dafür sei der „schrecklich“ hohe Anteil männlicher Mathelehrer verantwortlich, bedauert Delvaux. Davon, allen Lehrkräften eine umfassende geschlechtersensible Aus- und Fortbildung vorzuschreiben, spricht sie nicht. Bleibt zu hoffen, dass dies bei der geplanten Reform der Grundschullehrerausbildung adäquat berücksichtigt wird. Und Luxemburgs Bildungs-Verantwortliche endlich all die anderen Hausaufgaben anpacken, die sich spätestens seit Pisa aufdrängen, insbesondere die Förderung von Benachteiligten. Sonst bleibt als Zeugnis für das hiesige Schulsystem in puncto Chancengleichheit und soziale Kohäsion nur noch: nicht versetzt!


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