GARTEN: Mobilitätspass für den Mangold

Klein, kompakt und wendig: In puncto Ergonomie ist das Hochbeet ein Fortschritt ? aber das Tischbeet setzt noch eins drauf. Die Modernisierung des Gärtnerns ist nicht aufzuhalten.

„Mein Rücken sagt Ja,“ antworten vor allem Senioren auf die Frage, weshalb Hochbeete in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Gartenboden schießen. Denn Gartenarbeit hält zwar bekanntlich fit, aber die gebückte Haltung beim Unkrautjäten, Säen oder Pflanzen ist Gift fürs Kreuz, genauso wie das immer noch gern praktizierte alljährliche Umgraben – treu nach dem Leitsatz: In Schmerzen sollst du deine Gartenarbeit verrichten.

Doch seit einigen Jahren hat der epikureische Virus auch hiesige Gärten befallen. Mulchen kommt in Mode, auch wenn der Nachbar die Nase über die „Unordnung“ rümpft. Und statt sich tief hinunter zum Boden zu bücken, setzen viele GärtnerInnen neuerdings Teile ihres Gartens eine Etage höher an. Beim „hochgelegten“ Garten wird der Rücken nämlich nicht mehr strapaziert – und das ist nur einer der Vorzüge.

Der Sonne entgegen – das ist das grundlegende Prinzip des Hochbeets. Besonders wärmebedürftige Pflanzen wie Tomaten, Kräuter oder Erdbeeren profitieren aber auch von der unsichtbaren Seite des grünen Eisbergs: Im Innern der meist aus Holzbrettern bestehenden großen Kästen liegt nämlich über einer Schicht zerkleinerter Äste verrottungsfähiges Material wie Gras oder Gartenabfälle. Durch den Verrottungsprozess steigt die Bodentemperatur. Ein weiterer Vorteil ist die bessere Kontrolle über Schädlinge wie Wühlmäuse oder Schnecken – die Hoffnung auf einen völlig schneckenfreien Garten ist leider aber auch hier trügerisch.

Garten auf Rädern

Hochbeete ebnen also auch im Garten dem Recht auf Faulheit den Weg, und die Tischbeete gehen hierbei sogar noch einen Schritt weiter. Zunächst waren sie eher gedacht für Menschen mit reduzierter Mobilität, denn unter den Tisch passt gegebenenfalls auch ein Stuhl oder ein Rollstuhl. Mittlerweile haben aber auch andere GärtnerInnen die Vorzüge der Sache entdeckt: Denn vor allem, wenn es auf Rädern steht, bildet so ein Tischbeet ein Stückchen Garten, das sich nicht nur leicht bearbeiten, sondern auch bequem hin- und hertransportieren lässt. So kann man zum Beispiel besser den Sonnen- bzw. Schattenbedürfnissen der Pflanzen Rechnung tragen. Ist ein Schuppen oder eine Garage auf Gartenebene vorhanden, lässt sich der Garten auf Rädern im Winter zum Pikiertisch oder Vorziehbeet umfunktionieren. Mit einer Plastikhaube versehen, wird sogar ein Frühbeet daraus.

Wie kommt man nun zu einem Tischbeet? Für die einen tut’s ein ausrangierter Tisch, auf dem Wannen oder – bereits erhältlich – speziell dafür vorgesehene und im Winter zusammenklappbare Kunststoffbehälter aufgestellt und mit Erde gefüllt werden. Anderen genügt so ein „Taschengarten“ für Balkon oder Veranda nicht, da muss es schon eine stabilere Konstruktion sein.

Das Grundproblem des Tischbeets ist nämlich die Tiefe, die den Pflanzen zum Wurzeln zur Verfügung steht. Das gärtnerische Prinzip ist zwar das gleiche wie beim Hochbeet, aber die verschiedenen Erd- und Kompostschichten sind naturgemäß weniger dick. Während Tiefwurzler wie Bohnen, Mangold oder rote Rüben im klassischen Hochbeet durchaus noch gelingen, eignet sich der Tischgarten eher für Salate, Zwiebeln oder Erbsen. Eine Herausforderung ist das Bewässerungssystem. Anders als beim Hochbeet, das einfach auf dem Gartengrund aufsitzt, muss das Tischbeet genug Feuchtigkeit vertragen, damit sich die Pflanzen entwickeln, aber auch mit Wasserüberschuss fertigwerden können. Erde und Wasser bringen dabei zusammen einiges Gewicht auf die Waage – das Tischbeet muss also solide konstruiert sein. Außerdem ist zu beachten, dass so ein Kasten im Sommer ein Hitzesammler ist – nicht alle Pflanzen vertragen das.

Do it yourself

Ein fundamentaler Unterschied zum klassischen Hochbeet besteht jedoch: Mangels Kontakts mit dem Gartengrund kommt es nicht zu einem Austausch mit der Fauna der Gartenerde. Regenwürmer und andere Nützlinge finden nicht von selbst den Weg nach oben. Das Tischbeet ist also eher ein gangbarer Kompromiss für Leute mit Platzmangel oder zusätzliche geschützte Anbaufläche für solche, die bereits einen Garten haben, sich aber jedes Jahr über das kahlgefressene Salatbeet ärgern.

Verschiedene Hersteller von Hochbeeten bieten mittlerweile auch Tischbeete an. Wer mit Säge und Schraubmaschine umgehen kann, wird vielleicht aber Spaß daran haben, sich sein Tischbeet selbst zu zimmern. Wenn man nicht Holzreste verwerten kann, wird das allerdings nicht unbedingt billiger als der Griff zur Visakarte. Dafür können die Maße des Tischs aber an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden.

Was man beim Planen ebenfalls beachten sollte: Das Prinzip des Hochbeets bedeutet auch, dass die Erde alle paar Jahre ausgewechselt werden muss. Wer dabei nicht mit der Schaufel auf die Leiter steigen will, sollte es also nicht zu hoch ansetzen – oder so gestalten, dass der Tisch auch mal zur Seite gekippt werden kann. Eine Alternative ist, mehrere tiefe Wannen in das Tischbecken zu integrieren, die bei Bedarf einzeln hochgehoben werden können.

Übrigens: zum Schreinern eines Tischbeets ist auch jetzt noch Zeit: Salate gedeihen das ganze Jahr über.

Beispiel für eine Gebrauchsanleitung zum Selberbauen: http://www.llh-hessen.de/gartenbau/freizeitgartenbau/garten/gaertnern_im_alter/pdf/Tischbeet.pdf


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